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Tage in den Alpen
Allgäu - Großglockner - Dolomiten
Inhalt:
Was macht den Alltag so alltäglich - warum in die Ferne schweifen?
Im Allgäu
Ein Anreise voll der guten Hoffnungen
Aus grünem Tal zu schneebedeckten Gipfeln
Enttäuschung am Vormittag - Vergnügen am Nachmittag
Das Unwetter im Gebirge und eine abenteuerliche Fahrt
Die kleinen Freuden im Dauerregen
Das trockene Ende einer feuchten Reise
Intermezzo I
Am Großglockner
Eine Reise in den Sonnenschein
Glocknerfahrt zur Wetterscheide
Das Hochtor und die Scheitelstrecke
Die Kaiser-Franz-Josefs-Höhe
Auf die Edelweiß-Spitze und ins Mölltal
Der Tauernkönig oder die Pracht des Großglockners
Umzug von den Hohen Tauern in die Dolomiten
Bewegte achtundvierzig Stunden
Aufstieg im Sonnenschein
Absturz in eine böse Nacht
Odyssee zum Zahnarzt
Schon wieder auf dem Heimweg
Intermezzo II
In den Dolomiten
Die klassische Route - über den Brenner ins Pustertal
Rund um den Monte Cristallo
Auf der Großen Dolomitenstraße
Das Pragser Tal im Regen
Eine ungewöhnliche Fahrt - am Ostrand der Dolomiten
Schlechtes Wetter und doch vier Pässe
Abschied von den Drei Zinnen
Nach Hause in den Winterschlaf
Literatur
Was macht den Alltag so alltäglich - warum in die Ferne schweifen?
Der Mai ist gekommen, und uns zieht's wieder mal mächtig aufs Land hinaus.
Eigentlich ist das nichts Besonderes und kaum mehr erwähnenswert, doch gibt es auch
diesmal Gründe zu nennen, die unserer Abreise ein klein wenig den Charakter einer Flucht
verleihen.
Verkneifen wir uns - wenn auch nur mühsam -, auf den vergangenen Winter zu schimpfen,
unsere Antipathie gegen Kälte, Schnee, Eis und ähnliche Widerwärtigkeiten ist
schließlich allseits bekannt. Nein, ein ganz anderes Ereignis hat unseren Zorn erregt und
muß hier unbedingt erwähnt werden. Damit leiten wir unsere Erzählung auch gleich mit
heftigem Geschimpfe auf den Alltag ein und schaffen damit einen augenfälligen Kontrast zu
den Annehmlichkeiten des Reisens, was dieses in um so schönerem Licht erscheinen läßt.
Wohl an: In der Hauptstraße unseres Wohnvororts wird die Kanalisation modernisiert, und
die Straße vor unserem Haus dient derzeit als Umleitung. Dadurch erfahren wir ebenso
lautstark wie leidvoll, was man alles auf der Straße in einen kleinen Vorort hinein- und
natürlich auch wieder herauskarren kann. Eine Aufzählung füllte Seiten und wäre
ermüdend, ein Beispiel kann ich mir aber nicht verkneifen:
So ist alleine unser kleiner Friedhof am Rande der Stadt die Ursache eines heftigen und
der Ruhe des Ortes gar nicht angemessenen Verkehrs. In nur einer Stunde habe ich beim
Morgenkaffee drei Blumenlastautos - zwei Zehntonner und einen fünfachsigen Vierzigtonner
aus Holland - gezählt, alle drei gleich zweimal, hin und zurück. Bei so viel Aufwand
für nur einen Friedhof, kann man leicht ermessen, wieviel Lärm und Gestank die
Versorgung des bescheidenen Geschäftslebens unseres kleinen Vororts verursacht.
Aber da ist ja nicht nur der Verkehr, der lärmt und stinkt: Die Mode
umweltfreundlicher Gartengestaltung der frühen neunziger Jahre ist längst wieder passe.
Bäume werden munter gefällt, Sträucher auf ein Minimum beschnitten, und der englische
Rasen feiert fröhliche Urstände. Wenn einer unserer Nachbarn auch nur ein
Gänseblümchen entdeckt, wirft er seinen schweren Rasenmäher an und fegt donnernd über
die unschuldige Pflanze. Zwei alte Männer haben vor kurzem das Baum- uns Buschwerk eines
ganzen Straßenzugs in nur einer Woche zu Spänen zerschreddert - man konnte ihnen die
Freude bei dieser Arbeit geradezu ansehen. Ach ja, noch etwas: Da gibt es sogar zischende
Geräte, die einen Hochdruck-Wasserstrahl ausstoßen, mit dem man Zäune, Türen, Gehwege
und so weiter sterilisieren kann. Die Erfindungen eines PS-starken Wühlmaus(er)bohrers
oder eines zivilen Flammenwerfers gegen Glatteis stehen allerdings noch aus. Sie werden
wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.
In der Summe kann man das wohl kaum mehr als das geschäftige Werkeln fleißiger
Vorortbewohner bezeichnen, da rumoren wohl eher - für uns - einfach Narren. Obelix würde
treffend bemerken: "Die spinnen, die Städter."
Aber Schluß mit dem Geschimpfe - man weiß jetzt immerhin um die Unbilde, vor denen wir
so gerne aus der Stadt fliehen. Nur noch eine kurze, abschließende Bemerkung: Unser
kleiner Vorgarten ist eine winzige Insel wuchernder Natur inmitten akuratester
Aufgeräumtheit, was sich längst bei allen Vögeln im Süden Nürnbergs herumgesprochen
hat - sie besuchen uns zuhauf. Uns gelüstet jetzt im Frühjahr jedoch nach mehr an solch
halbwegs unvergewaltigter Natur. Uns treibt es hinaus aus dem städtischen Gewusel,
einfach aufs Land, wo es weniger hektisch und sicher gemütlicher zugeht.
Und wir wollen diesmal wirklich hoch hinaus. Die Großglockener Hochalpenstraße ist unser
Ziel, und da geht's alleine mit dem Auto bereits in Höhen von weit über
zweieinhalbtausend Meter.
Warum aber gerade diese hochalpine Panoramastraße? Natürlich reizt uns die enorme Höhe,
es gibt schließlich nur noch zwei Paßstraßen in den Alpen, die ein paar Meter weiter
hinauf führen, das Stilfser Joch (2757 Meter) und den Col-de-l'Iseran (2770 Meter). Den
entscheidenden Impuls für diese Reisepläne gab jedoch ein Buch, die spannende Erzählung
von der Planung und dem Bau dieser Straße von Georg Rigele. Zum ersten Mal wurde uns bei
dieser Lektüre bewußt, welche Fülle an technischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt
politischen Problemen sich vor einem solchen Projekt auftun. Und doch sind es meist nur
einige wenige Menschen - oft ganz unterschiedlichen Naturells - die letztlich hinter ihrer
Überwindung und der Verwirklichung stehen. Die spannende Lektüre hat uns gefesselt und
neugierig gemacht, und wir wollen das Bauwerk - Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen -
auch mal vor Ort in all seiner Pracht bewundern und seinen Schöpfern Franz Wallack und
Franz Rehrl unsere Referenz erweisen.
Nun haben wir aber einen besonders schneereichen Winter hinter uns, und in diesen Höhen
wird das weiße, kalte und glatte Zeugs noch bis lange ins Frühjahr hinein herumliegen -
bäh! Auf eine Internet-Anfrage hin hat man uns aus Heiligenblut geraten, eine solche
Reise nicht vor Ende Juni anzutreten. Bis dahin dauert's uns aber viel zu lange. Wir
stehen bereits seit April in den Startlöchern und können jetzt unsere Frühlingsgefühle
und die daraus erwachsende Ungeduld nicht mehr länger zügeln. Schieben wir doch einfach
eine Spritztour ins Voralpenland ein - dorthin wo es nicht ganz so hoch ist -, genießen
das alpine Frühlingserwachen und üben so schon mal ein wenig für unser eigentliches
Ziel.
Deshalb soll diesmal unsere Erzählung gleich von zwei Reisen berichten, und
letztlich werden - wie das Leben so spielt - sogar drei daraus. Manchmal können eben auch
widrige Umstände höchst angenehme, wenn auch ungeahnte Folgen haben, der geneigte Leser
möge sich überraschen lassen. Alle drei Reisen haben eigentlich außer dem gemeinsamen
Ziel, den Alpen, recht wenig miteinander zu tun haben. Und dennoch gehören sie zusammen
wie Drillinge. Wir haben immer nur das eine Motiv, weg von städtischen Alltag und seinem
Getriebe, hin zu mehr ländlicher Stille und hinaus in die schöne Natur. Es ist die
Sehnsucht nach bunten Frühlingsblumen auf Wiesen und Matten, friedlich grasenden Kühen,
weiten Feldern und dunklen Wäldern ... und die pure Lust auf genüßlich schweifende
Blicke hinunter in ferne Täler oder hinauf zu hohen Gipfeln ...
Über unsere genaueren Pläne bezüglich des Großglockners - und was danach noch folgte -
berichte ich in kurzen Kapiteln zwischen den Reisen. Vorbereitungen für das Alpenvorland
gibt es eigentlich keine. Wer uns kennt, wird schon wissen wo's da hin geht - natürlich
ins Allgäu. Wir warten gerade mal die Eisheiligen ab, fragen telefonisch in einem uns
wohlbekannten Hotel an, ob die Kühe auch schon auf der Weide sind, und versichern uns
eines Zimmers - und dann kann's losgehen.
© Baldur und Hella Markert, Nürnberg, 2000
ISBN: 3-8311-1232-0
Bezugsquellen: der klassische Buchhandel oder der Internet-Buchhandel
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