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Tage in Hellas

Reisen auf der Peloponnes

Dieses Buch erzählt von Reisen im Süden Griechenlands. Unser Basislager beziehen wir in Githio, dem antiken Kriegshafen von Sparta am Lakonischen Golf. Von dort aus fahren wir nach Olympia, Nemea, Korinth, Epidauros, auf die Höhen des Taigetos, in die Niederungen der Eurotasebene, nach Monemvassia, ganz tief hinunter nach Mani und immer wieder nach Sparta.
Landschaften und Ausgrabungsstätten werden beschrieben, wobei unsere besondere Liebe den reizvollen antiken Mythen gilt, die sich darum ranken. Doch auch die mittelalterliche Geschichte Griechenlands kommt nicht zu kurz.

Wir freuen uns über jeden Besucher dieser Seiten, der daran interessiert ist, die folgende Leseprobe auszudrucken, um sie in Ruhe und augenschonend zu lesen. Das übliche Copyright auf Texte und Bilder behalten wir uns selbstverständlich vor.
Ein kurzer Hinweis für den Ausdruck: Der Text befindet sich bereits auf dem Bildschirm vor Ihnen, und Sie müssen nur noch mit der linken Maustaste auf das Druckersymbol in der Kopfzeile Ihres Explorers klicken. Das Bild und diese Zeilen werden dann zwar beim Ausdruck auf der rechten Seite etwas beschnitten, wir haben aber - nach einigem Herumprobieren - den Text der folgenden Geschichte so weit zur Mitte hin verschoben, daß er gut lesbar ausgedruckt werden sollte. Rechnen Sie bitte mit ca. 9 Seiten - und dann viel Vergnügen beim Lesen!

 

Leseprobe

 

Das Museum in Olympia

Wie steht es nun um unsere Kondition? Eigentlich nicht schlecht, ich bin schon nach einer halben Stunde wieder glockenwach und kann auch Hella sofort zu einem aufmunternden 'Kafetakis' an der Hotelbar überreden. Danach sind wir dann schnell unterwegs, gilt es doch heute Nachmittag einige der berühmtesten Kunstwerke der ganzen Antike zu bewundern: im modernen Museum am Kladeos. Der Weg dorthin und der Parkplatz davor sind die gleichen wie für unseren Besuch der Altis heute morgen, nur müssen wir uns jetzt nicht nach rechts zu deren Eingang, sondern andersherum, das heißt gen Norden wenden. Unter den schattenspendenden Bäumen erreicht man so schnell am anderen Ende des Parkplatzes das moderne Museum. Das ist ein schlichter, rechteckiger Zweckbau, mit großzügiger Eingangshalle, Ausstellungssälen rings um einen großen Mittelsaal und zwei kleinen, aber feinen Anbauten. Ein Rundgang bietet sich also geradezu an, man kann sich hier wirklich kaum verlaufen.
Gleich in der Eingangshalle gibt es eine Information mit einem reichlichen Angebot an unterschiedlichsten Publikationen - auch in deutscher Sprache. Man könnte sich auch von dort aus führen lassen, aber man kennt ja inzwischen unsere Vorbehalte gegen Leithammel. So kaufen wir uns lieber als Ergänzung der mitgebrachten Führer zwei reich bebilderte Bücher (Andronicos und Yalouris et alii), dazu einen besonders genauen Plan des Museums, und dann ziehen wir auf eigene Faust los. Ja, und ab jetzt gilt natürlich wieder das gleiche, was ich schon vor unserem Altis-Spaziergang betont habe: Wir wollen und können hier keine systematische Beschreibung des Museums und seiner Exponate abliefern, wir werden uns aus der Überfülle vielmehr ganz gezielt unsere ganz persönlichen Rosinen herauspicken, bestaunen und dazu unsere ebenso ganz persönlichen Eindrücke wiedergeben.
Und so geht es jetzt auch gleich zielstrebig rechts herum und weit nach hinten zum östlichen kleinen Anbau. Hier hat »Der Hermes mit dem Dionysosknaben« von Praxiteles (330 v.Chr.) einen würdigen Platz gefunden. Das Standbild ist so berühmt, man braucht es wohl wirklich nicht zu beschreiben. Und doch ist der Eindruck überwältigend, wenn man dann unter dem mächtigen Sockel steht und zu der 2,13 Meter großen Statue emporblickt ... man kommt sich richtig klein vor. Wie sich der weiße, parische Marmor vom Rot der zart getünchten Wände abhebt und im Licht der indirekten Beleuchtung funkelt! Und welche Worte hat man doch schon alle gefunden, um diesen Anblick zu beschreiben! Da ist von der »lieblichen Drehung« die Rede, mit der sich der Gott an den Baumstumpf lehnt oder von seinem »verträumten und feuchten Blick«. Ich will mich da nicht auch noch versuchen und berichte lieber von der weniger bekannten Geschichte, die das Bildwerk erzählt: Der kleine Dionysos entstammte einem Seitensprung des Zeus mit der Semele. Um ihn vor dem Zorn der eifersüchtigen Hera zu schützen, bringt ihn hier Hermes gerade zu den Nymphen Böotiens.
Verteilten sich auf dem Herweg die Besucher noch angenehm in der Weitläufigkeit der Säle des Museums, so drängt sich hier unter dem Hermes zufällig gerade eine Reisegruppe zusammen. Direkt vor mir hält die Anführerin einen lautstarken Vortrag über das Standbild in englischer Sprache, und wir partizipieren natürlich wieder einmal daran. Ihre Ausführungen sind gar nicht so schlecht, und zudem ist die Dame recht attraktiv. Sie hat ihre blonden Haare in einer sich nach oben verjüngenden Spirale am Hinterkopf gebündelt, so daß ihr ein neckischer Büschel am Hinterhaupt und mir direkt vor der Nase herumwedelt. Das lenkt ein wenig von ihren Worten ab, aber dann werde ich plötzlich doch hellhörig: Der Hermes sei eine der ersten echten Vollplastiken, das heißt, von allen Seiten gleich ansehnlich. Richtig, und man kann hier drin ja auch wirklich um ihn herumgehen - warum stehen wir dann alle auf nur einer Seite? Ich löse mich sofort aus der Gruppe, eile um die Statue herum, und kann in aller Ruhe und ungestört zwei reizvolle, recht ungewöhnliche Bilder von ihrer Kehrseite machen. Das war höchste Zeit, kaum hat die Vortragende ausgesprochen - oder ist es mein Vorbild? - laufen alle nach hinten, um sich auch diese stramme Rückenpartie anzusehen. So kommt es, daß ich hier, im Gegensatz zu allen mir bekannten Führern, auch einmal die Rückseite einer der wohl berühmtesten antiken Plastiken zeigen kann.

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Der Hermes des Praxiteles von hinten

Wir aber ziehen weiter, zur zweiten klassischen Plastik, gleich um die Ecke, im anderen Anbau, zum Norden hin: die »Nike des Paionios« (421 v.Chr.). Der Bildhauer schuf hier ein ganz einmaliges Werk. Die überlebensgroße Figur aus weißem Marmor stand ehemals auf dem schon erwähnten, neun Meter hohen Sockel vor der Ostfront des Zeustempels und schien auf die Erde herniederzuschweben. Die Siegesgöttin war leicht nach vorne geneigt, und mächtige, ausgebreitete Flügel und ein weit wallender Umhang wogen diese Vorwärtsneigung harmonisch aus. Der Anblick muß den Betrachter am Boden tief beeindruckt haben. Und ich muß jetzt mit noch tieferem Bedauern feststellen, die auf uns überkommenen Reste, die man hier vor einem türkisblauen Hintergrund zusammengesetzt hat, können diesen Eindruck kaum mehr vermitteln. Die Flügel, der Umhang, beide Arme fehlen - und am schlimmsten, das Gesicht ist zerstört. Der Kopf, nur noch ein rundlicher Stein, ist mit Hilfe einer schlichten Eisenstange auf dem Körper befestigt. Da ist es viel leichter, die geborstenen Säulen des Zeustempels hochzudenken, als in diesen Torso die Anmut hineinzusehen, wie wir sie in der Rekonstruktion bei Andronicos gefunden habe, die meiner Beschreibung zugrunde liegt.
Nur wenige Meter weiter, im Saal vor dem Anbau, stehen wir dann vor einer ebenfalls sehr bekannten, diesmal allerdings tönernen Figurengruppe: »Der Raub des Ganymedes durch den Zeus« (480-445 v.Chr.). Der Gott ist in einer weit ausschreitenden Bewegung dargestellt, und sowohl er als auch der Knabe auf seinem Arm zeigen einen geradezu verklärten Gesichtsausdruck. Zeus war nämlich in Ganymedes verliebt, entführte ihn in den Olymp und machte ihn zu seinem Mundschenk und Pais, was übrigens seine Gattin Hera gar nicht so gerne sah. Und damit sind wir bei einem faszinierenden Kapitel der Kultur des alten Hellas, der Paiderastía, der Knabenliebe. Was für uns heute ein Verbrechen, war den antiken Griechen ein hohes Gut, galt doch die Knabenliebe als ein wesentlicher Bestandteil der Erziehung männlicher Jugend. Weitergehende Ausführungen dazu würden den Rahmen dieser Erzählung sprengen; ich erwähne das auch nur, weil wir von diesem Kunstwerk wieder einmal daran erinnert werden, wie lückenhaft doch das uns von der Schule vermitteltes Bild der antiken Kultur ist. Dem Leser, der mehr zu diesem Thema erfahren möchte, empfehle ich das sechste Kapitel in Joachim Fernaus Buch oder die sehr ausführliche und reich bebilderte Studie »Ehe, Hetärentum und Knabenliebe im antiken Griechenland« von Carola Reinsberg.
Uns aber hält nun nichts mehr - wir betreten endlich auch den zentralen Saal des Museums und widmen uns intensiv dem berühmten Skulpturenschmuck des Zeustempels. Ich will kurz vorausnehmen, was uns hier erwartet.
Der Gesamteindruck eines griechischen Tempels wird bekanntlich vom Kontrast zwischen den senkrecht in die Höhe strebenden Säulen und den waagerecht darauf lastenden Architraven bestimmt, die ein relativ flaches Giebeldach tragen. Aus dieser Ordnung ergeben sich auch die wesentlichen Schmuckelemente: Das Gebälk des Daches über den eigentlichen Architraven war bei den hölzernen Tempeln des 7.Jh. noch terrakottaverkleidet, wobei dreifach geschlitzte Tryglyphen die tragenden Balken über den Säulen verdeckten, und die, mit mythologischen Szenen verzierten Metopen die Flächen dazwischen füllten. Beim Zeustempel, einer der späteren Steinkonstruktionen aus der Mitte des 5.Jh., wurden die Metopen zu Steinplatten, außen relativ schmucklos, innen, an der Cella, zu farbig bemalten Hochreliefs. Darüber, in den Giebelfelder, den Tympana, an der Vorder- und Rückseite des Tempels, fand sich ein reichhaltiger, thematisch gestalteter Figurenschmuck.
Im Mittelsaal des Museums hat man nun an den Längsseiten jeweils die Figurengruppen des Ost- und Westgiebels wiederaufgebaut, während die Metopen des Frieses der Cella an den kürzeren Seiten dieses rechteckigen Saals ausgestellt sind.
Wir wenden uns zunächst den Figuren des Ostgiebels zu. In diesem östlichen Tympanon, das heißt, direkt über dem Eingang zum Tempel, war die Vorbereitung zum Wagenrennen zwischen Pelops und Oinomaos dargestellt. Dieses mythische Rennen war vermutlich der Ursprung der Olympischen Spiele, und Pelops selbst wurde damit Urvater unzähliger Heroen der antiken Mythologie - eines ganzen Geschlechtes -, so daß ich diese Geschichte unbedingt ausführlicher erzählen muß. Das nehme ich mir für heute abend vor, jetzt sehen wir uns erst einmal an, was man nach zweieinhalb Jahrtausenden von der künstlerischen Gestaltung dieses bedeutsamen Ereignisses ausgegraben hat. Zum Vergleich liegt uns ein eben erstandenes Faltblatt mit der Rekonstruktion vor. Doch das, was wirklich übrig blieb, ist gar arg enttäuschend. Dem allmächtigen Zeus in der Mitte fehlt der Kopf, Pelops ist im Gesicht und an den Beinen verstümmelt, am besten erhalten sind noch Oinomaos und besonders seine Gattin Sterope. Auch die Quadriga der beiden und überhaupt die ganze rechte Seite des Tympanon haben unter den langen Zeitläuften noch am wenigsten gelitten. Doch im ganzen gesehen, fällt es mehr als schwer, die ursprüngliche Pracht in das dramatische Geschehen hineinzusehen.
Wenden wir uns deshalb zur anderen Seite - und welche Überraschung - schon der erste Eindruck ist ein ganz anderer. Im Westgiebel ist die Schlacht zwischen den Lapithen, ihrem König Peirithoos und seinem Gastfreund Theseus einerseits und den Kentauren anderseits dargestellt. Man hatte die Pferdemenschen zur Hochzeit geladen, sie betranken sich, vergriffen sich an den Frauen der Gastgeber, und es kam zum Kampf. Wie oft wurde doch schon die dramatische Dynamik dieses Kampfes in den Figuren des westlichen Tympanon gerühmt - und sie kommt in diesen wenigen Fragmenten vor uns auch wirklich ganz erstaunlich zum Ausdruck. Das ist ein wildes Getümmel: Der König der Kentauren Eurytion ergreift die Braut Deidameia, die sich heftig wehrt, ein anderer Kentaur ringt mit einer Lapithin, und die zum Rande hin schon gestürzten Gestalten sind kämpfend eng ineinander verschlungen.
Hier drängt es sich eigentlich auf, ein wenig mehr über diese seltsamen Gestalten der griechischen Mythologie, eben die Kentauren, und überhaupt von der damit zusammenhängenden Bedeutung des Pferdes für die frühen Griechen zu berichten. Ich fürchte aber, unsere einfache Reiseerzählung ist dafür nicht der rechte Ort, und so kann ich wieder einmal nur auf ein Buch verweisen - diesmal auf Marianne Nichols, die das Thema ausführlich behandelt hat (S.66 ff.).
Wir aber sind eigentlich von etwas ganz anderem fasziniert: Da steht er nun endlich vor uns, der berühmte Apollo, besterhalten, im Mittelpunkt des Kampfgeschehens - und er blickt souverän auf die wildbewegten Gestalten hernieder. Schon lange vor der Reise haben wir uns auf eben diese berühmte Skulptur gefreut und nun stehen wir endlich ehrfürchtig darunter. Ja, ein wenig ehrfürchtig, denn für mich ist dieser Apollo des sogenannten 'Strengen Stils', der beginnenden Klassik um 460 v.Chr., längst zum erlesenen Sinnbild für die ganze griechische Götterwelt geworden, und davon konnte ich inzwischen auch Hella überzeugen. Hier ist alles stimmig - der ruhige Gesichtsausdruck, die straffe Gestalt, die beherrschte Haltung, die sichere Gestik. Ein Gott steht vor uns - und der ordnet nicht an, nein, er ordnet! »Apollon ist hier die Personifikation von Ordnung und Geist über Begierde und Chaos, ...« (Brian de Jongh).

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Apollo aus dem Westgiebel des Zeustempels

Wir laufen jetzt mehrfach in den Anbau mit dem Hermes hinüber und wieder zurück und vergleichen unsere Eindrücke. Gerade mal ein Jahrhundert liegt zwischen diesen beiden Skulpturen, und doch erscheinen sie uns wie aus verschiedenen Welten. Neben Apollo, dem Gott, kommt mir Hermes jetzt geradezu wie ein hübscher, frecher Lümmel vor. Ich meine letzteres nicht etwa abwertend, sondern will damit nur - vielleicht ein wenig überspitzt - den beeindruckenden Kontrast betonen. Ein Kontrast, fast wie zwischen einer wuchtigen romanischen Kirche und einer verspielten Rokokokapelle.
Es dauert eine ganze Weile, bis wir uns dann endlich auch den Metopen an den Schmalseiten des Saales zuwenden. Sie erzählen von den Heldentaten des Herakles. Drei Originale dieser Metopen sind übrigens seit 150 Jahren im Louvre, hier konnte man davon nur mehr Abgüsse ausstellen. Und nach dieser Besichtigung durchstreifen wir ganz unsystematisch auch noch die anderen Säle des Museums. Vielleicht sollte ich dabei etwas zum Thema Fotografieren berichten: Ich verzichte anfänglich, wie ich das von Museumsbesuchen her gewohnt bin, auf die Verwendung eines Blitzgerätes, bemerke aber, daß es um mich herum immer wieder munter blitzt. Da halte ich mich auch nicht mehr zurück, werde aber bald von einer jungen 'Aufsichtsdame' mit erhobenem Zeigefinger angesprochen: »No flashes!« Man wünscht das hier also auch nicht, und man sollte sich daran halten. Übrigens - die Aufnahmen mit auf Stühlen, Säulenstümpfen oder Vitrinen abgestützter Kamera sind sowieso viel besser geworden als die geblitzten.
Irgendwann landen wir auch im Saal mit den Funden aus geometrischen und archaischen Zeiten - meist kleinere Stücke. Schon recht fußlahm lehnen wir beide an einer der vielen Glasvitrinen, und ich erzähle Hella, daß es hier irgendwo im Raum unter all den kleinen Kunstwerken auch zwei Stiere im Joch geben muß, die mir als besonders schön in einem Kunstführer aufgefallen waren. Madame lacht, hebt den Zeigefinger, und was für ein Zufall! In der Vitrine, auf die wir uns lümmeln, und wirklich unmittelbar vor uns, da steht das Objekt meiner Schwärmerei, das bronzerne Stiergespann, gerade etwa zehn mal zehn Zentimeter messend. Danach hätten wir unter den unzähligen Exponaten des Saales ohne diesen glücklichen Zufall lange suchen müssen.
Erwähnen sollte man in diesem Saal aber unbedingt auch ein prachtvolles, stark stilisiertes Pferdchen aus Bronze, das freistehend auf einem eigenen Sockel ausgestellt ist. Diese Plastik ist eines der größeren Fundstücke der geometrischen Sammlung und mißt circa zwanzig Zentimeter in der Höhe. Sie mag als ein Beispiel dafür dienen, wie man unter Verzicht auf fast alle Details, nur durch treffende Form und Haltung, das Typische eines Objektes geradezu perfekt darstellen kann.
Am Ende unseres Besuches sitzen wir müde vor den Giebelverzierungen des Heratempels und vergleichen die Fundstücke mit den Rekonstruktionszeichnungen daneben. Etwas geht mir dabei durch den Sinn: All das war ja einmal farbig, richtig bunt bemalt - auch die bewunderten Tympana des Zeustempels. In einem Dokumentarfilm habe ich einmal gesehen, wir Archäologen der Münchner Glyptothek einen der Ägineten, einen knienden Bogenschützen, auch farblich rekonstruierten. Der Anblick war fast schockierend, widersprach völlig unseren Sehgewohnheiten. Nein, und nochmals nein, das Hochdenken der Säulenstümpfe zu einem unversehrten Tempel ist schon schwer genug. Da will ich nicht auch noch die ursprüngliche Farbe hineindenken ... bewahren wir uns doch lieber die herrliche Vorstellung vom strahlenden Weiß des Marmors. Ganz richtig ist dieses Bild jedoch nicht! Doch was ist schon richtig - an unserer Vorstellung von der Wirklichkeit des antiken Hellas? Nun aber Schluß mit solchen ebenso tiefschürfenden wie müßigen Überlegungen zur fernen Vergangenheit, genießen wir lieber noch ein wenig die Abendsonne im Freien, und all die Farben, die sie eben jetzt in den lichten Wald vor dem Museum zaubert. Zuvor umkreisen wir in der Eingangshalle das Modell des antiken Geländes, das wir heute so ausgiebig durchstreift haben. Ja, und dann lassen wir diese Erlebnisse auf einer Bank im Freien unter den Bäumen noch einmal in Gedanken an uns vorüberziehen, bevor wir endlich den Wagen besteigen und zum Hotel zurückfahren.
Das war es dann aber auch für heute - wir sind ausgesprochen fertig. Die Füßchen sind heißgelaufen, bleierne Müdigkeit steigt über die Waden in immer höhere Regionen, und ich habe mir am linken großen Zehen zu allem Übel auch noch eine dicke Blase angelaufen. So essen wir heute abend hier im Hotel, stellen dabei aber schnell fest, daß wir dies gestern besser auch schon getan hätten.
Die hoteleigene Taverne ist im Garten hinter dem Schwimmbad untergebracht. Man sitzt im Freien unter Olivenbäumen, zwischen üppigem Buschwerk, inmitten eines bunten Blumenmeeres und umfächelt von einer kühlen Abendbrise. In einem Küchenhäuschen, mit offenem Grill davor, werkelt ein Weißgeschürzter mit hoher Kochmütze, die eine schwarze Lockenpracht nur mühsam bändigt. Eine hübsche Griechin bedient uns. Die junge Dame ist ein wenig mollig geraten, dies aber sehr wohlproportioniert, und spricht ein völlig akzentfreies Deutsch. Auf meine Frage hin meint sie: »Ich bin in Deutschland aufgewachsen, und da will ich später auch wieder hin.« Wenn man sich daraufhin in dieser herrlichen Umgebung hier auch nur ein wenig umsieht, fragt man sich allerdings - warum?
Sie serviert uns zwei köstliche, gegrillte Schweinekoteletts, dazu Tomatensalat und Zaziki. So gut haben wir bisher in Griechenland noch nicht gespeist. Mit weit unter den Tisch gestreckten, müden Beinen lassen wir dann bei einem Kafetakis diesen ereignisreichen Tag ausklingen. Und Olympia krönt uns diesen Tag und setzt am Ende unseres Besuchs ein letztes, ganz besonderes Glanzlicht: An einem dunklen, bleigrauen Abendhimmel versinkt die Sonne als glutroter Ball ganz sachte hinter den fernen Bergen. Der Anblick ist so einmalig schön, daß im Lokal die Gespräche verstummen, und auch wir genießen schweigend das prächtige Naturschauspiel.
Dann sind wir wieder auf unserem Zimmer und freuen uns aufs Bettchen. Bevor ich mich nun aber schlafen lege, will ich schnell noch, wie versprochen, die Geschichte vom König Pelops, dem Begründer der Olympischen Spiele, erzählen - quasi als eine Gutenachtgeschichte:

Pelops, der Sohn des Tantalos

Die Sage um Pelops führt uns weit zurück, bis in die Anfänge helladischer Zeiten, ganz in die Nähe der Ursprünge aller griechischen Mythen. Damals wandelten noch Götter unter Menschen - und umgekehrt -, allerdings nicht immer so ganz ohne Konflikte, wie sich gleich zeigen wird.
Tantalos, Sohn des Zeus und der Niobe, der mächtige König Lydiens in Kleinasien (Ovid), ließ seinen eigenen Sohn Pelops »schlachten und zurichten« (Gustav Schwab) und servierte ihn den Göttern zum Mahle, nur so, einfach um deren Allwissenheit zu prüfen. Pindar bestreitet dies, aber die Geschichte ist so hübsch makaber - ein Archetypus menschlicher Hybris -, daß wir sie einfach glauben wollen.
Nein, das Rezept ist leider nicht überliefert. Aber alle Götter - mit Ausnahme der Demeter, die gedankenverloren an einem Schulterblatt knabberte - bemerkten natürlich den Frevel und bestraften ihren Gastgeber mit den bekannten Tantalos-Qualen. Sein Sohn Pelops wurde von der Parze Klotho in alter Pracht wieder hergestellt und das lädierte Schulterblatt durch ein elfenbeinernes ersetzt. Fürs erste entwickelte er sich zu einem frommen Menschen, der die Götter verständlicherweise dankbar ehrte. Er sollte sich später wieder ändern, aber das muß ich hier ja nicht breittreten.
Zunächst ward Pelops König der phrygischen Reiche in Kleinasien, wurde aber von seinen Nachbarn, den Trojanern, vertrieben und landete als Flüchtling auf der Peloponnes, die damals natürlich noch anders geheißen haben muß. Somit war er in Griechenland eigentlich nur ein Zugereister. Bald verliebte er sich hier in die schöne Hippodamia, eine Königstochter aus Elis. Ein düsteres Orakel lastete aber auf deren Vater Oinomaos und prophezeite, er würde noch vor der Hochzeit seiner Tochter sterben. Um dem zu entgehen, veranstaltete der Grausame mit allen Freiern lebensgefährliche Wagenrennen und hatte dabei schon dreizehn verliebte Jünglinge umgebracht - er hatte besondere Rosse, »geschwinder als der Nordwind«.
Pelops gewann mit Hilfe seines Schutzgottes Poseidon und eines üblen Tricks das Rennen: Das Töchterchen Hippodamia war längst in Pelops verliebt, machte ihrerseits den Wagenlenker ihres Vaters, Myrtilos, kirre, der dessen hölzerne Radzapfen durch wächserne ersetzte. So kam der Herr Papa - wie prophezeit - ums Leben, und Pelops gewann seine Hippodamia. Als Myrtilos seinen Lohn, eben diese Hippodamia, einforderte, warf man ihn kurzerhand ins Meer. Im Sterben verfluchte er die beiden, was noch erhebliche Folgen haben sollte - darüber berichte ich aus Mykene. Zunächst aber wurde Pelops ein mächtiger König auf jener Halbinsel, die er später nach sich selbst benennen sollte.
Doch seine besondere Bedeutung und sein Ruhm gründen auch im folgenden: Pelops hat mit lobenswertem Fleiß und enormer Fruchtbarkeit in der griechischen Mythologie sehr viele genetischen Spuren hinterlassen. So zählen zum Beispiel auch Herakles, Theseus und die Atreus-Söhne Agamemnon und Menelaos zu seinen Nachkommen. Bei den Halbgöttern muß man ihn natürlich in den mütterlichen Linien suchen, was ziemlich mühselig und auch verwirrend sein kann.
Im Kleinen Pauly fand ich dann noch eine mehr historische Bemerkung: »Doch scheint Pelops eine argiv. Gestalt (aus Argos) zu sein, die von Auswanderern nach Kleinasien mitgenommen und dort angesiedelt wurde. Sein Name weist ihn als Eponym des verschollenen Stammes der Pelopes aus, nach denen die einwandernden Dorier ihre neue Heimat benannten.« Marianne Nichols sieht im Pelops-Mythos sogar einen der Hinweise darauf, daß auch in helladischen Zeiten noch mehrfach orientalische Führergestalten in Griechenland Fuß fassen konnten. Jaja, wir sollten eben neben unseren indoeuropäischen auch diese orientalischen Wurzeln nicht vergessen!

 

 

© Baldur und Hella Markert, Nürnberg, 2006


ISBN 10: 3-8334-2347-1

ISBN 13: 978-3-8334-2347-5


Bezugsquellen: der klassische Buchhandel oder der Internet-Buchhandel


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