Leseprobe
Das Museum in Olympia
Wie steht es nun um unsere Kondition? Eigentlich nicht schlecht, ich bin schon nach
einer halben Stunde wieder glockenwach und kann auch Hella sofort zu einem aufmunternden
'Kafetakis' an der Hotelbar überreden. Danach sind wir dann schnell unterwegs, gilt es
doch heute Nachmittag einige der berühmtesten Kunstwerke der ganzen Antike zu bewundern:
im modernen Museum am Kladeos. Der Weg dorthin und der Parkplatz davor sind die gleichen
wie für unseren Besuch der Altis heute morgen, nur müssen wir uns jetzt nicht nach
rechts zu deren Eingang, sondern andersherum, das heißt gen Norden wenden. Unter den
schattenspendenden Bäumen erreicht man so schnell am anderen Ende des Parkplatzes das
moderne Museum. Das ist ein schlichter, rechteckiger Zweckbau, mit großzügiger
Eingangshalle, Ausstellungssälen rings um einen großen Mittelsaal und zwei kleinen, aber
feinen Anbauten. Ein Rundgang bietet sich also geradezu an, man kann sich hier wirklich
kaum verlaufen.
Gleich in der Eingangshalle gibt es eine Information mit einem reichlichen Angebot an
unterschiedlichsten Publikationen - auch in deutscher Sprache. Man könnte sich auch von
dort aus führen lassen, aber man kennt ja inzwischen unsere Vorbehalte gegen Leithammel.
So kaufen wir uns lieber als Ergänzung der mitgebrachten Führer zwei reich bebilderte
Bücher (Andronicos und Yalouris et alii), dazu einen besonders genauen Plan des Museums,
und dann ziehen wir auf eigene Faust los. Ja, und ab jetzt gilt natürlich wieder das
gleiche, was ich schon vor unserem Altis-Spaziergang betont habe: Wir wollen und können
hier keine systematische Beschreibung des Museums und seiner Exponate abliefern, wir
werden uns aus der Überfülle vielmehr ganz gezielt unsere ganz persönlichen Rosinen
herauspicken, bestaunen und dazu unsere ebenso ganz persönlichen Eindrücke wiedergeben.
Und so geht es jetzt auch gleich zielstrebig rechts herum und weit nach hinten zum
östlichen kleinen Anbau. Hier hat »Der Hermes mit dem Dionysosknaben« von Praxiteles
(330 v.Chr.) einen würdigen Platz gefunden. Das Standbild ist so berühmt, man braucht es
wohl wirklich nicht zu beschreiben. Und doch ist der Eindruck überwältigend, wenn man
dann unter dem mächtigen Sockel steht und zu der 2,13 Meter großen Statue emporblickt
... man kommt sich richtig klein vor. Wie sich der weiße, parische Marmor vom Rot der
zart getünchten Wände abhebt und im Licht der indirekten Beleuchtung funkelt! Und welche
Worte hat man doch schon alle gefunden, um diesen Anblick zu beschreiben! Da ist von der
»lieblichen Drehung« die Rede, mit der sich der Gott an den Baumstumpf lehnt oder von
seinem »verträumten und feuchten Blick«. Ich will mich da nicht auch noch versuchen und
berichte lieber von der weniger bekannten Geschichte, die das Bildwerk erzählt: Der
kleine Dionysos entstammte einem Seitensprung des Zeus mit der Semele. Um ihn vor dem Zorn
der eifersüchtigen Hera zu schützen, bringt ihn hier Hermes gerade zu den Nymphen
Böotiens.
Verteilten sich auf dem Herweg die Besucher noch angenehm in der Weitläufigkeit der Säle
des Museums, so drängt sich hier unter dem Hermes zufällig gerade eine Reisegruppe
zusammen. Direkt vor mir hält die Anführerin einen lautstarken Vortrag über das
Standbild in englischer Sprache, und wir partizipieren natürlich wieder einmal daran.
Ihre Ausführungen sind gar nicht so schlecht, und zudem ist die Dame recht attraktiv. Sie
hat ihre blonden Haare in einer sich nach oben verjüngenden Spirale am Hinterkopf
gebündelt, so daß ihr ein neckischer Büschel am Hinterhaupt und mir direkt vor der Nase
herumwedelt. Das lenkt ein wenig von ihren Worten ab, aber dann werde ich plötzlich doch
hellhörig: Der Hermes sei eine der ersten echten Vollplastiken, das heißt, von allen
Seiten gleich ansehnlich. Richtig, und man kann hier drin ja auch wirklich um ihn
herumgehen - warum stehen wir dann alle auf nur einer Seite? Ich löse mich sofort aus der
Gruppe, eile um die Statue herum, und kann in aller Ruhe und ungestört zwei reizvolle,
recht ungewöhnliche Bilder von ihrer Kehrseite machen. Das war höchste Zeit, kaum hat
die Vortragende ausgesprochen - oder ist es mein Vorbild? - laufen alle nach hinten, um
sich auch diese stramme Rückenpartie anzusehen. So kommt es, daß ich hier, im Gegensatz
zu allen mir bekannten Führern, auch einmal die Rückseite einer der wohl berühmtesten
antiken Plastiken zeigen kann.

Der Hermes des Praxiteles von hinten
Wir aber ziehen weiter, zur zweiten klassischen Plastik, gleich um die Ecke, im anderen
Anbau, zum Norden hin: die »Nike des Paionios« (421 v.Chr.). Der Bildhauer schuf hier
ein ganz einmaliges Werk. Die überlebensgroße Figur aus weißem Marmor stand ehemals auf
dem schon erwähnten, neun Meter hohen Sockel vor der Ostfront des Zeustempels und schien
auf die Erde herniederzuschweben. Die Siegesgöttin war leicht nach vorne geneigt, und
mächtige, ausgebreitete Flügel und ein weit wallender Umhang wogen diese
Vorwärtsneigung harmonisch aus. Der Anblick muß den Betrachter am Boden tief beeindruckt
haben. Und ich muß jetzt mit noch tieferem Bedauern feststellen, die auf uns
überkommenen Reste, die man hier vor einem türkisblauen Hintergrund zusammengesetzt hat,
können diesen Eindruck kaum mehr vermitteln. Die Flügel, der Umhang, beide Arme fehlen -
und am schlimmsten, das Gesicht ist zerstört. Der Kopf, nur noch ein rundlicher Stein,
ist mit Hilfe einer schlichten Eisenstange auf dem Körper befestigt. Da ist es viel
leichter, die geborstenen Säulen des Zeustempels hochzudenken, als in diesen Torso die
Anmut hineinzusehen, wie wir sie in der Rekonstruktion bei Andronicos gefunden habe, die
meiner Beschreibung zugrunde liegt.
Nur wenige Meter weiter, im Saal vor dem Anbau, stehen wir dann vor einer ebenfalls sehr
bekannten, diesmal allerdings tönernen Figurengruppe: »Der Raub des Ganymedes durch den
Zeus« (480-445 v.Chr.). Der Gott ist in einer weit ausschreitenden Bewegung dargestellt,
und sowohl er als auch der Knabe auf seinem Arm zeigen einen geradezu verklärten
Gesichtsausdruck. Zeus war nämlich in Ganymedes verliebt, entführte ihn in den Olymp und
machte ihn zu seinem Mundschenk und Pais, was übrigens seine Gattin Hera gar nicht so
gerne sah. Und damit sind wir bei einem faszinierenden Kapitel der Kultur des alten
Hellas, der Paiderastía, der Knabenliebe. Was für uns heute ein Verbrechen, war den
antiken Griechen ein hohes Gut, galt doch die Knabenliebe als ein wesentlicher Bestandteil
der Erziehung männlicher Jugend. Weitergehende Ausführungen dazu würden den Rahmen
dieser Erzählung sprengen; ich erwähne das auch nur, weil wir von diesem Kunstwerk
wieder einmal daran erinnert werden, wie lückenhaft doch das uns von der Schule
vermitteltes Bild der antiken Kultur ist. Dem Leser, der mehr zu diesem Thema erfahren
möchte, empfehle ich das sechste Kapitel in Joachim Fernaus Buch oder die sehr
ausführliche und reich bebilderte Studie »Ehe, Hetärentum und Knabenliebe im antiken
Griechenland« von Carola Reinsberg.
Uns aber hält nun nichts mehr - wir betreten endlich auch den zentralen Saal des Museums
und widmen uns intensiv dem berühmten Skulpturenschmuck des Zeustempels. Ich will kurz
vorausnehmen, was uns hier erwartet.
Der Gesamteindruck eines griechischen Tempels wird bekanntlich vom Kontrast zwischen den
senkrecht in die Höhe strebenden Säulen und den waagerecht darauf lastenden Architraven
bestimmt, die ein relativ flaches Giebeldach tragen. Aus dieser Ordnung ergeben sich auch
die wesentlichen Schmuckelemente: Das Gebälk des Daches über den eigentlichen
Architraven war bei den hölzernen Tempeln des 7.Jh. noch terrakottaverkleidet, wobei
dreifach geschlitzte Tryglyphen die tragenden Balken über den Säulen verdeckten, und
die, mit mythologischen Szenen verzierten Metopen die Flächen dazwischen füllten. Beim
Zeustempel, einer der späteren Steinkonstruktionen aus der Mitte des 5.Jh., wurden die
Metopen zu Steinplatten, außen relativ schmucklos, innen, an der Cella, zu farbig
bemalten Hochreliefs. Darüber, in den Giebelfelder, den Tympana, an der Vorder- und
Rückseite des Tempels, fand sich ein reichhaltiger, thematisch gestalteter
Figurenschmuck.
Im Mittelsaal des Museums hat man nun an den Längsseiten jeweils die Figurengruppen des
Ost- und Westgiebels wiederaufgebaut, während die Metopen des Frieses der Cella an den
kürzeren Seiten dieses rechteckigen Saals ausgestellt sind.
Wir wenden uns zunächst den Figuren des Ostgiebels zu. In diesem östlichen Tympanon, das
heißt, direkt über dem Eingang zum Tempel, war die Vorbereitung zum Wagenrennen zwischen
Pelops und Oinomaos dargestellt. Dieses mythische Rennen war vermutlich der Ursprung der
Olympischen Spiele, und Pelops selbst wurde damit Urvater unzähliger Heroen der antiken
Mythologie - eines ganzen Geschlechtes -, so daß ich diese Geschichte unbedingt
ausführlicher erzählen muß. Das nehme ich mir für heute abend vor, jetzt sehen wir uns
erst einmal an, was man nach zweieinhalb Jahrtausenden von der künstlerischen Gestaltung
dieses bedeutsamen Ereignisses ausgegraben hat. Zum Vergleich liegt uns ein eben
erstandenes Faltblatt mit der Rekonstruktion vor. Doch das, was wirklich übrig blieb, ist
gar arg enttäuschend. Dem allmächtigen Zeus in der Mitte fehlt der Kopf, Pelops ist im
Gesicht und an den Beinen verstümmelt, am besten erhalten sind noch Oinomaos und
besonders seine Gattin Sterope. Auch die Quadriga der beiden und überhaupt die ganze
rechte Seite des Tympanon haben unter den langen Zeitläuften noch am wenigsten gelitten.
Doch im ganzen gesehen, fällt es mehr als schwer, die ursprüngliche Pracht in das
dramatische Geschehen hineinzusehen.
Wenden wir uns deshalb zur anderen Seite - und welche Überraschung - schon der erste
Eindruck ist ein ganz anderer. Im Westgiebel ist die Schlacht zwischen den Lapithen, ihrem
König Peirithoos und seinem Gastfreund Theseus einerseits und den Kentauren anderseits
dargestellt. Man hatte die Pferdemenschen zur Hochzeit geladen, sie betranken sich,
vergriffen sich an den Frauen der Gastgeber, und es kam zum Kampf. Wie oft wurde doch
schon die dramatische Dynamik dieses Kampfes in den Figuren des westlichen Tympanon
gerühmt - und sie kommt in diesen wenigen Fragmenten vor uns auch wirklich ganz
erstaunlich zum Ausdruck. Das ist ein wildes Getümmel: Der König der Kentauren Eurytion
ergreift die Braut Deidameia, die sich heftig wehrt, ein anderer Kentaur ringt mit einer
Lapithin, und die zum Rande hin schon gestürzten Gestalten sind kämpfend eng ineinander
verschlungen.
Hier drängt es sich eigentlich auf, ein wenig mehr über diese seltsamen Gestalten der
griechischen Mythologie, eben die Kentauren, und überhaupt von der damit
zusammenhängenden Bedeutung des Pferdes für die frühen Griechen zu berichten. Ich
fürchte aber, unsere einfache Reiseerzählung ist dafür nicht der rechte Ort, und so
kann ich wieder einmal nur auf ein Buch verweisen - diesmal auf Marianne Nichols, die das
Thema ausführlich behandelt hat (S.66 ff.).
Wir aber sind eigentlich von etwas ganz anderem fasziniert: Da steht er nun endlich vor
uns, der berühmte Apollo, besterhalten, im Mittelpunkt des Kampfgeschehens - und er
blickt souverän auf die wildbewegten Gestalten hernieder. Schon lange vor der Reise haben
wir uns auf eben diese berühmte Skulptur gefreut und nun stehen wir endlich ehrfürchtig
darunter. Ja, ein wenig ehrfürchtig, denn für mich ist dieser Apollo des sogenannten
'Strengen Stils', der beginnenden Klassik um 460 v.Chr., längst zum erlesenen Sinnbild
für die ganze griechische Götterwelt geworden, und davon konnte ich inzwischen auch
Hella überzeugen. Hier ist alles stimmig - der ruhige Gesichtsausdruck, die straffe
Gestalt, die beherrschte Haltung, die sichere Gestik. Ein Gott steht vor uns - und der
ordnet nicht an, nein, er ordnet! »Apollon ist hier die Personifikation von Ordnung und
Geist über Begierde und Chaos, ...« (Brian de Jongh).

Apollo aus dem Westgiebel des Zeustempels
Wir laufen jetzt mehrfach in den Anbau mit dem Hermes hinüber und wieder
zurück und vergleichen unsere Eindrücke. Gerade mal ein Jahrhundert liegt zwischen
diesen beiden Skulpturen, und doch erscheinen sie uns wie aus verschiedenen Welten. Neben
Apollo, dem Gott, kommt mir Hermes jetzt geradezu wie ein hübscher, frecher Lümmel vor.
Ich meine letzteres nicht etwa abwertend, sondern will damit nur - vielleicht ein wenig
überspitzt - den beeindruckenden Kontrast betonen. Ein Kontrast, fast wie zwischen einer
wuchtigen romanischen Kirche und einer verspielten Rokokokapelle.
Es dauert eine ganze Weile, bis wir uns dann endlich auch den Metopen an den Schmalseiten
des Saales zuwenden. Sie erzählen von den Heldentaten des Herakles. Drei Originale dieser
Metopen sind übrigens seit 150 Jahren im Louvre, hier konnte man davon nur mehr Abgüsse
ausstellen. Und nach dieser Besichtigung durchstreifen wir ganz unsystematisch auch noch
die anderen Säle des Museums. Vielleicht sollte ich dabei etwas zum Thema Fotografieren
berichten: Ich verzichte anfänglich, wie ich das von Museumsbesuchen her gewohnt bin, auf
die Verwendung eines Blitzgerätes, bemerke aber, daß es um mich herum immer wieder
munter blitzt. Da halte ich mich auch nicht mehr zurück, werde aber bald von einer jungen
'Aufsichtsdame' mit erhobenem Zeigefinger angesprochen: »No flashes!« Man wünscht das
hier also auch nicht, und man sollte sich daran halten. Übrigens - die Aufnahmen mit auf
Stühlen, Säulenstümpfen oder Vitrinen abgestützter Kamera sind sowieso viel besser
geworden als die geblitzten.
Irgendwann landen wir auch im Saal mit den Funden aus geometrischen und archaischen Zeiten
- meist kleinere Stücke. Schon recht fußlahm lehnen wir beide an einer der vielen
Glasvitrinen, und ich erzähle Hella, daß es hier irgendwo im Raum unter all den kleinen
Kunstwerken auch zwei Stiere im Joch geben muß, die mir als besonders schön in einem
Kunstführer aufgefallen waren. Madame lacht, hebt den Zeigefinger, und was für ein
Zufall! In der Vitrine, auf die wir uns lümmeln, und wirklich unmittelbar vor uns, da
steht das Objekt meiner Schwärmerei, das bronzerne Stiergespann, gerade etwa zehn mal
zehn Zentimeter messend. Danach hätten wir unter den unzähligen Exponaten des Saales
ohne diesen glücklichen Zufall lange suchen müssen.
Erwähnen sollte man in diesem Saal aber unbedingt auch ein prachtvolles, stark
stilisiertes Pferdchen aus Bronze, das freistehend auf einem eigenen Sockel ausgestellt
ist. Diese Plastik ist eines der größeren Fundstücke der geometrischen Sammlung und
mißt circa zwanzig Zentimeter in der Höhe. Sie mag als ein Beispiel dafür dienen, wie
man unter Verzicht auf fast alle Details, nur durch treffende Form und Haltung, das
Typische eines Objektes geradezu perfekt darstellen kann.
Am Ende unseres Besuches sitzen wir müde vor den Giebelverzierungen des Heratempels und
vergleichen die Fundstücke mit den Rekonstruktionszeichnungen daneben. Etwas geht mir
dabei durch den Sinn: All das war ja einmal farbig, richtig bunt bemalt - auch die
bewunderten Tympana des Zeustempels. In einem Dokumentarfilm habe ich einmal gesehen, wir
Archäologen der Münchner Glyptothek einen der Ägineten, einen knienden Bogenschützen,
auch farblich rekonstruierten. Der Anblick war fast schockierend, widersprach völlig
unseren Sehgewohnheiten. Nein, und nochmals nein, das Hochdenken der Säulenstümpfe zu
einem unversehrten Tempel ist schon schwer genug. Da will ich nicht auch noch die
ursprüngliche Farbe hineindenken ... bewahren wir uns doch lieber die herrliche
Vorstellung vom strahlenden Weiß des Marmors. Ganz richtig ist dieses Bild jedoch nicht!
Doch was ist schon richtig - an unserer Vorstellung von der Wirklichkeit des antiken
Hellas? Nun aber Schluß mit solchen ebenso tiefschürfenden wie müßigen Überlegungen
zur fernen Vergangenheit, genießen wir lieber noch ein wenig die Abendsonne im Freien,
und all die Farben, die sie eben jetzt in den lichten Wald vor dem Museum zaubert. Zuvor
umkreisen wir in der Eingangshalle das Modell des antiken Geländes, das wir heute so
ausgiebig durchstreift haben. Ja, und dann lassen wir diese Erlebnisse auf einer Bank im
Freien unter den Bäumen noch einmal in Gedanken an uns vorüberziehen, bevor wir endlich
den Wagen besteigen und zum Hotel zurückfahren.
Das war es dann aber auch für heute - wir sind ausgesprochen fertig. Die Füßchen sind
heißgelaufen, bleierne Müdigkeit steigt über die Waden in immer höhere Regionen, und
ich habe mir am linken großen Zehen zu allem Übel auch noch eine dicke Blase angelaufen.
So essen wir heute abend hier im Hotel, stellen dabei aber schnell fest, daß wir dies
gestern besser auch schon getan hätten.
Die hoteleigene Taverne ist im Garten hinter dem Schwimmbad untergebracht. Man sitzt im
Freien unter Olivenbäumen, zwischen üppigem Buschwerk, inmitten eines bunten
Blumenmeeres und umfächelt von einer kühlen Abendbrise. In einem Küchenhäuschen, mit
offenem Grill davor, werkelt ein Weißgeschürzter mit hoher Kochmütze, die eine schwarze
Lockenpracht nur mühsam bändigt. Eine hübsche Griechin bedient uns. Die junge Dame ist
ein wenig mollig geraten, dies aber sehr wohlproportioniert, und spricht ein völlig
akzentfreies Deutsch. Auf meine Frage hin meint sie: »Ich bin in Deutschland
aufgewachsen, und da will ich später auch wieder hin.« Wenn man sich daraufhin in dieser
herrlichen Umgebung hier auch nur ein wenig umsieht, fragt man sich allerdings - warum?
Sie serviert uns zwei köstliche, gegrillte Schweinekoteletts, dazu Tomatensalat und
Zaziki. So gut haben wir bisher in Griechenland noch nicht gespeist. Mit weit unter den
Tisch gestreckten, müden Beinen lassen wir dann bei einem Kafetakis diesen
ereignisreichen Tag ausklingen. Und Olympia krönt uns diesen Tag und setzt am Ende
unseres Besuchs ein letztes, ganz besonderes Glanzlicht: An einem dunklen, bleigrauen
Abendhimmel versinkt die Sonne als glutroter Ball ganz sachte hinter den fernen Bergen.
Der Anblick ist so einmalig schön, daß im Lokal die Gespräche verstummen, und auch wir
genießen schweigend das prächtige Naturschauspiel.
Dann sind wir wieder auf unserem Zimmer und freuen uns aufs Bettchen. Bevor ich mich nun
aber schlafen lege, will ich schnell noch, wie versprochen, die Geschichte vom König
Pelops, dem Begründer der Olympischen Spiele, erzählen - quasi als eine
Gutenachtgeschichte:
Pelops, der Sohn des Tantalos
Die Sage um Pelops führt uns weit zurück, bis in die Anfänge helladischer Zeiten,
ganz in die Nähe der Ursprünge aller griechischen Mythen. Damals wandelten noch Götter
unter Menschen - und umgekehrt -, allerdings nicht immer so ganz ohne Konflikte, wie sich
gleich zeigen wird.
Tantalos, Sohn des Zeus und der Niobe, der mächtige König Lydiens in Kleinasien (Ovid),
ließ seinen eigenen Sohn Pelops »schlachten und zurichten« (Gustav Schwab) und
servierte ihn den Göttern zum Mahle, nur so, einfach um deren Allwissenheit zu prüfen.
Pindar bestreitet dies, aber die Geschichte ist so hübsch makaber - ein Archetypus
menschlicher Hybris -, daß wir sie einfach glauben wollen.
Nein, das Rezept ist leider nicht überliefert. Aber alle Götter - mit Ausnahme der
Demeter, die gedankenverloren an einem Schulterblatt knabberte - bemerkten natürlich den
Frevel und bestraften ihren Gastgeber mit den bekannten Tantalos-Qualen. Sein Sohn Pelops
wurde von der Parze Klotho in alter Pracht wieder hergestellt und das lädierte
Schulterblatt durch ein elfenbeinernes ersetzt. Fürs erste entwickelte er sich zu einem
frommen Menschen, der die Götter verständlicherweise dankbar ehrte. Er sollte sich
später wieder ändern, aber das muß ich hier ja nicht breittreten.
Zunächst ward Pelops König der phrygischen Reiche in Kleinasien, wurde aber von seinen
Nachbarn, den Trojanern, vertrieben und landete als Flüchtling auf der Peloponnes, die
damals natürlich noch anders geheißen haben muß. Somit war er in Griechenland
eigentlich nur ein Zugereister. Bald verliebte er sich hier in die schöne Hippodamia,
eine Königstochter aus Elis. Ein düsteres Orakel lastete aber auf deren Vater Oinomaos
und prophezeite, er würde noch vor der Hochzeit seiner Tochter sterben. Um dem zu
entgehen, veranstaltete der Grausame mit allen Freiern lebensgefährliche Wagenrennen und
hatte dabei schon dreizehn verliebte Jünglinge umgebracht - er hatte besondere Rosse,
»geschwinder als der Nordwind«.
Pelops gewann mit Hilfe seines Schutzgottes Poseidon und eines üblen Tricks das Rennen:
Das Töchterchen Hippodamia war längst in Pelops verliebt, machte ihrerseits den
Wagenlenker ihres Vaters, Myrtilos, kirre, der dessen hölzerne Radzapfen durch wächserne
ersetzte. So kam der Herr Papa - wie prophezeit - ums Leben, und Pelops gewann seine
Hippodamia. Als Myrtilos seinen Lohn, eben diese Hippodamia, einforderte, warf man ihn
kurzerhand ins Meer. Im Sterben verfluchte er die beiden, was noch erhebliche Folgen haben
sollte - darüber berichte ich aus Mykene. Zunächst aber wurde Pelops ein mächtiger
König auf jener Halbinsel, die er später nach sich selbst benennen sollte.
Doch seine besondere Bedeutung und sein Ruhm gründen auch im folgenden: Pelops hat mit
lobenswertem Fleiß und enormer Fruchtbarkeit in der griechischen Mythologie sehr viele
genetischen Spuren hinterlassen. So zählen zum Beispiel auch Herakles, Theseus und die
Atreus-Söhne Agamemnon und Menelaos zu seinen Nachkommen. Bei den Halbgöttern muß man
ihn natürlich in den mütterlichen Linien suchen, was ziemlich mühselig und auch
verwirrend sein kann.
Im Kleinen Pauly fand ich dann noch eine mehr historische Bemerkung: »Doch scheint Pelops
eine argiv. Gestalt (aus Argos) zu sein, die von Auswanderern nach Kleinasien mitgenommen
und dort angesiedelt wurde. Sein Name weist ihn als Eponym des verschollenen Stammes der
Pelopes aus, nach denen die einwandernden Dorier ihre neue Heimat benannten.« Marianne
Nichols sieht im Pelops-Mythos sogar einen der Hinweise darauf, daß auch in helladischen
Zeiten noch mehrfach orientalische Führergestalten in Griechenland Fuß fassen konnten.
Jaja, wir sollten eben neben unseren indoeuropäischen auch diese orientalischen Wurzeln
nicht vergessen!
© Baldur und
Hella Markert, Nürnberg, 2006
ISBN 10: 3-8334-2347-1
ISBN 13:
978-3-8334-2347-5
Bezugsquellen: der klassische Buchhandel oder
der Internet-Buchhandel
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