Dicke Wolkenpakete am Himmel, es tröpfelt sogar ein wenig, wir beeilen uns auf dem Weg
zum Frühstück durchs Freie in den Speisesaal - und was erwartet uns da? Aus dem
Lautsprecher tönt »Oh Island in the Sun ...«, von Harry Belafonte hingebungsvoll
gesungen. Das gibt natürlich Anlaß für so allerhand beißenden Spott, und doch nistet
sich der Song bei Hella als Ohrwurm ein, und sie trällert ihn weiter vor sich hin, bis
... aber davon erzähle ich gleich.
Für heute haben wir feste Pläne: Wetter hin, Wetter her, wir werden in die Cañadas
hinauffahren, und zwar auf dem wunderschönen Weg über Vilaflor, den wir vom Ende unseres
Aufenthaltes anno 2000 her noch in allerbester Erinnerung haben. Und da kopiere ich mir
doch gleich den entsprechenden Abschnitt aus dem 2000er Tagebuch hier herüber, vielleicht
kann ich davon einiges gebrauchen - es macht inzwischen Spaß, uns selbst zu zitieren, wer
hat, der hat.
Wie damals fahren wir über El Socorro hinauf zur Autobahn Norte, über die Conexión zur
Autobahn Sur und dann im Süden der Insel am Meer entlang bis zur richtigen Ausfahrt. Aber
so weit sind wir noch nicht. Vor Portezuelo begegnen uns mehrere Lastwagen, die Kühe,
Ochsen oder Stiere geladen haben; man fährt die Tiere zur Nordküste. Was die wohl damit
vorhaben? Vielleicht ist heute der »Tag der Tenerifener Kuh«, oder so was ähnliches.
Man wird Elisabeth fragen müssen, die Chefin des Atlantis Park Hotels. Und da man auf der
Insel richtige Kühe doch recht selten sieht, nutze ich einfach diese Gelegenheit und
binde hier auch mal ein Bild mit Rindviechern ein - erst vor wenigen Tagen aufgenommen.

Abbildung 2: Zwischen Guamasa und El Socorro: Zwei Kühe vor einem Heuwagen
Der Regen hat sich übrigens verstärkt, und auf der Autobahn geraten wir
dann in dichten Nebel, bei jämmerlichen 12°C Außentemperatur. Doch Hella trällert noch
immer das Liedchen vom sonnigen Eiland vor sich hin, und ich greife den Faden auf und
ulke, daß sie nur abwarten soll, da unten, im Süden, da werden wir so richtig in die
Sonne kommen, ob sie denn auch die Sonnenmilch nicht vergessen habe. Sie fühlt sich
aufgezogen, und auch ich bin vom diesjährigen Wetter so frustriert, daß meine Worte wohl
eher so eine Art von Galgenhumor sind. Aber was passiert? Es geschehen noch Zeichen und
Wunder, eine riesige Überraschung harret unser!
Wir scheren auf die Conexión hinüber, fahren zum Meer hinunter, erreichen die Autopista
Sur und sind plötzlich wirklich im strahlendsten Sonnenschein. Eigentlich ist das nicht
nur Sonnenschein, nein, es ist das Feinste vom Feinen, was Wetter überhaupt bieten kann.
Die Luft ist klar wie selten, beste Fernsichten, kein Wölkchen mehr am Himmel, und die
Berge des Zentralmassives zeichnen sich messerscharf gegen einen dunkelblauen Himmel ab.
Und dort oben, winzig klein und noch in weiter, weiter Ferne, da leuchten die weißen
Türme und Kuppeln des Observatoriums in der Sonne - dahinauf wollen wir heute, auf
langen, langen Umwegen. Wenn wir uns allerdings zurückwenden, können wir die wabernden
Wolkenmassen noch über dem Rücken zwischen Tacoronte und La Laguna sehen, und diese
Wolkenmassen bedingen eine seltsame Kuriosität: So gibt es wirklich kein Wölkchen mehr
direkt über uns, und doch muß ich jetzt noch ein paar Minuten den Scheibenwischer
eingeschaltet lassen, denn der Wind jagt uns einen zarten Schleier von Tröpfchen
hinterher. Aber auch dieser Spuk ist bald vorbei.
Es ist ein herrliches Fahren: kaum Verkehr auf der Autobahn, die Temperatur ist auf 25°C
gestiegen, die Landschaft liegt in einem gleißenden Licht, links der schwarzblaue
Atlantik, rechts das Grün und Braun der Berge. Ich bin in einer wahren Hochstimmung, ja,
so haben wir immer von Teneriffa geträumt - Wärme und Licht, all das, was uns einen
langen Winter so gefehlt hat. Nun brause ich endlich wieder einmal durch diese Halbwüste,
bewundere die Barancos, düstere Schluchten, die Hügel, Schuttkegel und Berge in all den
Farben, wie sie nur ein zorniger Vulkan ausstoßen kann und die Vegetation darauf, die
Wolfsmilchgewächse und all die anderen Überlebenskünstler. Meine Gedanken schweifen ab,
erinnert das nicht ein wenig an Kalifornien - Trockenheit, gleißende Sonne, wohlige
Wärme bis tief unter die Haut -, dort wo wir uns im letzten Jahr wieder einmal
herumgetrieben haben? Und welch ein Zufall - aus den Lautsprechern ertönt justament vom
Band »I bend to California ... lie down my body in the ocean ...« und ähnliches. Was
ist das doch für ein herrliches Gefühl, ich mache meiner Hochstimmung Luft und singe
lauthals mit, als Hellas Stimme ganz lässig von der Seite her tönt: »Ei,ei - Du hast
wieder mal Deinen Kick!?!« Mag ja sein, aber wann hatte ich diese herrlich leichte
Stimmung, dieses Hochgefühl wohl zum letzten Mal? Das scheint wirklich ein ganzes Jahr
her zu sein!
Aber halt, finden wir aus dem Höhenflug der Gefühle wieder zum aktuellen Geschehen
zurück, und ich sollte hier wohl auch ein wenig von der uns so angenehm anregenden
Landschaft erzählen. Wohl an denn - die sogenannte Südküste Teneriffas ist eigentlich
eine Südostküste, die sich in einem sanften Bogen von der Hauptstadt Santa Cruz bis
hinunter zur Südspitze der Insel mit dem Leuchturm »Faro de la Rasca« hinzieht.
Unmittelbar am Meer gibt es einen breiten, relativ flachen Küstenstreifen, auf dem die
Südautobahn Santa Cruz im Norden mit dem Flughafen »Sofia« und den Touristenzentren um
Los Cristianos im Süden verbindet. Jenseits des Küstenstreifens, weiter landeinwärts,
leitet ein fünf bis zehn Kilometer breiter Streifen mehr oder weniger steilen Geländes
in das eigentliche Zentralmassiv der Insel über. Auf halber Höhe dieser, den hohen Berge
vorgelagerten Hänge verläuft die alte Küstenstraße ungefähr parallel zur Autobahn und
verbindt eine ganze Reihe eben dort gelegener, hübscher Städtchen von Arafo, Güimar
über Arico bis Grenadilla.
Wir aber brausen jetzt ganz unten, auf der »Pista Sur« - Länge etwa 70 Kilometer - gen
Süden und haben dabei die allerschönsten Ausblicke. Links unter uns das weite, tiefblaue
Meer, rechts die Hänge und dahinter die hohen Berge in einer Vielfalt von braunen und
grünen Farbtönen, dazwischen immer wieder die weißen Sprenkel der Häuser einzelner
Ortschaften. Küstenstreifen und viele Hanglagen werden bewirtschaftet - Gärten, Felder,
zum Teil mit hellen Planen vor dem Austrocknen geschützt. Dazwischen ziehen wilde
Schluchten, eben die 'barancos', zum Meer, die von den seltenen, aber um so heftigeren
Sturzfluten in den Fels gegraben wurden. Und dann gibt es auch immer wieder kleinere und
größere Vulkankegel zu sehen, düster, schwarz und kahl, von der unheimlichen Aktivität
dieser Vulkaninsel zeugend. Die Autobahn mußte man an vielen Stellen in den Untergrund
geradezu hineinschneiden, und auch die so entstandenen Einschnitte im Gelände zeugen von
dieser Aktivität - mächtige Basaltstrukturen, pechschwarze Felsbrocken, achtkantige
Säulen, oft wie die Pfeifen einer Orgel zu dicken Bündeln vereint. Der Boden ist eben
nicht, wie zum Beispiel in den Alpen, durch Sedimentierung am Grund eines Urzeitmeeres
entstanden, sondern wurde von der erstarrenden Lava der Vulkanausbrüche geformt. Aber es
gibt auch viele Stellen, die eine deutliche Schichtung erkennen lassen, und die erinnern
schon ein wenig an Sedimentablagerungen. Und doch ist es wiederum nur vulkanisches
Material, sozusagen der 'Staub' der Vulkane, der bei den verschiedenen Vulkanausbrüchen
zu Boden gerieselt ist und diese mächtigen, deutlich unterscheidbaren Schichten gebildet
hat.
Abbildung 3: Blick von der Straße über Arafo hinab zur Südküste
Leider finden sich an dieser Autobahn keine Parkplätze, und ich will die Piste heute
auch nicht verlassen. So binde ich hier eben ein Foto ein, das wir einmal von der Straße
über Arafo aus gemacht haben. Auf dem blauen Küstenstreifen im Hintergrund, da brausen
wir jetzt gerade so hochgemut dahin.
Inzwischen nähern wir uns der Ausfahrt »San Isidor - Granadilla - El Medano«. Hier
müssen wir jetzt die Autobahn verlassen. Weiter geht es zunächst durch San Isidor. Der
Ort ist auf einem sanft ansteigenden Hügel erbaut, und seine Hauptstraße verläuft
kerzengerade auf das von uns angepeilte Zentralmassiv zu. Rechts und links die
Häuserzeilen mit vielen Geschäften, den Cafés, den Restaurants mit den einladenden
Tischchen auf dem Gehsteig ... dazwischen die breite, leicht bergan führende Straße mit
einer üppigen Vegetation an den Rändern und auf dem Streifen zwischen den beiden
Fahrbahnen ... überall flanierende Fußgänger, Moped- und Motorradfahrer in voller,
lautstarker Aktion und natürlich Autos aller Größen ... einfach Betrieb, Verkehr,
wuseliges Gedränge und doch ohne jede Hektik - all das mutet uns so angenehm spanisch an.
Und dann traue ich meinen Augen kaum, zwischen den hohen Kanarischen Palmen und den vielen
bunt blühenden Büschen um uns her entdecke ich auch hohe Bäumchen der »Coccoloba
uvifera«, also der Seetraube. Diese Pflanze haben wir erstmals in Punta del Hidalgo und
dann auch anderswo als kleinen Strauch entdeckt, und niemand, nicht einmal Elisabeth, die
sonst so schlaue Chefin des Atlantis, konnte diesen Strauch bestimmen. Ich, ja ich, der
Laie, nicht Hella oder Elisabeth, die Botanikusse, habe ihn dann bei Bramwell gefunden und
im Hotel damit mächtig angegeben - das war vielleicht ein Triumph. Nun sehen wir richtige
Coccoloba-Bäumchen, prachtvolle Gewächse, zum Teil schon weit über vier Meter hoch, und
verstehen, warum man diese dekorative Pflanze auf Teneriffa jetzt auch immer häufiger in
Gärten und Parks heranzieht.
Abbildung 4: Coccoloba uvifera, eine Seetraube - an der Punta del Hidalgo aufgenommen
Überhaupt ist die ganze Atmosphäre hier in diesem kleinen Ort von einem
wohlig-südlichen Flair durchdrungen - die strahlende Sonne, die Wärme, die flachen
weißen Häuser am Straßenrand, diese üppig wuchernde Vegetation dazwischen, das bunte
Treiben -, wir werden richtiggehend angesteckt. Ja, und dann sehe ich eine Szene, die mein
Fotografenherz höher schlagen läßt. Ich versuche sofort zu parken, aber man kennt das
ja, keine Haltemöglichkeit auf der Fahrbahn, von hinten werde ich weitergedrängt, die
nächste Querstraße nach rechts zu einem Parkplatz in Sichtweite ist wegen Bauarbeiten
gesperrt, es gibt auch keine Möglichkeit zu wenden, und dann ist das alles schon wieder
zu spät. So will ich denn versuchen, die Szene wenigstens zu beschreiben, kann aber
versprechen, alles weitere Interessante dieser Exkursion werde ich wirklich im Bild
festhalten und vorzeigen. Nur jetzt muß sich der Leser erst mal nur mit meinen Worten
begnügen:
An einer offenen Telefonzelle steht eine Mädchen und telefoniert mit dem Rücken zu mir -
neckischer, blonder Pferdeschwanz, luftige Bluse, ein knallrotes, kurzes Höschen, lange,
sehr lange, bildhübsche Beine, alles in allem eine Augenweide. An der selben Telefonzelle
lümmelt neben ihr ein Jüngling in gefährlicher Schräglage, doch lässig-gekonnt
anzusehen - nackter, muskulöser Oberkörper, nackte Beine, barfuß, in der Mitte gerade
mal ein tiefergelegter Bermudashorts. Wie der die Kleine dabei anhimmelt, das ist schon
unverschämt, und das ganze Bild atmet so viel Sommer, Sonne, Leichtigkeit - das ist kaum
mehr auszuhalten. Mit dem Teleobjektiv wäre es ein Leichtes, die stimmungsvolle Szene
einzufangen, die beiden würden es gar nicht bemerken, aber ...
Abbildung 5: Blick hinauf zum noch fernen Vilaflor
Wir müssen weiter, durcheilen die noch relativ flachen sechs Kilometer bis Grenadilla
und kreuzen auf uns schon vertrauten Wegen durch diesen Ort. Hella erinnert mich dabei
lachend an eine Katze, die hier einmal brav am Straßenrand wartete, um dann zwischen zwei
Wagen gravitätisch auf einem Zebrastreifen, ja, ganz brav auf einem Zebrastreifen die
Straße zu überqueren - ein selten kluges Tier. Am Ortsende beginnt dann die eigentliche
Auffahrt in die Cañadas. Auf einer Entfernung von weniger als 15 Kilometern Luftlinie
gilt es nun etwa 2000 Höhenmeter zu überwinden. Uns stehen also allerhand enge Kehren
und extreme Steigungen bevor, aber auch herrliche Ausblicke aufs Meer hinab und die
Beobachtung, mit zunehmender Höhe, ständig wechselnder Pflanzengesellschaften.
Wir verlassen Grenadilla und sind schnell auf einer Bergstraße, die unsere Exkursion für
sich alleine schon wert wäre. Seit man vor ein paar Jahren eine neue, breite Straße vom
Flughafen Sofia über Arona hinauf nach Vilaflor gebaut hat, wird dieses Sträßchen hier
zwar arg vernachlässigt - es ist inzwischen eine richtige Holperstrecke geworden -,
dafür gibt es aber auch nur mehr sehr wenig Verkehr, und man kann die wunderschöne
Landschaft ganz ungestört genießen. In engen Schleifen windet sich der Fahrweg am Berg
hoch. Die Bebauung rundum lichtet sich schnell, hört bald ganz auf, und man fährt - für
Teneriffa fast schon ungewöhnlich - durch eine geradezu menschenleere Landschaft mit
einer urwüchsigen, wilden Trockenvegetation.
Abbildung 6: Die Auffahrt nach Vilaflor unter den Eukalyptusbäumen
Uralte Eukalyptusbäume säumen den Weg. Überall wuchern Büsche, die wir zum Teil gar
nicht kennen, ein verfilztes, oft mannshoches Gewirr. Andere sind uns dagegen wohlbekannt,
wie die holzigen Jubas, die fleischigen Kleinien, die riesigen Ampfer oder die stacheligen
Opuntien. Die Kakteen hängen voller Früchte, doch bei so mancher Pflanze kann man auch
noch die reizvollen, gelben Blüten sehen. An vielen Stellen wurde die Straße geradezu in
den steilen Hang hineingefräst, und dann treten beeindruckende Basaltstrukturen zu Tage.
Wendet man sich dagegen zurück, überblickt man die ganze weite Fläche dieses
ungebändigten Berghangs und wie er weiter unten in flacheres Gelände übergeht. Erst
dort unten dann, auf diesem flachen Streifen zum Meer hin, beginnt die Bebauung und die
intensive Bewirtschaftung. Doch gemach, auch diese Ordnung wird sich gleich noch einmal
ändern.
Abbildung 7: Der Blick hinunter zum Meer
Schon deutlich über tausend Höhenmetern tritt der Eukalyptusbestand mit seinem
verfilzten, buschigen Unterholz zurück und beginnt der Kanarischen Kiefer zu weichen.
Ganz unerwartet passieren wir jetzt auch das Schild am Ortseingang von Vilaflor, und
fahren an den ersten Häuser vobei, der eigentliche Ort liegt aber noch hoch über uns am
Hang. Und noch etwas ändert sich hier oben: Im Gebiet der Gemeide wird auf terrassierten
Feldern wieder eine intensive Landwirtschaft betrieben. Wir sehen vor allem Kartoffeln,
zum Teil im schönsten Weiß erblüht, und auch so allerhand Gemüse. Daneben gibt es
sogar Wein, liebevoll an den Hängen oder auf kleinen, von Mäuerchen umgebenen Feldern
gezogen. Was mag das wohl für ein Tröpfchen sein - Vilaflor ist schließlich in mehr als
1400 Metern Höhe über dem Meeresspiegel die am höchsten gelegene Gemeinde ganz
Spaniens.
Abbildung 8: Wein und Opuntien um Vilaflor
Wie genießem wir doch diese sonnige Fahrt auf dem einsamen, kaum mehr genutzten
Sträßchen hinauf in die luftigen Höhen des Zentralmassives! Immer wieder halte ich am
Sraßenrand, und wir strolchen in der Macchie-Vegetation oder zwischen den terrassierten
Feldern umher, bewundern einzelne Pflanzen - ein riesiger Ampfer hat es uns da besonders
angetan - fotografieren oder bestaunen die schönen Ausblicke hinab zum Meer. Aber was
sage ich da? Ganz so einsam sind wir ja gar nicht. Schon kurz hinter Grenadilla überholen
wir zwei Radrennfahrer, die diese Paßstraße offensichtlich zu Trainingszwecken benutzen.
Unsere Wege kreuzen sich dann allerdings immer wieder, und das kommt ganz einfach so: Die
Knaben strampeln stetig nach oben, wobei ihre rasend schnellen Tretbewegungen in einem
geradezu krotesken Gegensatz zur Langsamkeit ihres Vorankommens stehen - das liegt wohl an
den modernen Schaltungen mit den extremen Übersetzungen. Immer wenn wir nun einen unserer
vielen Stopps einlegen, ziehen die Knaben mit hochroten Gesichtern, schnaufend und
schwitzend an uns vorbei, um kurz danach erneut überholt zu werden. Letztlich werden wir
fast gleichzeitig in Vilaflor ankommen. Übrigens, als sie wieder einmal so an uns
vorüberkriechen - wir sitzen gerade gemütlich auf der Kühlerhaube, und ich schmauche
ein Zigarettchen -, fragt Hella allen Ernstes »wozu tragen die eigentlich so
windschnittige Helme, Schneckenhäuschen wären bei dieser Geschwindigkeit doch viel
angemessener?« Jaja, der Spott der Dame ist manchmal ätzend!
Zwischendurch sind wir dann auch immer wieder ganz alleine auf der Straße. Ich zuckele
gerade gemütlich so vor mich hin, als plötzlich ein heller, aufgeregter Schrei an meiner
Seite ertönt: »Halt! - da drüben, ein Natternkopf - zurück, zurück!« Ich bin ganz
perplex, stoppe sofort und rolle folgsam rückwärts ... ja, und dann sehe auch ich die
einmalige Pracht. Ein Feldweg leitet rechts den Hang hinauf, und nur ein paar Meter von
der Straße entfernt reckt tatsächlich ein Natternkopf seine mit unzähligen knallroten
Blüten übersäte Kerze fast zwei Meter hoch in den blauen Himmel. Der Anblick ist
überwältigend. Man würde diese Pflanze hier niemals erwarten, kommt sie doch
ausschließlich und endemisch in den Cañadas vor, heißt im Spanischen »Taginaste rojo«
und trägt, wegen ihrer einmaligen Schönheit, den Ehrentitel »der Stolz Teneriffas«.
Abbildung 9: Der Natternkopf am Wegesrand
Wir fotografieren uns gegenseitig mit der riesigen Pflanze, und ich lege mich sogar mit
dem Rücken auf den Boden, um die riesige Blüte effektvoll vor dem dunklen Blau des
Himmels ins Bild zu setzten. Erst nach einer ganzen Weile können wir uns losreißen, und
es geht weiter bergan. Und obwohl wir uns - wie schon gesagt - bereits innerhalb der
Ortsgrenzen von Vilaflor befinden, geht es noch lange weiter über freies Land, durch die
Wein- und Kartoffelfelder, wobei uns vor allem auch die üppige, wilde Vegetation der
Straßenränder begeistert. Besonders der Kalifornische Mohn wuchert mancherorts so dicht,
daß auf diesen Randstreifen und den Hügel dahinter sein leuchtendes Gelbrot alle anderen
Farben überdeckt. Dazu sollte man erwähnen, es gibt sogenannte Naturschützer, die
wollen dieses hübsche Pflänzchen wieder ausrotten, nur weil es hier auf Teneriffa nicht
endemisch ist. Aber wo ist Natur ohne Wandel, Verdrängung, Umgestaltung - das wird wohl
kaum mehr gelingen, und das finden wir auch gut so!
Abbildung 10: Kalifornischer Mohn im Gegenlicht
In einem sanften Bogen führt die Bergstraße dann endlich auch durch den eigentlichen
Ort Vilaflor. Ein paar weiße Häuser stehen um einen weiten Platz. Den sollte man wohl
eher eine großzügig angelegte Straßenkreuzung nennen, denn hier trifft die neue Straße
aus Arona auf das alte Sträßchen, das wir eben heraufgekommen sind. Doch wir trauen
unseren Augen kaum - was gibt es da herrliches zu sehen: In mehreren Beeten hat man eine
Vielzahl der roten Natternköpfe angepflanzt, die in allen Stadien ihrer Entwicklung, vom
noch grünen Winzling bis hin zur ausgewachsenen, über mannshohen Kerze, in den blauen
Himmel streben. Daher stammt also der Prachtbursche, den wir unterwegs so ausgiebig
bewundert haben; er ist wahrscheinlich von hier ausgebüxt.
Und noch etwas will uns sehr gut gefallen: Direkt an der Straßenkreuzung liegt ein Café
mit einladender Terrasse, wo man im strahlenden Sonnenschein unter bunten Schirmen rasten
und sich erfrischen kann. Sogar ein großzügig bemessener Parkplatz ist vorhanden, auf
den ich natürlich sofort kurve.
Abbildung 11: Das Teide Flor an der Weggabel in Vilaflor
Bevor wir nun Platz nehmen, erspähen meine Augen wieder einmal eine Szene, die mein
Fotografenherz jubeln läßt. Inmitten blühender Natternköpfe steht eine Bank, und auf
der sitzen einige alte Männer und dösen in der Sonne. Das Bild strahlt so viel Frieden
und südländische Gelassenheit aus - das muß ich einfach haben. Ich pirsche mich
heimlich heran und wähle vorsorglich schon eine lange Brennweite. Aber bevor ich noch zum
Schuß komme, schwänzelt auf der anderen Straßenseite ein hübsches, junges Ding im
leichten Sommerkleidchen vorbei ... und aus ist es mit der Gemütlichkeit. Alle Blicke
folgen den aufregenden Bewegungen, und einer der Männer springt sogar auf und verdirbt
mir damit die ganze Komposition. Nun ja, ich kann den Standort und die Brennweite nicht
mehr schnell genug wechseln, um auch noch den Anlaß der Unruhe mit aufs Bild zu bekommen,
drücke trotzdem ab und binde das Bildchen hier ein - der Leser weiß ja nun, worauf die
alten Knaben so fasziniert starren.

Abbildung 12: Die alten Knaben auf der Bank
Im Lokal, es heißt übrigens »Teide Flor«, werden wir dann von einer anderen
hübschen, jungen Spanierin sehr freundlich bedient, der nun meine Blicke unnötig lange
folgen - wie Hella ebenso unnötig, dafür um so spöttischer bemerkt. Aber wie auch immer
- heute scheint einfach alles zu stimmen. Die fesche Dame serviert uns Espresso und
Eistüten. Und während wir uns zurücklehnen und unsere Blicke genüßlich ins Tal hinab
schweifen lassen, strampeln die beiden 'Radrenner' vorbei. Sie haben offensichtlich genug,
wählen die Straße hinunter nach Arona und entschwinden damit endgültig aus unseren
Augen.
Doch schon deutet sich eine neue Reisebegleitung an. Nach der angenehmen Erfrischung
bummeln wir noch ein wenig um das Lokal und sehen da vier geparkte, schwere Motorräder
herumstehen. Während ich noch das schwere, in leuchtenden Metallicfarben lackierte Gerät
bewundere, erscheinen die Herren Besitzer, vier junge Burschen, und nach dem üblichen
Ankleide- und Startzeremoniell von Motorradpulks entschwinden sie in Richtung Teide. Wir
folgen ihnen und werden den Vieren noch des öfteren begegnen.
Ab Vilaflor ist die Straße weiter hinauf in die Cañadas jetzt bestens ausgebaut. Kamen
wir anno 2000 hier noch in zunehmend immer dichtere Wolkenfelder, so herrscht heute der
strahlendste Sonnenschein. Damals mußte ich im Nebel sogar das Licht einschalten, jetzt
können wir unsere Umgebung in aller Klarheit bewundern. Wir sind endgültig in der
Kiefernwaldzone angekommen. Uralte Kiefern säumen unseren Weg. Elisabeth hatte uns
bereits auf diese ganz besonders schönen Bäume aufmerksam gemacht und dabei nicht
übertrieben. Wie hoch recken doch diese Baumriesen ihre mächtigen Kronen in den Himmel.
Aber es gibt noch mehr zu sehen. Auch die neue, gut ausgebaute Straße mußte man an
vielen Stellen in den steilen Hang hineingraben oder gar -sprengen. Hohe Felswände und
tiefe Abgründe grenzen oft dicht an den Straßenrand. Wir haben auch noch selten so
beeindruckende Basaltstrukturen gesehen ... achteckige Pfeiler ragen dicht an dicht wie
die Orgelpfeifen viele Meter nach oben, und da gibt es auch riesige Blöcke, herausragend,
überhängend, oft eng in einander verschachtelt ... manchmal muß man geradezu fürchten,
sie könnten jederzeit herunterfallen. Es ist eine fantastische Fahrt, und wir genießen
jeden einzelnen Meter in vollen Zügen.
Abbildung 13: Basaltstrukturen - aufgenommen über Arafo
Einmal schere ich aus dem Kiefernwald auf eine mit Kies bedeckte Fläche am linken
Fahrbandrand aus, in der Hoffnung auf einen letzten Blick tief hinunter zum Meer. Da gibt
es aber nur einen Abbruch, und darunter ein anderes Kiesfeld mit Wald, und als wir da
unten und durch sind, wiederholt sich dieser Anblick ein weiteres Mal. Die schöne
Aussicht erhaschen wir also nicht mehr, dafür können wir heute die riesigen Kiefern
einmal ganz aus der Nähe und im strahlenden Sonnenschein bewundern. Der Weg zum geparkten
Wagen zurück ist steil und mühsam, und als ich dann schnaufend wieder am Steuer sitze,
drehen die Räder beim Anfahren durch. Nur ganz langsam und sehr vorsichtig kann ich
unseren fahrbaren Untersatz schließlich doch auf die eigentliche Fahrbahn
zurückmanövrieren.
Abbildung 14: Kiefer am Rande des Nationalparks
Nur ein paar hundert Meter weiter treffen wir wieder auf die Motorradfahrer. Sie haben
ihre schweren Maschinen am Waldrand abgestellt, sitzen auf Steinen im Halbkreis, scheinen
etwas zu trinken und zu plaudern. Aber da fehlt doch einer. Hella entdeckt ihn schnell im
Hintergrund. Er streift durch den Wald, bückt sich manchmal und scheint etwas zu suchen.
Hellas Meinung, der Knabe sei am 'Blümchenpflücken', kann ich mich bei diesen rauhen
Gesellen nur schwer anschließen. Aber vielleicht ist doch etwas dran, denn als wir ihnen
ein Stück weiter oben, schon ganz nahe am Kraterrand, wieder begegnen, sind drei von den
vieren mit dieser undefinierbaren Suche beschäftigt. Nur einer bewacht die Motorräder
und schmaucht ein Zigarettchen. Die Vegetation ist hier oben auch tatsächlich
wunderschön, und auch wir beide halten des öfteren und sehen uns am Straßenrand, auf
den Hügeln und unter den zum Teil schroffen Felsen dahinter immer wieder um.
Von Vilaflor kommend, muß man ganz hoch hinauf, über den Kraterrand hinweg und danach
auf einer in die Kraterwand geschmiegten Straße hinunter ins Kraterbecken fahren. Man hat
herrliche Blicke hinüber zum »Pico Viejo«, jenseits der pechschwarzen Lavaströme
seines letzten Ausbruchs. An der »Boca di Tauce« trifft unsere Straße aus Vilaflor auf
die Straße aus Santiago, um dann weiter in den Einsturzkrater, die Cañadas,
hineinzuführen. An dieser Straßengabel öffnet sich uns jetzt auch der Blick auf den
zwar jüngeren, aber noch viel größeren Bruder des Viejo, auf seine Majestät »El
Teide«. Die beiden Vulkane wachsen aus der weitläufigen Ebene der Cañadas hoch in den
Himmel. Diese Ebene, ein sogenannter Einsturzkrater, liegt mehr als 2000 Meter über dem
Meeresspiegel, hat einen Durchmesser von fast zehn Kilometern, und denkt man sich die
zerrissenen, bis zu 2700 Meter Höhe aufgewölbten Ränder hoch, kann man sich nur allzu
gut vorstellen, welch mächtiger Vulkan da in Urzeiten einmal in die Luft geflogen sein
muß, um einen solch riesiges Loch zu hinterlassen.
Abbildung 15: Karte der Las Cañadas
Aber der Vulkanismus ist damit noch lange nicht zur Ruhe gekommen. Der Pico Viejo ist
schon wieder gut 1100 Metern über die 2000 Meter des Kraterbodens hinausgewachsen, der
Teide sogar über 1700. Und damit ist dieser Teide, mit seiner Gesamthöhe von 3718 Metern
über dem Meer, der höchste Berg Spaniens. Anno 1399 ist er vermutlich zum letzten Mal
ausgebrochen. Als Kolumbus 1492 unter Teneriffa vorbeisegelte, sah er eine gewaltige
Explosion - vermutlich der Viejo, und Alexander von Humboldt konnte 1798 einen weiteren
Ausbruch dieses Vulkans erleben. Unsere Fantasie reicht völlig aus, uns die nächste,
vielleicht gewaltigste aller Explosionen vorzustellen - aber wann mag das geschehen? Jetzt
gleich ... in tausend Jahren? - eine müßige Frage.
Hier an der Boca de Tauce treffen wir zum letzten mal auf unsere Motorradrotte. Es gibt da
einen kleinen Mirador - so heißen in Spanien besonders schöne Aussichtspunkte - mit
ummauertem Parkplatz. Darauf stehen die vier Maschinen fein säuberlich nebeneinander,
während es sich ihre Besitzer auf dem Mäuerchen bequem gemacht haben. Welch schöner
Vordergrund für ein Bild von dieser überwältigenden Naturkulisse. Aber das wird gar
nicht so einfach: Eine kleine Japanerin tanzt mir ständig vor der Nase und im Motiv
herum; die junge Dame will ihre Begleitung auf meiner Seite der Straße fotografieren -
vielleicht komme ich sogar mit auf ihr Foto. Ich jedenfalls wappne mich mit Geduld, und
drücke erst auf den Auslöser, als die Sicht wieder frei wird ... diesmal will ich mir
keine Unruhe von einer Frau in die ruhige Komposition tragen lassen! Und als ich dann
abdrücke, da reckt zufällig einer der Motorradritter spontan beide Arme in den Himmel.
Welche Geste! Freude über die gut überstandene, schwierige Auffahrt und Referenz an die
erhabene Schönheit dieses grandiosen Ausblicks?

Abbildung 16: Die Mototrradfahrer vor der Kulisse des Teide
Auf der Weiterfahrt wägen wir dann - wie schon so oft - die Vor- und Nachteile von
Reisen mit dem Motorrad oder dem Auto gegeneinander ab. Gewiss ist man auf so einem
Motorrad der Natur noch ein gutes Stückchen näher, spürt den Fahrwind, die Bewegung,
das Vorankommen ganz unmittelbar und kann noch viele weiterführendere, einsamere,
verwegenere Sträßchen benutzen, als wir es schon tun. Dafür bedarf es aber einer
besonderen Montur, und die will - zumindest teilweise - bei jedem Stopp ab-,
beziehungsweise wieder angelegt werden. Wir dagegen sind immer gleich lässig gekleidet
und stellen einfach, wenn's mal ganz dick kommt, im Wagen die Heizung an. Da ist man
schnell mal draußen - für ein Bierchen, einen Café oder ein Foto - und manchmal noch
schneller wieder drin! Jaja, ein Dach über dem Kopf, gegen Sonne und Regen, das ist etwas
Feines. Wie oft haben wir uns doch schon köstlich über die Motorradler amüsiert, wenn
sie unter Brücken vor Unwettern Schutz suchen mußten, während wir noch flott
vorankamen. Da ist's dann Schluß mit der 'Freiheit auf zwei Rädern'. Vielleicht ... wenn
wir dreißig Jahre jünger wären ... nun ja, aber so gemütlich unterhalten wie eben
jetzt, das könnten wir uns auch dann auf keinen Fall!
Beim folgenden bitten wir den Leser um ein wenig Nachsicht, denn was nun kommt, mag so
manchem kindisch erscheinen, wir aber haben einen Heidenspaß daran: Direkt unter den
»Roques«, einer markanten, schroffen Felsformation, und dem unmittelbar dahinter in den
Himmel strebenden Teide gibt es wieder einen ummauerten Mirador. Wir halten heute hier
eigentlich vor allem, weil ausnahmsweise mal weit und breit kein anderes Auto herumsteht.
Ich balanciere auf dem Mäuerchen hin und her - nur so zum Spaß -, und Hella sieht sich
in der spärlichen Trockenvegetation unmittelbar dahinter ein wenig um. Dabei fallen ihr
die vielen Eidechsen unter und zwischen den Teide-Ginsterbüschen auf. Die sollte man auch
einmal groß ins Bild setzen, aber vorher muß man sie wohl irgendwie erst mal anlocken.
Ich krame unter der Heckklappe des Wagens herum und finde wirklich einige, dick mit
Schokolade überzogen Waffelriegel - so etwas naschen wir manchmal, wenn gerade keine
Kneipe in der Nähe ist. Ob die Eidechsen das auch mögen? Würfelzuckergroße Bröckchen
werden zurechtgemacht, erst mal eines davon auf den Steinplatten hinter der Mauer
deponiert, und dann lauern wir gespannt, bäuchlings auf der Mauer liegend, und ich die
Kamera im Anschlag, was nun passiert.
Abbildung 17: Eidechse mit Schokowaffel
Es dauert kaum eine Minute, und dann kommt schon ein mittelgroßes Eidechschen
angekrabbelt. Das Tier beißt in den Brocken, aber da saust aus dem Schatten der Mauer
schon ein zweites, deutlich größeres hervor, reißt dem kleineren den Köder aus dem
Maul und verschwindet unter den Ginsterbüschen. Das geht alles so blitzschnell, daß ich
nicht zum Schuß komme. Dieses Spielchen wiederholen wir jetzt natürlich noch ein paar
Mal ... Brocken immer an die gleiche Stelle ... die Eidechsen belauern sich ... eine
versucht's, eine andere ist schneller ... und unsere Marschverpflegung entschwindet
langsam aber sicher unter dem Teide-Ginster. Wir haben ein geradezu kindliches Vergnügen
an dieser Fütterung, und mir gelingen auch tatsächlich einige nette Bilder. Aber das
beste kommt zum Schluß: Auf dem heißen Stein ist natürlich einiges von dem Überzug der
Waffeln geschmolzen, und an der Fütterungsstelle bleibt letztlich ein großer
Schokoladefleck zurück. Als es dann keinen Nachschub mehr gibt, kommt auch kein
Krabbeltier mehr - die raufen wahrscheinlich unter dem Ginster um die letzten Brocken
weiter -, bis auf eines, ein ganz kleines: Ein hübsches, leuchtend grün gefärbtes
Eidechschen kommt angeschlichen, beäugt den Fleck und fängt dann an, mit seinem winzigen
Zünglein die Schokolade aufzulecken. Schade, das kann man nicht fotografieren, da
bedürfte es schon einer Macroausrüstung. Die habe ich aber leider nicht dabei, man muß
es uns einfach glauben. So etwas haben wir noch nie gesehen - hoffentlich bekommt es dem
Tierchen!
Nun haben aber auch wir Hunger bekommen. Wir reißen uns von den Eidechsen los, fahren ein
Stück weiter und parken am »Parador«, dem Luxushotel, mitten im Einsturzkrater. In der
Franco-Ära errichtete man an den schönsten Plätzen ganz Spaniens besonders komfortable
Hotels, die sogenannten »Paradores Nacionales de Turismo«, und eines davon steht hier
oben, am schönsten Platz der Cañadas. Früher haben wir im Vorbeifahren gerne mal an der
Hotelbar einen 'café solo' getrunken, inzwischen hat man im Hotel einen
Selbstbedienungs-Imbiß eingerichtet, und da verpflegen wir uns heute - weniger stilvoll
als früher, dafür aber immer noch genauso teuer! Vor dem Lokal gibt es jetzt eine
Terrasse, und hier zu sitzen, den vorzüglichen Marzipankuchen zu essen, Kaffee zu
schlürfen und in den Anblick des alles überragenden Teide zu versinken, versöhnt immer
wieder mit der touristische Entartung dieser Lokalität.
Abbildung 18: Das Parador in den Cañadas
Es ist der einzige Ort auf ganz Teneriffa, an dem wir in all den Jahren noch nie etwas
anderes als strahlenden Sonnenschein erlebt haben - wir saßen hier schon unter blauem
Himmel, wenn es nur wenige hundert Meter weiter hagelte! Zur Linken hin steht, vor dem
Hintergrund der hohen Berge des Kraterrandes, ein kleines Kapellchen. Direkt vor der
Terrasse ziehen sich die schroffen Felsen der Roques hin, und dahinter steigt der Teide
1700 Meter weiter in den Himmel. Zur rechten breitet sich die Ebene der Cañadas aus, mit
dem weit über mannshohen Ginster - riesige, olivgrüne Kugeln -, den gelben Kissen der
'Teide-Schäfchen' und der blauen Katzenminze. Auch in dieser Richtung, ein wenig weiter
entfernt, begrenzt das Randgebirge den Blick, mit seinen erstarrten Lavafeldern und
-strömen in leuchtenden Farben vom Rot über die unterschiedlichsten Brauntöne bis hin
zum tiefsten Schwarz. Hier muß man einfach verweilen. Wir lehnen uns zurück, strecken
die Beine weit von uns und blicken ganz einfach hinauf zur Spitze des Teides und lassen
unsere Blicke über seine leicht nach außen gewölbten Flanken schweifen. Da gibt es
nicht mehr viel zu sagen - alleine der Anblick dieses mächtigen Vulkans ist jede Reise
nach Teneriffa wert!
Abbildung 19: Der Teide mit den Roques im Vordergrund
Übrigens, was ich gerade über das schönen Wetter am Parador erzählt habe,
bestätigt sich auch heute wieder aufs schönste: Wir sitzen hier noch lange im
strahlenden Sonnenschein, auf der Weiterfahrt aber ändert sich das Wetter schnell, wenn
auch nicht so dramatisch wie vor wenigen Tagen, als wir in einen heftigen Hagelsturm
gerieten, und die Straße plötzlich weiß von großen Hagelkörnern war.
Vom Parador aus fährt man zunächst einige Kilometer unter der mächtigen Südostflanke
des Teide entlang. Von hier aus geht die Seilbahn hinauf bis dicht unter den Gipfel, und
eine lange Schlange von Autos steht wieder einmal auf der im Bogen aufwärts führenden
Straße bis hin zur Talstation. Die lassen wir heute einfach links liegen und fahren
weiter in Richtung Portillo, zum östlichen Ausgang des Kraterrundes. Die Straße
durchschneidet mächtige Lavafelder, zum Teide hin sogar richtige Berge, zum Kratergrund
hin ein zerklüftetes Gewirr von bizarren Felsbrocken, Trümmerfeldern und Schluchten. Die
erstarrte Lava leuchtet geradezu in den schon genannten Farben, und in einem weiten
Bereich sind die Felsen von glänzendem Obsidian überzogen.
Doch zurück zum Wetter: Aus dem Kratergrund zu unserer Rechten steigen bald durch die
Senken, Furchen und Spalten weißliche Nebelschwaden herauf. Von einem hohen Schuttkegel
ragt nur noch die Spitze aus dem Dunst, und je näher wir dem Kraterausgang kommen, desto
nebeliger wird es auch auf der Straße. Bei Portillo sind wir von dieser Nebelsuppe dann
endlich völlig eingeschlossen und wissen, daß uns eine 'trübe' Abfahrt bevorsteht. Die
wabernden Wolken steigen von der Nordküste herauf und beginnen von hier aus die Cañadas
zu überfluten. Wir sehen gerade noch, wie eine solche Wolke an der Flanke des Berges
über der Straße hinüber zur Sternwarte Izaña hinankriecht. Bald wird auch hier oben
alles von dieser weißen Pracht eingehüllt sein. Wir aber tauchen jetzt nach links, hinab
auf die Straße ins Orotava-Tal und hinein in die wallenden Wolkenschleier.
Abbildung 20: Nebel aus dem Orotava-Tal überflutet die Cañadas
Man könnte nun meinen, daß solche Abfahrten durch dichten Nebel, ohne irgendwelche
Ausblicke, mit Sichtweiten von manchmal nur wenigen Metern, völlig reizlos seien - für
den Fahrer anstrengend, für den Beifahrer langweilig, und vielleicht insgesamt auch nicht
ganz ungefährlich. Zumindest für uns muß ich das verneinen. Es gilt zwar jetzt die 2000
Höhenmeter auch hier wieder auf weniger als 15 Kilometern Luftlinie zu überwinden, und
das ebenfalls auf einer sehr kurvenreichen Straße. Diese ist aber bestens ausgebaut, und
der Verkehr ist bei solchen Wetterlagen relativ gering - zumindest bis hinunter nach
Orotava. Wir kennen inzwischen die verschiedenen Straßen im Zentralmassiv Teneriffas wie
unsere Westentasche, und damit natürlich auch diese hier, hinunter ins Orotava-Tal.
Selbst bei dichtestem Nebel kann ich mich an der weißen Linie in der Straßenmitte
orientieren, und die gefährlichen Kurven kenne ich im voraus und fahre entsprechend
vorsichtig. Unangenehm sind höchstens manchmal die leichtsinnigen Drängler, die ich
jedoch - wo immer möglich - gerne überholen lasse.
Abbildung 21: Der Kiefernwald im Nebel
So wird es denn eine gemütliche Abfahrt, ich lassen den Wagen meist motorgebremst
rollen, und wir erfreuen uns an dem wenigen, was aus der Nähe am Straßenrand doch alles
zu sehen ist: Finstere Abgründe zur Linken, schroffe Felsen zur Rechten - und umgekehrt
-, eine vor Nässe triefende, üppige Vegetation, mächtige Kiefern, deren Kronen nach
oben im Nebel verschwimmen ... der Nebelwald wird für uns zum Märchenwald, und so
genießen wir geradezu diese romantische Fahrt. Aber da die Schilderung all dieser, für
uns so vielfältigen und reizvollen Details für den Leser sicher eher ermüdend wäre,
will ich hier nur von einer wirklich ganz markanten Stelle dieser Strecke etwas
ausführlicher berichten, der berühmten Basalt-Rose über Orotava, der »Piedra la
Rosa«.
Nach etwa einem Drittel des Weges aus den Cañadas hinunter nach Orotava, bei km 22.5,
gibt es direkt an der Straße eine ganz besondere Laune der Natur zu bewundern. Jenseits
einer kleinen Schlucht blickt man auf einen linsenförmigen Lavastrom, der zum Betrachter
hin wie abgeschnitten erscheint. An der Schnittstelle sind typisch achteckige
Basaltsäulen zum Teil radial um ein längliches Zentrum angeordnet, aus dem kürzere
Säulen und Brocken senkrecht herausragen. Es entsteht so der faszinierende Eindruck einer
steinernen Blüte von über fünf Meter Durchmesser. Dieses beeindruckende Naturwunder ist
leider leicht zu übersehen, da es in einer Kurve, von der Straße ein wenig
zurückversetzt liegt, und weil man den Parkplatz für die Besichtigung wegen des steilen
Geländes etwas oberhalb der Schlucht anlegen mußte. Es lohnt sich also, um die
Kilometersteine 20 bis 25 herum, ein wenig langsamer zu fahren und Ausschau zu halten.
Wir parken natürlich auch heute und laufen durch den dichten Nebel hinunter zur Schlucht.
Kein Mensch ist außer uns weit und breit zu sehen, und weiße Wolkenfetzen ziehen aus dem
Talgrund empor und verdecken zum Teil den Blick auf die so seltsam geformte, erstarrte
Lava. Hinter der wallenden Nebelwand wirkt das Gebilde heute eher wie ein
überdimensionales Insekt, denn wie eine Blume - uns ist fast ein wenig unheimlich zu
Mute. Und weil ich diesen bewegten Eindruck mit der Kamera nicht festhalten kann, binde
ich für den Leser ein wohlgelungenes Foto ein, das ich vor wenigen Tagen und bei
strahlendem Sonnenschein aufgenommen habe.

Abbildung 22: Die Basaltrose über Orotava
Als wir dann weiterfahren, erleben wir einen erneuten Wetterumschwung. Wir sind ja nun
wieder auf der Nordseite der Insel, und heute morgen hat es da noch heftig geregnet - man
erinnere sich. Inzwischen lacht auch hier die Sonne, nur noch einige Schäfchenwolken
tummeln sich am Himmel, und die Temperatur ist auf angenehme 23°C gestiegen. Ja, so macht
der jetzt fällige Besuch im Café Melita doch gleich doppelt so viel Spaß. Ich nehme die
letzten Kurven der Abfahrt voller Schwung, brause mit leicht überhöhter Geschwindigkeit
auf der Autobahn nach Tacoronte, dann geht's flott auf der Küstenstraße am Meer entlang,
und in Tejina schließt sich der Kreis unseres heutigen Ausflugs.
Das geliebte Café Melita, jaja, darüber muß ich kurz ein paar Worte verlieren: Bajamar
und Punta del Hidalgo sind die beiden letzten Orte an der Küstenstraße. Dahinter brechen
die steilen Bergflanken des Anaga-Gebirges direkt und schroff zum Atlantik hin ab. Schon
zwischen diesen beiden Orten verläuft die Küstenstraße in eine solche Flanke
geschmiegt, um kurz hinter Hidalgo, schon hoch über dem Wasser, zu enden. Und ziemlich
genau auf halbem Weg zwischen den Orten hat man besagtes Café noch vor die Straße auf
eine steile Klippe über dem Meer gebaut, eingeklemmt zwischen Fels und Wasser.
Gerahmte Urkunden an den Wänden verkünden stolz von deutschen Meisterwürden des
Konditorhandwerks. Die Wirtsleute haben dieses Wissen längst inniglich mit der Backkunst
der Kanaren verbunden und bieten ihren Gästen täglich eine Vielzahl köstlichster Kuchen
und Torten. Viele Kaffeespezialitäten, vom 'Deutschen Kaffee' bis hin zum Espresso, eine
Theke mit selbstgemachter Eiscreme und eine bestbestückte Bar internationaler Spirituosen
vervollständigen das Angebot.
In diesem Tempel der süßen Genüsse pflegen wir unser - heute etwas verspätetes -
Mittagessen einzunehmen. Eine besondere Komposition hat sich da nach langem Probieren zum
Favoriten gemausert: Jeder drei Eiskugeln - Schokolade, Malaga und Pistazie - mit
reichlich französischem Likör übergossen. Letzteren wechseln wir täglich, und man ist
damit hier wahrlich nicht kleinlich. Heute zu Beispiel füllt uns »Señorita Melita«, so
nennen wir unsere freundliche Bedienung, einen großen Cognac-Schwenker zu gut einem
Drittel mit feinstem Bénédictine, dann ist die Flasche leer. Sie ist damit aber nicht
zufrieden, holt eine neue und füllt das große Glas weiter, bis auf gut die halbe Höhe.
Bei so viel Großzügikeit schnuppern und nippen wir natürlich auch gerne mal an dieser
edlen Flüssigkeit - ob man über Bénédictine wohl gar zum Schnüffler werden kann(?) -,
und doch bleibt uns immer auch noch ein Rest als Würze für den Nachtisch: Jeder von uns
beiden darf mal, von Tag zu Tag wechselnd, ein Stück aus dem reichhaltigen Tortenangebot
auswählen, das uns dann mit zwei Gäbelchen zum abschließenden Espresso gereicht wird.
Wir haben inzwischen fast alle Torten verkostet, eine besser als die andere!
Aber ... es sind nicht nur die süßen Sachen, die uns so viel Freude machen ... es ist
einfach die gesamte Atmosphäre im Melita, alle Sinne kommen da auf ihre Kosten: Auch
heute sitzen wir wieder auf der Terrasse, strecken die Beine weit von uns, löffeln
versonnen am Eis und naschen am Kuchen, plaudern über den schönen Ausflug, lauschen dem
munteren Vogelgezwitscher aus den Volieren eines Nachbargrundstücks, sehen einem Pärchen
von Grasmücken zu, das seine piepsenden Jungen im bunt wuchernden Buschwerk der
Terrassenumrandung großzieht, beobachten huschende Eidechsen und taumelnde
Schmetterlinge, blicken die mächtige Steilwand vor uns hinauf, bis hin zu dem markanten
Felsentor über Bajamar oder lassen unsere Blicke tief hinunter zum Strand mit den
anrollenden Brechern des Atlantik schweifen. Das ist ein langer Satz geworden - ich
könnte ganze Seiten füllen.
Abbildung 23: Auf der Terrasse des Melita
Doch genug der Schwärmerei, machen wir den Rest kürzer. Jetzt geht's erst mal nach
Hause, und wir geben uns einer der schönsten Formen der Muße hin, einem langen
Nickerchen am Nachmittag. Ein Espresso an der Bar des Atlantis macht uns wieder munter.
Dabei will Elisabeth, die Chefin des Hauses, genau wissen, was wir heute wieder einmal so
alles getrieben haben. Sodann gelüstet uns nach ein wenig Bewegung, die wir uns mit einem
langen Spaziergang am Lavastrand unter Hidalgo und im Hafen von Bajamar verschaffen. Wie
schnell doch die Zeit darüber vergeht, es wird Abend, und schon streben wir dem letzten
Höhepunkt des Tages entgegen, dem Abendessen in unserem Stammlokal.

Abbildung 24: Im Dacil, unserem Stammlokal
Diese gastliche Stätte ist nach der legendären, ach so schönen Tochter des letzte
Königs der Guanchen benannt und heißt »Dacil« - welch wohltönender Name. Der Wirt,
ein gebürtiger Bajamarer, hat sein Handwerk vom Lehrling bis zum Hotelchef in langen 19
Jahren auf Sylt gelernt, dort eine rassige Portugiesin geheiratet und ist in vielen
Küchen Europas zu Hause - entsprechend vielfältig ist seine Speisekarte. Wir lassen uns
heute von seinem quicklebendigen und durchaus auch sehenswerten Töchterchen einen
»Kanarischen Kaninchenbraten« servieren. Und mit dieser kulinarischen Köstlichkeit im
Sinn will ich diesen ganz normalen Tag auf Teneriffa endgültig ausklingen lassen.