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Tage am Gardasee
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Baldur
und
Hella


Markert

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Ein  Autorenehepaar  möchte  Ihnen  seine  Bücher  vorstellen **************** Baldur Markert, 1940 in Unterfranken geboren, studierte in München Psychologie und promovierte in Konstanz. Er ist Mitautor psychologischer Fachbücher und verschiedener Beiträge in Fachzeitschriften. In den vorliegenden Reiseberichten übernimmt er die Rolle des Erzählers. Hella Markert, 1941 in Berlin geboren, studierte Botanik und Pharmazie. Beide Autoren haben sich bereits früh dem Reisen verschrieben. Während Hella Markert vornehmlich die Alpen durchstreifte, zog es Baldur Markert schon in jungen Jahren in weite Fernen - bis hin nach Australien und in die Südsee. Längst sind nun beide gemeinsam unterwegs und widmen sich mit Vorliebe der schriftlichen und fotografischen Dokumentation vergangener wie aktueller Reisen. Reisen sind Glanzlichter im Leben - weg von der Routine des Alltags, hinaus in die weite Welt, in fremde Gefilde, zu fremden Menschen, Neues und Unbekanntes entdecken - ja, auch wir reisen nur allzu gerne! Von solchen Reisen erzählen unsere Bücher. Mit ihnen wollen wir den Leser unterhalten und - zumindest in Gedanken - mit auf Reisen nehmen. Vielleicht helfen ihm dabei dann auch die sorgfältig zusammengetragenen Informationen, Land und Leute in der Ferne ein wenig besser zu verstehen. Wer sich für ganze Bücher interessiert, der mag wohl auch eine weitere Bildschirmseite lesen? Wohlan! Über den vier Bildchen stehen hübsche Schlagworte, wie sie nun einmal auf jeder Bildschirmseite nötig sind, um die Aufmerksamkeit des Besuchers einzufangen und in die gewünschte Richtung zu lenken. Aber natürlich sollte man das Thema »Reisen« nicht nur mit ein paar einfachen (Werbe-)Phrasen abtun, und so bitten wir den Besucher dieser Seite, uns noch ein paar Zeilen weiter zu folgen. Wir wollen dabei auch erläutern, was der Leser von unseren Büchern erwarten kann. Zwei unterschiedliche Motive werden bei Reisen gerne einander gegenübergestellt: Bildung und Erholung. Die »Bildungsreise« oder »Studienreise« beinhaltet wohl stets eine gute Vorbereitung, das planvolle Abarbeiten von Sehenswertem und die Orientierung an Fachliteratur und Reiseführern ... »Erholungsreise« dagegen meint faulenzen, sich treiben lassen, gutes Essen, Trinken und Geselligkeit, eben die sprichwörtlich baumelnde Seele ... Beides wird oft als kaum vereinbar dargestellt. Wir sind da ein wenig anderer Meinung. Wie können wir also unsere ganz persönliche Art zu reisen beschreiben? Am Anfang steht da eigentlich immer ein konkretes Ziel, das wir kennenlernen oder auch nur einfach wiedersehen wollen - zum Beispiel eine Landschaft, eine Region oder eine Stadt. Darauf stimmen wir uns dann locker mit allerhand passender Lektüre und fleißigem Kartenstudium ein und genießen schon die Vorfreude auf unser Reiseziel in vollen Zügen. Unterwegs möchte man dann natürlich dem schönen Augenblick auch ein wenig Dauer verleihen, was wir durch emsiges Fotografieren und sorgfältige Tagebuchaufzeichnungen versuchen. Nun ja, und aus der durchaus auch sehr vergnüglichen Nachbereitung - Ausarbeitung der Bilder und Texte - entwickeln sich dann unsere Bücher. Und so verläuft meist die eigentliche Reise: Vor Ort genießen wir jeweils die Annehmlichkeiten einer gepflegten Hotellerie und Gastronomie in vollen Zügen. So erzählen viele Seiten unserer Bücher auch in genüßlicher Breite von den Freuden des Müßiggangs, des Flanierens und Bummelns, von Sonne, Strand und Wärme, von gutem Essen und Trinken. Doch werden nicht auch das bequemste Hotel oder der sonnigste Strand auf die Dauer langweilig? Dann ziehen wir los - früher oder später, zu Land, zu Wasser oder durch die Luft - und sehen uns Land und Leute an. Wo liegen dabei unsere Interessen, was kann der Leser da von uns erwarten? Nein, eine kurze, schnelle Antwort auf diese Frage verweigern wir heftig! Spannen wir lieber einen großen Bogen auf ... vom ersten Blümchen im Frühling über hohe Berge und weite Tälern, hin zur eleganten Flaniermeile, zu stolzen Domen und prunkvollen Schlössern und wieder zurück zum einsamen, winzigen Kapellchen am Wegesrand im Herbstnebel ... die unendliche Vielfalt der Menschen, ihre Geschichte und kleinen Geschichtchen nicht zu vergessen. Noch eine wichtige Bemerkung: Das Mittel unserer Mobilität ist im wesentlichen - mit wenigen Ausnahmen - das Auto, entweder das eigene, oder in weiterer Ferne ein Leihwagen. Nur damit erreichen wir den gewünschten Aktionsradius, eine gewisse Unabhängigkeit von Fahrplänen und natürlich auch vom Wetter. Damit fahren wir die meisten unserer Ziele an, um dann in urbaner Umgebung zu bummeln oder uns in der Natur zu ergehen. Man muß das erwähnen, weil das Auto immerhin in den letzten Jahrzehnten durch allerhand Mißbrauch ein wenig in Verruf geraten ist. Wir selbst nutzen grundsätzlich nur vorhandene Infrastrukturen, im Gelände sind wir selbstverständlich per pedes unterwegs. Doch dieses Thema »Autoreise« diskutieren wir des öfteren ausführlicher in unseren Texten. Fassen wir abschließend zusammen: Wir bemühen uns in unseren Büchern um »Landschaftsbilder«, die möglichst viele Dimensionen einschließen, zum Beispiel ländliche, urbane, kulturelle, naturkundliche, historische, anekdotische ... Unsere Bücher sollen Reiseführer nicht ersetzten, aber ergänzen, denn wir bemühen uns auch um eine ganz persönliche Wertung, also um eine emotionale Tönung. Und vor allem - wir wollen unsere Freude am Reisen vermitteln, dieses Raus-aus-dem-Alltag und dieses lustvolle Streben, hinaus in die wunderschöne weite Welt! Tage am Gardasee Das leichte Leben gleich jenseits der Berge -------------------------------------------------------------------------------- Aus dem Vorwort: Über die Liebe und anderer schöne Gewohnheiten. Wenn die Erinnerungen an vergangene Reisen verblassen, sollte man anfangen, neue Pläne zu schmieden - was wäre das Leben ohne Träume? Doch die Wahl des nächsten Reiseziels ist wie der Griff ins Bücherregal: Viele Bücher haben wir von Anfang bis Ende geradezu verschlungen, ihre Lektüre wie ein Abenteuer erlebt und sie schließlich hochbefriedigt ins Regal zurückgestellt. Sie haben uns blendend unterhalten und oft auch belehrt, geweckt wurde aber vor allem die Lust auf mehr, auf Neues, das noch Unbekannte. Daneben gibt es eine ganz andere Lektüre. Es sind unsere wenigen Lieblingsbücher, und die haben wir nicht nur einmal, sondern immer wieder gelesen. Ich glaube, es sind genau diese Bücher, die unser individuelles Lebensgefühl mitgeformt haben, die ganz persönliche Art, unsere Umwelt wahrzunehmen, zu bewerten und in ihr zu agieren. Man liebt und braucht solche Bücher, helfen sie uns doch, in die Zufälligkeiten der Lebensumstände eine gewisse persönliche Konstanz zu bringen. Wie mit den Büchern ist es auch mit den Reisezielen. Von Fernweh und Neugierde getrieben, haben wir schon so manches Reiseabenteuer erlebt, und doch locken danach stets neue Ziele. Aber es gibt auch Orte, zu denen es uns immer wieder hinzieht, deren Besuch uns zur lieben Gewohnheit geworden ist. Da gibt es Menschen, unter denen wir uns wohlfühlen, deren Lebensstil uns geprägt hat, und die Landschaft, das Klima, die Natur kommen unserem Wesen entgegen und wecken angenehmste Gefühle. Dort suchen wir nicht das Erlebnis ständig neuer Reize, sondern einfach eine Beruhigung der Seele, Ausgeglichenheit, Besinnung. Solche Orte können zu einer zweiten Heimat werden, zu einer Heimat ohne die Belastungen des Alltags. Der Gardasee ist für uns ein solches Reiseziel... Wer schon einen Blick ins Inhaltsverzeichnis geworfen hat, wird bemerkt haben, daß er kein einfaches Reisetagebuch vor sich hat. Die ursprünglichen Annalen wurden hier nach Orten und Themen geordnet, viele informative Abschweifungen sind eingewebt und auch die Erinnerungen an frühere Reisen wurden nicht vergessen. Und so war's auch gedacht - wir wollten unseren geliebten Gardasee so darstellen, wie er nach all den Jahren in unseren Köpfen Gestalt angenommen hat: leben und reisen zwischen Bergen und Wasser, unbeschwert und voller ganz persönlicher Erlebnisse. Da durften einige ungewöhliche Seitenpfade, die eine oder andere verträumt-ironische Randbemerkung oder so manch egozentrisch geratener, assoziativer Ausflug nicht fehlen. Und doch wünschten wir uns auch eine überschaubare Ordnung und sachliche Inhalte. Sie mögen dem Leser helfen, sich zurechtzufinden, denn die meist stetigen, zuweilen jedoch recht stürmischen Gardaseewinde können jeden ein wenig anders um oder über den See treiben. -------------------------------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------------------------------- Aus dem Inhalt: Über die Liebe und anderer schöne Gewohnheiten Arco - Basislager im Norden Die Villa Italia Morgens schon in die Bar? Espresso oder 'caffe', das ist hier die Frage ... Zwei Italienerinnen Ein Bummel durch ein Städtchen Der Burgberg von Arco Die Grafen von Arco Geheimnisvolle Burg Kleiner Exkurs in Geographie Das Klima und andere gute Argumente für eine Kur Stärkung für Leib und Seele Pasta - das Besondere in der italienischen Küche Sugo - viel mehr als Saft oder Sauce Ein Rezept für kulinarische 'Freidenker' Prosciutto Der Kater Calimero und andere nette Nachbarschaft Einkaufsbummel zwischen Markt und Supermarkt Von großen Männern und bornierten Obern Nicolo D'Arco Giovanni Segantini Wozu Sport? - Gesundheit, Hoffart oder Unterhaltung? Anzügliche Meditationen über den Sport Sport in Italien Ein schöner Ort namens Laghel di sopra Vom Schwof über Twist zur Disco Im Botanischen Garten und ein Treffen mit Dürer Riva - die zweite Heimat Der Adlerhorst Noch ein Bummel durch ein Städtchen Gelati - Schlemmerei oder Grundnahrungsmittel? La Rocca - die Wasserburg Die Ursprünge Rivas und ein wenig Geschichte Das Beständige - Zuordnung zu einer Region Das Spielerische - Riva zu Zeiten der Scaliger Das Abenteuerliche - Mailänder und Venezianer Das Neue - Umwege zu einer dauerhaften Ordnung? Heimat ist auch, wo Lebenswege sich kreuzen 'La Casa Nofretete' - Herr Gutermann 'Una famiglia italiana' 'La mentality' - typisch italienisch Die Wiege der Eßkultur Die Sangesfreude Der Fremdenverkehr - ein umstrittenes Gewerbe Apropos Alkohol Grenzenloses Sommervergnügen Auftakt - die lange Uferpromenade Steigerung - der Badestrand Höhepunkt - die Domäne der Surfer Ausklang - die Berge über dem Treiben Zugabe - die Ruhe am Abend Ein erster Überblick - und dann verlassen wir unser Nest Von der Poebene in die Berge Die Entwicklung einer Landschaft Vogelperspektive - Flug in luftiger Höhe Klima, Flora und Fauna Auf den Höhen über der Busa Das Sarca-Tal - Wege ins Hochgebirge Im Osten - an der Flanke des Monte Stivo nach Nago Im Westen - auf Serpentinen zum Lago di Tenno Cascata del Varone - ein Naturschauspiel Verkehrswege und Reiserouten Segler, Dampfer und eine Eisenbahn Verkehrsboote und Tragflächenflitzer Vom Trampelpfad zur Prachtstraße Die Uferstraße im Westen - Gardesana Occidentale Touristenrummel, steile Bergflanken, hohe Täler Lago di Ledro - Limone - Pieve di Tremosine Tignale - Madonna di Monte Castello - Campione Riviera Bresciana, italienische Geschichte(n) Gargnano - Toscolano-Maderno - Gardone 'Il Vittoriale degli Italiani' - Salò Im Süden, auf den Spuren der Römer Das Valténesi - Desenzano - Sirmione Die Uferstraße im Osten - Gardesana Orientale Auf Goethes Spuren Torbole - Malcesine An der Riviera degli Olivi Torri del Benacco - San Vigilio Heute und Gestern, Weinfelder und Olivenhaine Garda - Ein Friedhof in Costermano Bardolino - 'Il Vino' - Lazise - Peschiera Macht am Gardasee - Die Skaliger Gezähmte Natur am Südende des Sees Valéggio - 'Il Giardino Sigurta' Zum Abschied: von Andenken und Mitbringseln Literatur -------------------------------------------------------------------------------- © Baldur und Hella Markert, Nürnberg, 2000 ISBN: 3-8311-2124-9 Bezugsquellen: der klassische Buchhandel oder der Internet-Buchhandel Dieses Buch erzählt von einer Reise auf die Peloponnes. Unser Basislager beziehen wir in Githio, dem antiken Kriegshafen von Sparta am Lakonischen Golf. Vor dort aus reisen wir nach Olympia, Nemea, Korinth, Epidauros, auf die Höhen des Taigetos, in die Niederungen der Eurotasebene, nach Monemvassia, ganz tief hinunter nach Mani und immer wieder nach Sparta. Landschaften und Ausgrabungsstätten werden beschrieben, wobei unsere besondere Liebe vor allem den reizvollen antiken Mythen gilt, die sich darum ranken. Doch auch die modernere Geschichte kommt nicht zu kurz. Das Buch ist fast fertig. Es wird wohl ungefähr in der Mitte des Jahres 2004 erscheinen. Hier stellen wir fürs erste eine Kostprobe vor - unseren Besuch im Museum zu Olympia. Wir freuen uns über jeden Besucher dieser Seiten, der daran interessiert ist, den folgenden Text auszudrucken, um ihn in Ruhe und augenschonend zu lesen. Das übliche Copyright auf Texte und Bilder behalten wir uns selbstverständlich vor. Ein kurzer Hinweis für den Ausdruck: Der Text befindet sich bereits auf dem Bildschirm vor Ihnen, und Sie müssen nur noch mit der linken Maustaste auf das Druckersymbol in der Kopfzeile Ihres Explorers klicken. Das Bild und diese Zeilen werden dann zwar beim Ausdruck auf der rechten Seite etwas beschnitten, wir haben aber - nach einigem Herumprobieren - den Text der folgenden Geschichte so weit zur Mitte hin verschoben, daß er gut lesbar ausgedruckt werden sollte. Rechnen Sie bitte mit ca. 9 Seiten - und dann viel Vergnügen beim Lesen! -------------------------------------------------------------------------------- Baldur und Hella Markert, Nürnberg, 2003 Das Museum in Olympia Wie steht es nun um unsere Kondition? Eigentlich nicht schlecht, ich bin schon nach einer halben Stunde wieder glockenwach und kann auch Hella sofort zu einem aufmunternden 'Kafetakis' an der Hotelbar überreden. Danach sind wir dann schnell unterwegs, gilt es doch heute Nachmittag einige der berühmtesten Kunstwerke der ganzen Antike zu bewundern: im modernen Museum am Kladeos. Der Weg dorthin und der Parkplatz davor sind die gleichen wie für unseren Besuch der Altis heute morgen, nur müssen wir uns jetzt nicht nach rechts zu deren Eingang, sondern andersherum, das heißt gen Norden wenden. Unter den schattenspendenden Bäumen erreicht man so schnell am anderen Ende des Parkplatzes das moderne Museum. Das ist ein schlichter, rechteckiger Zweckbau, mit großzügiger Eingangshalle, Ausstellungssälen rings um einen großen Mittelsaal und zwei kleinen, aber feinen Anbauten. Ein Rundgang bietet sich also geradezu an, man kann sich hier wirklich kaum verlaufen. Gleich in der Eingangshalle gibt es eine Information mit einem reichlichen Angebot an unterschiedlichsten Publikationen - auch in deutscher Sprache. Man könnte sich auch von dort aus führen lassen, aber man kennt ja inzwischen unsere Vorbehalte gegen Leithammel. So kaufen wir uns lieber als Ergänzung der mitgebrachten Führer zwei reich bebilderte Bücher (Andronicos und Yalouris et alii), dazu einen besonders genauen Plan des Museums, und dann ziehen wir auf eigene Faust los. Ja, und ab jetzt gilt natürlich wieder das gleiche, was ich schon vor unserem Altis-Spaziergang betont habe: Wir wollen und können hier keine systematische Beschreibung des Museums und seiner Exponate abliefern, wir werden uns aus der Überfülle vielmehr ganz gezielt unsere ganz persönlichen Rosinen herauspicken, bestaunen und dazu unsere ebenso ganz persönlichen Eindrücke wiedergeben. Und so geht es jetzt auch gleich zielstrebig rechts herum und weit nach hinten zum östlichen kleinen Anbau. Hier hat »Der Hermes mit dem Dionysosknaben« von Praxiteles (330 v.Chr.) einen würdigen Platz gefunden. Das Standbild ist so berühmt, man braucht es wohl wirklich nicht zu beschreiben. Und doch ist der Eindruck überwältigend, wenn man dann unter dem mächtigen Sockel steht und zu der 2,13 Meter großen Statue emporblickt ... man kommt sich richtig klein vor. Wie sich der weiße, parische Marmor vom Rot der zart getünchten Wände abhebt und im Licht der indirekten Beleuchtung funkelt! Und welche Worte hat man doch schon alle gefunden, um diesen Anblick zu beschreiben! Da ist von der »lieblichen Drehung« die Rede, mit der sich der Gott an den Baumstumpf lehnt oder von seinem »verträumten und feuchten Blick«. Ich will mich da nicht auch noch versuchen und berichte lieber von der weniger bekannten Geschichte, die das Bildwerk erzählt: Der kleine Dionysos entstammte einem Seitensprung des Zeus mit der Semele. Um ihn vor dem Zorn der eifersüchtigen Hera zu schützen, bringt ihn hier Hermes gerade zu den Nymphen Böotiens. Verteilten sich auf dem Herweg die Besucher noch angenehm in der Weitläufigkeit der Säle des Museums, so drängt sich hier unter dem Hermes zufällig gerade eine Reisegruppe zusammen. Direkt vor mir hält die Anführerin einen lautstarken Vortrag über das Standbild in englischer Sprache, und wir partizipieren natürlich wieder einmal daran. Ihre Ausführungen sind gar nicht so schlecht, und zudem ist die Dame recht attraktiv. Sie hat ihre blonden Haare in einer sich nach oben verjüngenden Spirale am Hinterkopf gebündelt, so daß ihr ein neckischer Büschel am Hinterhaupt und mir direkt vor der Nase herumwedelt. Das lenkt ein wenig von ihren Worten ab, aber dann werde ich plötzlich doch hellhörig: Der Hermes sei eine der ersten echten Vollplastiken, das heißt, von allen Seiten gleich ansehnlich. Richtig, und man kann hier drin ja auch wirklich um ihn herumgehen - warum stehen wir dann alle auf nur einer Seite? Ich löse mich sofort aus der Gruppe, eile um die Statue herum, und kann in aller Ruhe und ungestört zwei reizvolle, recht ungewöhnliche Bilder von ihrer Kehrseite machen. Das war höchste Zeit, kaum hat die Vortragende ausgesprochen - oder ist es mein Vorbild? - laufen alle nach hinten, um sich auch diese stramme Rückenpartie anzusehen. So kommt es, daß ich hier, im Gegensatz zu allen mir bekannten Führern, auch einmal die Rückseite einer der wohl berühmtesten antiken Plastiken zeigen kann. Der Hermes des Praxiteles von hinten Wir aber ziehen weiter, zur zweiten klassischen Plastik, gleich um die Ecke, im anderen Anbau, zum Norden hin: die »Nike des Paionios« (421 v.Chr.). Der Bildhauer schuf hier ein ganz einmaliges Werk. Die überlebensgroße Figur aus weißem Marmor stand ehemals auf dem schon erwähnten, neun Meter hohen Sockel vor der Ostfront des Zeustempels und schien auf die Erde herniederzuschweben. Die Siegesgöttin war leicht nach vorne geneigt, und mächtige, ausgebreitete Flügel und ein weit wallender Umhang wogen diese Vorwärtsneigung harmonisch aus. Der Anblick muß den Betrachter am Boden tief beeindruckt haben. Und ich muß jetzt mit noch tieferem Bedauern feststellen, die auf uns überkommenen Reste, die man hier vor einem türkisblauen Hintergrund zusammengesetzt hat, können diesen Eindruck kaum mehr vermitteln. Die Flügel, der Umhang, beide Arme fehlen - und am schlimmsten, das Gesicht ist zerstört. Der Kopf, nur noch ein rundlicher Stein, ist mit Hilfe einer schlichten Eisenstange auf dem Körper befestigt. Da ist es viel leichter, die geborstenen Säulen des Zeustempels hochzudenken, als in diesen Torso die Anmut hineinzusehen, wie wir sie in der Rekonstruktion bei Andronicos gefunden habe, die meiner Beschreibung zugrunde liegt. Nur wenige Meter weiter, im Saal vor dem Anbau, stehen wir dann vor einer ebenfalls sehr bekannten, diesmal allerdings tönernen Figurengruppe: »Der Raub des Ganymedes durch den Zeus« (480-445 v.Chr.). Der Gott ist in einer weit ausschreitenden Bewegung dargestellt, und sowohl er als auch der Knabe auf seinem Arm zeigen einen geradezu verklärten Gesichtsausdruck. Zeus war nämlich in Ganymedes verliebt, entführte ihn in den Olymp und machte ihn zu seinem Mundschenk und Pais, was übrigens seine Gattin Hera gar nicht so gerne sah. Und damit sind wir bei einem faszinierenden Kapitel der Kultur des alten Hellas, der Paiderastía, der Knabenliebe. Was für uns heute ein Verbrechen, war den antiken Griechen ein hohes Gut, galt doch die Knabenliebe als ein wesentlicher Bestandteil der Erziehung männlicher Jugend. Weitergehende Ausführungen dazu würden den Rahmen dieser Erzählung sprengen; ich erwähne das auch nur, weil wir von diesem Kunstwerk wieder einmal daran erinnert werden, wie lückenhaft doch das uns von der Schule vermitteltes Bild der antiken Kultur ist. Dem Leser, der mehr zu diesem Thema erfahren möchte, empfehle ich das sechste Kapitel in Joachim Fernaus Buch oder die sehr ausführliche und reich bebilderte Studie »Ehe, Hetärentum und Knabenliebe im antiken Griechenland« von Carola Reinsberg. Uns aber hält nun nichts mehr - wir betreten endlich auch den zentralen Saal des Museums und widmen uns intensiv dem berühmten Skulpturenschmuck des Zeustempels. Ich will kurz vorausnehmen, was uns hier erwartet. Der Gesamteindruck eines griechischen Tempels wird bekanntlich vom Kontrast zwischen den senkrecht in die Höhe strebenden Säulen und den waagerecht darauf lastenden Architraven bestimmt, die ein relativ flaches Giebeldach tragen. Aus dieser Ordnung ergeben sich auch die wesentlichen Schmuckelemente: Das Gebälk des Daches über den eigentlichen Architraven war bei den hölzernen Tempeln des 7.Jh. noch terrakottaverkleidet, wobei dreifach geschlitzte Tryglyphen die tragenden Balken über den Säulen verdeckten, und die, mit mythologischen Szenen verzierten Metopen die Flächen dazwischen füllten. Beim Zeustempel, einer der späteren Steinkonstruktionen aus der Mitte des 5.Jh., wurden die Metopen zu Steinplatten, außen relativ schmucklos, innen, an der Cella, zu farbig bemalten Hochreliefs. Darüber, in den Giebelfelder, den Tympana, an der Vorder- und Rückseite des Tempels, fand sich ein reichhaltiger, thematisch gestalteter Figurenschmuck. Im Mittelsaal des Museums hat man nun an den Längsseiten jeweils die Figurengruppen des Ost- und Westgiebels wiederaufgebaut, während die Metopen des Frieses der Cella an den kürzeren Seiten dieses rechteckigen Saals ausgestellt sind. Wir wenden uns zunächst den Figuren des Ostgiebels zu. In diesem östlichen Tympanon, das heißt, direkt über dem Eingang zum Tempel, war die Vorbereitung zum Wagenrennen zwischen Pelops und Oinomaos dargestellt. Dieses mythische Rennen war vermutlich der Ursprung der Olympischen Spiele, und Pelops selbst wurde damit Urvater unzähliger Heroen der antiken Mythologie - eines ganzen Geschlechtes -, so daß ich diese Geschichte unbedingt ausführlicher erzählen muß. Das nehme ich mir für heute abend vor, jetzt sehen wir uns erst einmal an, was man nach zweieinhalb Jahrtausenden von der künstlerischen Gestaltung dieses bedeutsamen Ereignisses ausgegraben hat. Zum Vergleich liegt uns ein eben erstandenes Faltblatt mit der Rekonstruktion vor. Doch das, was wirklich übrig blieb, ist gar arg enttäuschend. Dem allmächtigen Zeus in der Mitte fehlt der Kopf, Pelops ist im Gesicht und an den Beinen verstümmelt, am besten erhalten sind noch Oinomaos und besonders seine Gattin Sterope. Auch die Quadriga der beiden und überhaupt die ganze rechte Seite des Tympanon haben unter den langen Zeitläuften noch am wenigsten gelitten. Doch im ganzen gesehen, fällt es mehr als schwer, die ursprüngliche Pracht in das dramatische Geschehen hineinzusehen. Wenden wir uns deshalb zur anderen Seite - und welche Überraschung - schon der erste Eindruck ist ein ganz anderer. Im Westgiebel ist die Schlacht zwischen den Lapithen, ihrem König Peirithoos und seinem Gastfreund Theseus einerseits und den Kentauren anderseits dargestellt. Man hatte die Pferdemenschen zur Hochzeit geladen, sie betranken sich, vergriffen sich an den Frauen der Gastgeber, und es kam zum Kampf. Wie oft wurde doch schon die dramatische Dynamik dieses Kampfes in den Figuren des westlichen Tympanon gerühmt - und sie kommt in diesen wenigen Fragmenten vor uns auch wirklich ganz erstaunlich zum Ausdruck. Das ist ein wildes Getümmel: Der König der Kentauren Eurytion ergreift die Braut Deidameia, die sich heftig wehrt, ein anderer Kentaur ringt mit einer Lapithin, und die zum Rande hin schon gestürzten Gestalten sind kämpfend eng ineinander verschlungen. Hier drängt es sich eigentlich auf, ein wenig mehr über diese seltsamen Gestalten der griechischen Mythologie, eben die Kentauren, und überhaupt von der damit zusammenhängenden Bedeutung des Pferdes für die frühen Griechen zu berichten. Ich fürchte aber, unsere einfache Reiseerzählung ist dafür nicht der rechte Ort, und so kann ich wieder einmal nur auf ein Buch verweisen - diesmal auf Marianne Nichols, die das Thema ausführlich behandelt hat (S.66 ff.). Wir aber sind eigentlich von etwas ganz anderem fasziniert: Da steht er nun endlich vor uns, der berühmte Apollo, besterhalten, im Mittelpunkt des Kampfgeschehens - und er blickt souverän auf die wildbewegten Gestalten hernieder. Schon lange vor der Reise haben wir uns auf eben diese berühmte Skulptur gefreut und nun stehen wir endlich ehrfürchtig darunter. Ja, ein wenig ehrfürchtig, denn für mich ist dieser Apollo des sogenannten 'Strengen Stils', der beginnenden Klassik um 460 v.Chr., längst zum erlesenen Sinnbild für die ganze griechische Götterwelt geworden, und davon konnte ich inzwischen auch Hella überzeugen. Hier ist alles stimmig - der ruhige Gesichtsausdruck, die straffe Gestalt, die beherrschte Haltung, die sichere Gestik. Ein Gott steht vor uns - und der ordnet nicht an, nein, er ordnet! »Apollon ist hier die Personifikation von Ordnung und Geist über Begierde und Chaos, ...« (Brian de Jongh). Apollo aus dem Westgiebel des Zeustempels Wir laufen jetzt mehrfach in den Anbau mit dem Hermes hinüber und wieder zurück und vergleichen unsere Eindrücke. Gerade mal ein Jahrhundert liegt zwischen diesen beiden Skulpturen, und doch erscheinen sie uns wie aus verschiedenen Welten. Neben Apollo, dem Gott, kommt mir Hermes jetzt geradezu wie ein hübscher, frecher Lümmel vor. Ich meine letzteres nicht etwa abwertend, sondern will damit nur - vielleicht ein wenig überspitzt - den beeindruckenden Kontrast betonen. Ein Kontrast, fast wie zwischen einer wuchtigen romanischen Kirche und einer verspielten Rokokokapelle. Es dauert eine ganze Weile, bis wir uns dann endlich auch den Metopen an den Schmalseiten des Saales zuwenden. Sie erzählen von den Heldentaten des Herakles. Drei Originale dieser Metopen sind übrigens seit 150 Jahren im Louvre, hier konnte man davon nur mehr Abgüsse ausstellen. Und nach dieser Besichtigung durchstreifen wir ganz unsystematisch auch noch die anderen Säle des Museums. Vielleicht sollte ich dabei etwas zum Thema Fotografieren berichten: Ich verzichte anfänglich, wie ich das von Museumsbesuchen her gewohnt bin, auf die Verwendung eines Blitzgerätes, bemerke aber, daß es um mich herum immer wieder munter blitzt. Da halte ich mich auch nicht mehr zurück, werde aber bald von einer jungen 'Aufsichtsdame' mit erhobenem Zeigefinger angesprochen: »No flashes!« Man wünscht das hier also auch nicht, und man sollte sich daran halten. Übrigens - die Aufnahmen mit auf Stühlen, Säulenstümpfen oder Vitrinen abgestützter Kamera sind sowieso viel besser geworden als die geblitzten. Irgendwann landen wir auch im Saal mit den Funden aus geometrischen und archaischen Zeiten - meist kleinere Stücke. Schon recht fußlahm lehnen wir beide an einer der vielen Glasvitrinen, und ich erzähle Hella, daß es hier irgendwo im Raum unter all den kleinen Kunstwerken auch zwei Stiere im Joch geben muß, die mir als besonders schön in einem Kunstführer aufgefallen waren. Madame lacht, hebt den Zeigefinger, und was für ein Zufall! In der Vitrine, auf die wir uns lümmeln, und wirklich unmittelbar vor uns, da steht das Objekt meiner Schwärmerei, das bronzerne Stiergespann, gerade etwa zehn mal zehn Zentimeter messend. Danach hätten wir unter den unzähligen Exponaten des Saales ohne diesen glücklichen Zufall lange suchen müssen. Erwähnen sollte man in diesem Saal aber unbedingt auch ein prachtvolles, stark stilisiertes Pferdchen aus Bronze, das freistehend auf einem eigenen Sockel ausgestellt ist. Diese Plastik ist eines der größeren Fundstücke der geometrischen Sammlung und mißt circa zwanzig Zentimeter in der Höhe. Sie mag als ein Beispiel dafür dienen, wie man unter Verzicht auf fast alle Details, nur durch treffende Form und Haltung, das Typische eines Objektes geradezu perfekt darstellen kann. Am Ende unseres Besuches sitzen wir müde vor den Giebelverzierungen des Heratempels und vergleichen die Fundstücke mit den Rekonstruktionszeichnungen daneben. Etwas geht mir dabei durch den Sinn: All das war ja einmal farbig, richtig bunt bemalt - auch die bewunderten Tympana des Zeustempels. In einem Dokumentarfilm habe ich einmal gesehen, wir Archäologen der Münchner Glyptothek einen der Ägineten, einen knienden Bogenschützen, auch farblich rekonstruierten. Der Anblick war fast schockierend, widersprach völlig unseren Sehgewohnheiten. Nein, und nochmals nein, das Hochdenken der Säulenstümpfe zu einem unversehrten Tempel ist schon schwer genug. Da will ich nicht auch noch die ursprüngliche Farbe hineindenken ... bewahren wir uns doch lieber die herrliche Vorstellung vom strahlenden Weiß des Marmors. Ganz richtig ist dieses Bild jedoch nicht! Doch was ist schon richtig - an unserer Vorstellung von der Wirklichkeit des antiken Hellas? Nun aber Schluß mit solchen ebenso tiefschürfenden wie müßigen Überlegungen zur fernen Vergangenheit, genießen wir lieber noch ein wenig die Abendsonne im Freien, und all die Farben, die sie eben jetzt in den lichten Wald vor dem Museum zaubert. Zuvor umkreisen wir in der Eingangshalle das Modell des antiken Geländes, das wir heute so ausgiebig durchstreift haben. Ja, und dann lassen wir diese Erlebnisse auf einer Bank im Freien unter den Bäumen noch einmal in Gedanken an uns vorüberziehen, bevor wir endlich den Wagen besteigen und zum Hotel zurückfahren. Das war es dann aber auch für heute - wir sind ausgesprochen fertig. Die Füßchen sind heißgelaufen, bleierne Müdigkeit steigt über die Waden in immer höhere Regionen, und ich habe mir am linken großen Zehen zu allem Übel auch noch eine dicke Blase angelaufen. So essen wir heute abend hier im Hotel, stellen dabei aber schnell fest, daß wir dies gestern besser auch schon getan hätten. Die hoteleigene Taverne ist im Garten hinter dem Schwimmbad untergebracht. Man sitzt im Freien unter Olivenbäumen, zwischen üppigem Buschwerk, inmitten eines bunten Blumenmeeres und umfächelt von einer kühlen Abendbrise. In einem Küchenhäuschen, mit offenem Grill davor, werkelt ein Weißgeschürzter mit hoher Kochmütze, die eine schwarze Lockenpracht nur mühsam bändigt. Eine hübsche Griechin bedient uns. Die junge Dame ist ein wenig mollig geraten, dies aber sehr wohlproportioniert, und spricht ein völlig akzentfreies Deutsch. Auf meine Frage hin meint sie: »Ich bin in Deutschland aufgewachsen, und da will ich später auch wieder hin.« Wenn man sich daraufhin in dieser herrlichen Umgebung hier auch nur ein wenig umsieht, fragt man sich allerdings - warum? Sie serviert uns zwei köstliche, gegrillte Schweinekoteletts, dazu Tomatensalat und Zaziki. So gut haben wir bisher in Griechenland noch nicht gespeist. Mit weit unter den Tisch gestreckten, müden Beinen lassen wir dann bei einem Kafetakis diesen ereignisreichen Tag ausklingen. Und Olympia krönt uns diesen Tag und setzt am Ende unseres Besuchs ein letztes, ganz besonderes Glanzlicht: An einem dunklen, bleigrauen Abendhimmel versinkt die Sonne als glutroter Ball ganz sachte hinter den fernen Bergen. Der Anblick ist so einmalig schön, daß im Lokal die Gespräche verstummen, und auch wir genießen schweigend das prächtige Naturschauspiel. Dann sind wir wieder auf unserem Zimmer und freuen uns aufs Bettchen. Bevor ich mich nun aber schlafen lege, will ich schnell noch, wie versprochen, die Geschichte vom König Pelops, dem Begründer der Olympischen Spiele, erzählen - quasi als eine Gutenachtgeschichte: Pelops, der Sohn des Tantalos Die Sage um Pelops führt uns weit zurück, bis in die Anfänge helladischer Zeiten, ganz in die Nähe der Ursprünge aller griechischen Mythen. Damals wandelten noch Götter unter Menschen - und umgekehrt -, allerdings nicht immer so ganz ohne Konflikte, wie sich gleich zeigen wird. Tantalos, Sohn des Zeus und der Niobe, der mächtige König Lydiens in Kleinasien (Ovid), ließ seinen eigenen Sohn Pelops »schlachten und zurichten« (Gustav Schwab) und servierte ihn den Göttern zum Mahle, nur so, einfach um deren Allwissenheit zu prüfen. Pindar bestreitet dies, aber die Geschichte ist so hübsch makaber - ein Archetypus menschlicher Hybris -, daß wir sie einfach glauben wollen. Nein, das Rezept ist leider nicht überliefert. Aber alle Götter - mit Ausnahme der Demeter, die gedankenverloren an einem Schulterblatt knabberte - bemerkten natürlich den Frevel und bestraften ihren Gastgeber mit den bekannten Tantalos-Qualen. Sein Sohn Pelops wurde von der Parze Klotho in alter Pracht wieder hergestellt und das lädierte Schulterblatt durch ein elfenbeinernes ersetzt. Fürs erste entwickelte er sich zu einem frommen Menschen, der die Götter verständlicherweise dankbar ehrte. Er sollte sich später wieder ändern, aber das muß ich hier ja nicht breittreten. Zunächst ward Pelops König der phrygischen Reiche in Kleinasien, wurde aber von seinen Nachbarn, den Trojanern, vertrieben und landete als Flüchtling auf der Peloponnes, die damals natürlich noch anders geheißen haben muß. Somit war er in Griechenland eigentlich nur ein Zugereister. Bald verliebte er sich hier in die schöne Hippodamia, eine Königstochter aus Elis. Ein düsteres Orakel lastete aber auf deren Vater Oinomaos und prophezeite, er würde noch vor der Hochzeit seiner Tochter sterben. Um dem zu entgehen, veranstaltete der Grausame mit allen Freiern lebensgefährliche Wagenrennen und hatte dabei schon dreizehn verliebte Jünglinge umgebracht - er hatte besondere Rosse, »geschwinder als der Nordwind«. Pelops gewann mit Hilfe seines Schutzgottes Poseidon und eines üblen Tricks das Rennen: Das Töchterchen Hippodamia war längst in Pelops verliebt, machte ihrerseits den Wagenlenker ihres Vaters, Myrtilos, kirre, der dessen hölzerne Radzapfen durch wächserne ersetzte. So kam der Herr Papa - wie prophezeit - ums Leben, und Pelops gewann seine Hippodamia. Als Myrtilos seinen Lohn, eben diese Hippodamia, einforderte, warf man ihn kurzerhand ins Meer. Im Sterben verfluchte er die beiden, was noch erhebliche Folgen haben sollte - darüber berichte ich aus Mykene. Zunächst aber wurde Pelops ein mächtiger König auf jener Halbinsel, die er später nach sich selbst benennen sollte. Doch seine besondere Bedeutung und sein Ruhm gründen auch im folgenden: Pelops hat mit lobenswertem Fleiß und enormer Fruchtbarkeit in der griechischen Mythologie sehr viele genetischen Spuren hinterlassen. So zählen zum Beispiel auch Herakles, Theseus und die Atreus-Söhne Agamemnon und Menelaos zu seinen Nachkommen. Bei den Halbgöttern muß man ihn natürlich in den mütterlichen Linien suchen, was ziemlich mühselig und auch verwirrend sein kann. Im Kleinen Pauly fand ich dann noch eine mehr historische Bemerkung: »Doch scheint Pelops eine argiv. Gestalt (aus Argos) zu sein, die von Auswanderern nach Kleinasien mitgenommen und dort angesiedelt wurde. Sein Name weist ihn als Eponym des verschollenen Stammes der Pelopes aus, nach denen die einwandernden Dorier ihre neue Heimat benannten.« Marianne Nichols sieht im Pelops-Mythos sogar einen der Hinweise darauf, daß auch in helladischen Zeiten noch mehrfach orientalische Führergestalten in Griechenland Fuß fassen konnten. Jaja, wir sollten eben neben unseren indoeuropäischen auch diese orientalischen Wurzeln nicht vergessen! Tage in den Alpen Allgäu - Großglockner - Dolomiten -------------------------------------------------------------------------------- Inhalt: Was macht den Alltag so alltäglich - warum in die Ferne schweifen? Im Allgäu Ein Anreise voll der guten Hoffnungen Aus grünem Tal zu schneebedeckten Gipfeln Enttäuschung am Vormittag - Vergnügen am Nachmittag Das Unwetter im Gebirge und eine abenteuerliche Fahrt Die kleinen Freuden im Dauerregen Das trockene Ende einer feuchten Reise Intermezzo I Am Großglockner Eine Reise in den Sonnenschein Glocknerfahrt zur Wetterscheide Das Hochtor und die Scheitelstrecke Die Kaiser-Franz-Josefs-Höhe Auf die Edelweiß-Spitze und ins Mölltal Der Tauernkönig oder die Pracht des Großglockners Umzug von den Hohen Tauern in die Dolomiten Bewegte achtundvierzig Stunden Aufstieg im Sonnenschein Absturz in eine böse Nacht Odyssee zum Zahnarzt Schon wieder auf dem Heimweg Intermezzo II In den Dolomiten Die klassische Route - über den Brenner ins Pustertal Rund um den Monte Cristallo Auf der Großen Dolomitenstraße Das Pragser Tal im Regen Eine ungewöhnliche Fahrt - am Ostrand der Dolomiten Schlechtes Wetter und doch vier Pässe Abschied von den Drei Zinnen Nach Hause in den Winterschlaf Literatur -------------------------------------------------------------------------------- -------------------------------------------------------------------------------- Was macht den Alltag so alltäglich - warum in die Ferne schweifen? Der Mai ist gekommen, und uns zieht's wieder mal mächtig aufs Land hinaus. Eigentlich ist das nichts Besonderes und kaum mehr erwähnenswert, doch gibt es auch diesmal Gründe zu nennen, die unserer Abreise ein klein wenig den Charakter einer Flucht verleihen. Verkneifen wir uns - wenn auch nur mühsam -, auf den vergangenen Winter zu schimpfen, unsere Antipathie gegen Kälte, Schnee, Eis und ähnliche Widerwärtigkeiten ist schließlich allseits bekannt. Nein, ein ganz anderes Ereignis hat unseren Zorn erregt und muß hier unbedingt erwähnt werden. Damit leiten wir unsere Erzählung auch gleich mit heftigem Geschimpfe auf den Alltag ein und schaffen damit einen augenfälligen Kontrast zu den Annehmlichkeiten des Reisens, was dieses in um so schönerem Licht erscheinen läßt. Wohl an: In der Hauptstraße unseres Wohnvororts wird die Kanalisation modernisiert, und die Straße vor unserem Haus dient derzeit als Umleitung. Dadurch erfahren wir ebenso lautstark wie leidvoll, was man alles auf der Straße in einen kleinen Vorort hinein- und natürlich auch wieder herauskarren kann. Eine Aufzählung füllte Seiten und wäre ermüdend, ein Beispiel kann ich mir aber nicht verkneifen: So ist alleine unser kleiner Friedhof am Rande der Stadt die Ursache eines heftigen und der Ruhe des Ortes gar nicht angemessenen Verkehrs. In nur einer Stunde habe ich beim Morgenkaffee drei Blumenlastautos - zwei Zehntonner und einen fünfachsigen Vierzigtonner aus Holland - gezählt, alle drei gleich zweimal, hin und zurück. Bei so viel Aufwand für nur einen Friedhof, kann man leicht ermessen, wieviel Lärm und Gestank die Versorgung des bescheidenen Geschäftslebens unseres kleinen Vororts verursacht. Aber da ist ja nicht nur der Verkehr, der lärmt und stinkt: Die Mode umweltfreundlicher Gartengestaltung der frühen neunziger Jahre ist längst wieder passe. Bäume werden munter gefällt, Sträucher auf ein Minimum beschnitten, und der englische Rasen feiert fröhliche Urstände. Wenn einer unserer Nachbarn auch nur ein Gänseblümchen entdeckt, wirft er seinen schweren Rasenmäher an und fegt donnernd über die unschuldige Pflanze. Zwei alte Männer haben vor kurzem das Baum- uns Buschwerk eines ganzen Straßenzugs in nur einer Woche zu Spänen zerschreddert - man konnte ihnen die Freude bei dieser Arbeit geradezu ansehen. Ach ja, noch etwas: Da gibt es sogar zischende Geräte, die einen Hochdruck-Wasserstrahl ausstoßen, mit dem man Zäune, Türen, Gehwege und so weiter sterilisieren kann. Die Erfindungen eines PS-starken Wühlmaus(er)bohrers oder eines zivilen Flammenwerfers gegen Glatteis stehen allerdings noch aus. Sie werden wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen. In der Summe kann man das wohl kaum mehr als das geschäftige Werkeln fleißiger Vorortbewohner bezeichnen, da rumoren wohl eher - für uns - einfach Narren. Obelix würde treffend bemerken: "Die spinnen, die Städter." Aber Schluß mit dem Geschimpfe - man weiß jetzt immerhin um die Unbilde, vor denen wir so gerne aus der Stadt fliehen. Nur noch eine kurze, abschließende Bemerkung: Unser kleiner Vorgarten ist eine winzige Insel wuchernder Natur inmitten akuratester Aufgeräumtheit, was sich längst bei allen Vögeln im Süden Nürnbergs herumgesprochen hat - sie besuchen uns zuhauf. Uns gelüstet jetzt im Frühjahr jedoch nach mehr an solch halbwegs unvergewaltigter Natur. Uns treibt es hinaus aus dem städtischen Gewusel, einfach aufs Land, wo es weniger hektisch und sicher gemütlicher zugeht. Und wir wollen diesmal wirklich hoch hinaus. Die Großglockener Hochalpenstraße ist unser Ziel, und da geht's alleine mit dem Auto bereits in Höhen von weit über zweieinhalbtausend Meter. Warum aber gerade diese hochalpine Panoramastraße? Natürlich reizt uns die enorme Höhe, es gibt schließlich nur noch zwei Paßstraßen in den Alpen, die ein paar Meter weiter hinauf führen, das Stilfser Joch (2757 Meter) und den Col-de-l'Iseran (2770 Meter). Den entscheidenden Impuls für diese Reisepläne gab jedoch ein Buch, die spannende Erzählung von der Planung und dem Bau dieser Straße von Georg Rigele. Zum ersten Mal wurde uns bei dieser Lektüre bewußt, welche Fülle an technischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt politischen Problemen sich vor einem solchen Projekt auftun. Und doch sind es meist nur einige wenige Menschen - oft ganz unterschiedlichen Naturells - die letztlich hinter ihrer Überwindung und der Verwirklichung stehen. Die spannende Lektüre hat uns gefesselt und neugierig gemacht, und wir wollen das Bauwerk - Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen - auch mal vor Ort in all seiner Pracht bewundern und seinen Schöpfern Franz Wallack und Franz Rehrl unsere Referenz erweisen. Nun haben wir aber einen besonders schneereichen Winter hinter uns, und in diesen Höhen wird das weiße, kalte und glatte Zeugs noch bis lange ins Frühjahr hinein herumliegen - bäh! Auf eine Internet-Anfrage hin hat man uns aus Heiligenblut geraten, eine solche Reise nicht vor Ende Juni anzutreten. Bis dahin dauert's uns aber viel zu lange. Wir stehen bereits seit April in den Startlöchern und können jetzt unsere Frühlingsgefühle und die daraus erwachsende Ungeduld nicht mehr länger zügeln. Schieben wir doch einfach eine Spritztour ins Voralpenland ein - dorthin wo es nicht ganz so hoch ist -, genießen das alpine Frühlingserwachen und üben so schon mal ein wenig für unser eigentliches Ziel. Deshalb soll diesmal unsere Erzählung gleich von zwei Reisen berichten, und letztlich werden - wie das Leben so spielt - sogar drei daraus. Manchmal können eben auch widrige Umstände höchst angenehme, wenn auch ungeahnte Folgen haben, der geneigte Leser möge sich überraschen lassen. Alle drei Reisen haben eigentlich außer dem gemeinsamen Ziel, den Alpen, recht wenig miteinander zu tun haben. Und dennoch gehören sie zusammen wie Drillinge. Wir haben immer nur das eine Motiv, weg von städtischen Alltag und seinem Getriebe, hin zu mehr ländlicher Stille und hinaus in die schöne Natur. Es ist die Sehnsucht nach bunten Frühlingsblumen auf Wiesen und Matten, friedlich grasenden Kühen, weiten Feldern und dunklen Wäldern ... und die pure Lust auf genüßlich schweifende Blicke hinunter in ferne Täler oder hinauf zu hohen Gipfeln ... Über unsere genaueren Pläne bezüglich des Großglockners - und was danach noch folgte - berichte ich in kurzen Kapiteln zwischen den Reisen. Vorbereitungen für das Alpenvorland gibt es eigentlich keine. Wer uns kennt, wird schon wissen wo's da hin geht - natürlich ins Allgäu. Wir warten gerade mal die Eisheiligen ab, fragen telefonisch in einem uns wohlbekannten Hotel an, ob die Kühe auch schon auf der Weide sind, und versichern uns eines Zimmers - und dann kann's losgehen. -------------------------------------------------------------------------------- © Baldur und Hella Markert, Nürnberg, 2000 ISBN: 3-8311-1232-0 Bezugsquellen: der klassische Buchhandel oder der Internet-Buchhandel In diesem Buch erzählen wir von unseren Reisen auf Teneriffa und zu den Nachbarinseln Gomera, La Palma und El Hierro. Viele dieser Geschichten sind schon geschrieben, und auch die wichtigsten informativen Exkurse existieren bereits - zu den Menschen, zur Geschichte, über Flora und Fauna und den allgegenwärtigen Vulkanismus. Bis sich daraus aber die wünschenswerte Ordnung eines lesbaren Buches formt, wird wohl noch ein Weilchen vergehen. Als Appetitanreger und auch als Beispiel für unsere Art zu reisen, stellen wir hier erst mal eines der fertigen Kapitel vor. Es sind nur wenige Bilder eingebunden, um die Ladezeit möglichst kurz zu halten. Wir freuen uns über jeden Besucher dieser Seiten, der daran interessiert ist, den folgenden Text auszudrucken, um ihn in Ruhe und augenschonend zu lesen. Das übliche Copyright auf Texte und Bilder behalten wir uns selbstverständlich vor. Ein kurzer Hinweis für den Ausdruck: Der Text befindet sich bereits auf dem Bildschirm vor Ihnen, und Sie müssen nur noch mit der linken Maustaste auf das Druckersymbol in der Kopfzeile Ihres Explorers klicken. Das Bild und diese Zeilen werden dann zwar beim Ausdruck auf der rechten Seite etwas beschnitten, wir haben aber - nach einigem Herumprobieren - den Text der folgenden Geschichte so weit zur Mitte hin verschoben, daß er gut lesbar ausgedruckt werden sollte. Rechnen Sie bitte mit ca. 16 Seiten - und dann viel Vergnügen beim Lesen! -------------------------------------------------------------------------------- Baldur und Hella Markert, Teneriffa, 5. Mai 2002 Punta del Hidalgo: Atlantis Park Hotel »Oh Island in the Sun« - über Vilaflor in die Cañadas Dicke Wolkenpakete am Himmel, es tröpfelt sogar ein wenig, wir beeilen uns auf dem Weg zum Frühstück durchs Freie in den Speisesaal - und was erwartet uns da? Aus dem Lautsprecher tönt »Oh Island in the Sun ...«, von Harry Belafonte hingebungsvoll gesungen. Das gibt natürlich Anlaß für so allerhand beißenden Spott, und doch nistet sich der Song bei Hella als Ohrwurm ein, und sie trällert ihn weiter vor sich hin, bis ... aber davon erzähle ich gleich. Für heute haben wir feste Pläne: Wetter hin, Wetter her, wir werden in die Cañadas hinauffahren, und zwar auf dem wunderschönen Weg über Vilaflor, den wir vom Ende unseres Aufenthaltes anno 2000 her noch in allerbester Erinnerung haben. Und da kopiere ich mir doch gleich den entsprechenden Abschnitt aus dem 2000er Tagebuch hier herüber, vielleicht kann ich davon einiges gebrauchen - es macht inzwischen Spaß, uns selbst zu zitieren, wer hat, der hat. Wie damals fahren wir über El Socorro hinauf zur Autobahn Norte, über die Conexión zur Autobahn Sur und dann im Süden der Insel am Meer entlang bis zur richtigen Ausfahrt. Aber so weit sind wir noch nicht. Vor Portezuelo begegnen uns mehrere Lastwagen, die Kühe, Ochsen oder Stiere geladen haben; man fährt die Tiere zur Nordküste. Was die wohl damit vorhaben? Vielleicht ist heute der »Tag der Tenerifener Kuh«, oder so was ähnliches. Man wird Elisabeth fragen müssen, die Chefin des Atlantis Park Hotels. Und da man auf der Insel richtige Kühe doch recht selten sieht, nutze ich einfach diese Gelegenheit und binde hier auch mal ein Bild mit Rindviechern ein - erst vor wenigen Tagen aufgenommen. Abbildung 2: Zwischen Guamasa und El Socorro: Zwei Kühe vor einem Heuwagen Der Regen hat sich übrigens verstärkt, und auf der Autobahn geraten wir dann in dichten Nebel, bei jämmerlichen 12°C Außentemperatur. Doch Hella trällert noch immer das Liedchen vom sonnigen Eiland vor sich hin, und ich greife den Faden auf und ulke, daß sie nur abwarten soll, da unten, im Süden, da werden wir so richtig in die Sonne kommen, ob sie denn auch die Sonnenmilch nicht vergessen habe. Sie fühlt sich aufgezogen, und auch ich bin vom diesjährigen Wetter so frustriert, daß meine Worte wohl eher so eine Art von Galgenhumor sind. Aber was passiert? Es geschehen noch Zeichen und Wunder, eine riesige Überraschung harret unser! Wir scheren auf die Conexión hinüber, fahren zum Meer hinunter, erreichen die Autopista Sur und sind plötzlich wirklich im strahlendsten Sonnenschein. Eigentlich ist das nicht nur Sonnenschein, nein, es ist das Feinste vom Feinen, was Wetter überhaupt bieten kann. Die Luft ist klar wie selten, beste Fernsichten, kein Wölkchen mehr am Himmel, und die Berge des Zentralmassives zeichnen sich messerscharf gegen einen dunkelblauen Himmel ab. Und dort oben, winzig klein und noch in weiter, weiter Ferne, da leuchten die weißen Türme und Kuppeln des Observatoriums in der Sonne - dahinauf wollen wir heute, auf langen, langen Umwegen. Wenn wir uns allerdings zurückwenden, können wir die wabernden Wolkenmassen noch über dem Rücken zwischen Tacoronte und La Laguna sehen, und diese Wolkenmassen bedingen eine seltsame Kuriosität: So gibt es wirklich kein Wölkchen mehr direkt über uns, und doch muß ich jetzt noch ein paar Minuten den Scheibenwischer eingeschaltet lassen, denn der Wind jagt uns einen zarten Schleier von Tröpfchen hinterher. Aber auch dieser Spuk ist bald vorbei. Es ist ein herrliches Fahren: kaum Verkehr auf der Autobahn, die Temperatur ist auf 25°C gestiegen, die Landschaft liegt in einem gleißenden Licht, links der schwarzblaue Atlantik, rechts das Grün und Braun der Berge. Ich bin in einer wahren Hochstimmung, ja, so haben wir immer von Teneriffa geträumt - Wärme und Licht, all das, was uns einen langen Winter so gefehlt hat. Nun brause ich endlich wieder einmal durch diese Halbwüste, bewundere die Barancos, düstere Schluchten, die Hügel, Schuttkegel und Berge in all den Farben, wie sie nur ein zorniger Vulkan ausstoßen kann und die Vegetation darauf, die Wolfsmilchgewächse und all die anderen Überlebenskünstler. Meine Gedanken schweifen ab, erinnert das nicht ein wenig an Kalifornien - Trockenheit, gleißende Sonne, wohlige Wärme bis tief unter die Haut -, dort wo wir uns im letzten Jahr wieder einmal herumgetrieben haben? Und welch ein Zufall - aus den Lautsprechern ertönt justament vom Band »I bend to California ... lie down my body in the ocean ...« und ähnliches. Was ist das doch für ein herrliches Gefühl, ich mache meiner Hochstimmung Luft und singe lauthals mit, als Hellas Stimme ganz lässig von der Seite her tönt: »Ei,ei - Du hast wieder mal Deinen Kick!?!« Mag ja sein, aber wann hatte ich diese herrlich leichte Stimmung, dieses Hochgefühl wohl zum letzten Mal? Das scheint wirklich ein ganzes Jahr her zu sein! Aber halt, finden wir aus dem Höhenflug der Gefühle wieder zum aktuellen Geschehen zurück, und ich sollte hier wohl auch ein wenig von der uns so angenehm anregenden Landschaft erzählen. Wohl an denn - die sogenannte Südküste Teneriffas ist eigentlich eine Südostküste, die sich in einem sanften Bogen von der Hauptstadt Santa Cruz bis hinunter zur Südspitze der Insel mit dem Leuchturm »Faro de la Rasca« hinzieht. Unmittelbar am Meer gibt es einen breiten, relativ flachen Küstenstreifen, auf dem die Südautobahn Santa Cruz im Norden mit dem Flughafen »Sofia« und den Touristenzentren um Los Cristianos im Süden verbindet. Jenseits des Küstenstreifens, weiter landeinwärts, leitet ein fünf bis zehn Kilometer breiter Streifen mehr oder weniger steilen Geländes in das eigentliche Zentralmassiv der Insel über. Auf halber Höhe dieser, den hohen Berge vorgelagerten Hänge verläuft die alte Küstenstraße ungefähr parallel zur Autobahn und verbindt eine ganze Reihe eben dort gelegener, hübscher Städtchen von Arafo, Güimar über Arico bis Grenadilla. Wir aber brausen jetzt ganz unten, auf der »Pista Sur« - Länge etwa 70 Kilometer - gen Süden und haben dabei die allerschönsten Ausblicke. Links unter uns das weite, tiefblaue Meer, rechts die Hänge und dahinter die hohen Berge in einer Vielfalt von braunen und grünen Farbtönen, dazwischen immer wieder die weißen Sprenkel der Häuser einzelner Ortschaften. Küstenstreifen und viele Hanglagen werden bewirtschaftet - Gärten, Felder, zum Teil mit hellen Planen vor dem Austrocknen geschützt. Dazwischen ziehen wilde Schluchten, eben die 'barancos', zum Meer, die von den seltenen, aber um so heftigeren Sturzfluten in den Fels gegraben wurden. Und dann gibt es auch immer wieder kleinere und größere Vulkankegel zu sehen, düster, schwarz und kahl, von der unheimlichen Aktivität dieser Vulkaninsel zeugend. Die Autobahn mußte man an vielen Stellen in den Untergrund geradezu hineinschneiden, und auch die so entstandenen Einschnitte im Gelände zeugen von dieser Aktivität - mächtige Basaltstrukturen, pechschwarze Felsbrocken, achtkantige Säulen, oft wie die Pfeifen einer Orgel zu dicken Bündeln vereint. Der Boden ist eben nicht, wie zum Beispiel in den Alpen, durch Sedimentierung am Grund eines Urzeitmeeres entstanden, sondern wurde von der erstarrenden Lava der Vulkanausbrüche geformt. Aber es gibt auch viele Stellen, die eine deutliche Schichtung erkennen lassen, und die erinnern schon ein wenig an Sedimentablagerungen. Und doch ist es wiederum nur vulkanisches Material, sozusagen der 'Staub' der Vulkane, der bei den verschiedenen Vulkanausbrüchen zu Boden gerieselt ist und diese mächtigen, deutlich unterscheidbaren Schichten gebildet hat. Abbildung 3: Blick von der Straße über Arafo hinab zur Südküste Leider finden sich an dieser Autobahn keine Parkplätze, und ich will die Piste heute auch nicht verlassen. So binde ich hier eben ein Foto ein, das wir einmal von der Straße über Arafo aus gemacht haben. Auf dem blauen Küstenstreifen im Hintergrund, da brausen wir jetzt gerade so hochgemut dahin. Inzwischen nähern wir uns der Ausfahrt »San Isidor - Granadilla - El Medano«. Hier müssen wir jetzt die Autobahn verlassen. Weiter geht es zunächst durch San Isidor. Der Ort ist auf einem sanft ansteigenden Hügel erbaut, und seine Hauptstraße verläuft kerzengerade auf das von uns angepeilte Zentralmassiv zu. Rechts und links die Häuserzeilen mit vielen Geschäften, den Cafés, den Restaurants mit den einladenden Tischchen auf dem Gehsteig ... dazwischen die breite, leicht bergan führende Straße mit einer üppigen Vegetation an den Rändern und auf dem Streifen zwischen den beiden Fahrbahnen ... überall flanierende Fußgänger, Moped- und Motorradfahrer in voller, lautstarker Aktion und natürlich Autos aller Größen ... einfach Betrieb, Verkehr, wuseliges Gedränge und doch ohne jede Hektik - all das mutet uns so angenehm spanisch an. Und dann traue ich meinen Augen kaum, zwischen den hohen Kanarischen Palmen und den vielen bunt blühenden Büschen um uns her entdecke ich auch hohe Bäumchen der »Coccoloba uvifera«, also der Seetraube. Diese Pflanze haben wir erstmals in Punta del Hidalgo und dann auch anderswo als kleinen Strauch entdeckt, und niemand, nicht einmal Elisabeth, die sonst so schlaue Chefin des Atlantis, konnte diesen Strauch bestimmen. Ich, ja ich, der Laie, nicht Hella oder Elisabeth, die Botanikusse, habe ihn dann bei Bramwell gefunden und im Hotel damit mächtig angegeben - das war vielleicht ein Triumph. Nun sehen wir richtige Coccoloba-Bäumchen, prachtvolle Gewächse, zum Teil schon weit über vier Meter hoch, und verstehen, warum man diese dekorative Pflanze auf Teneriffa jetzt auch immer häufiger in Gärten und Parks heranzieht. Abbildung 4: Coccoloba uvifera, eine Seetraube - an der Punta del Hidalgo aufgenommen Überhaupt ist die ganze Atmosphäre hier in diesem kleinen Ort von einem wohlig-südlichen Flair durchdrungen - die strahlende Sonne, die Wärme, die flachen weißen Häuser am Straßenrand, diese üppig wuchernde Vegetation dazwischen, das bunte Treiben -, wir werden richtiggehend angesteckt. Ja, und dann sehe ich eine Szene, die mein Fotografenherz höher schlagen läßt. Ich versuche sofort zu parken, aber man kennt das ja, keine Haltemöglichkeit auf der Fahrbahn, von hinten werde ich weitergedrängt, die nächste Querstraße nach rechts zu einem Parkplatz in Sichtweite ist wegen Bauarbeiten gesperrt, es gibt auch keine Möglichkeit zu wenden, und dann ist das alles schon wieder zu spät. So will ich denn versuchen, die Szene wenigstens zu beschreiben, kann aber versprechen, alles weitere Interessante dieser Exkursion werde ich wirklich im Bild festhalten und vorzeigen. Nur jetzt muß sich der Leser erst mal nur mit meinen Worten begnügen: An einer offenen Telefonzelle steht eine Mädchen und telefoniert mit dem Rücken zu mir - neckischer, blonder Pferdeschwanz, luftige Bluse, ein knallrotes, kurzes Höschen, lange, sehr lange, bildhübsche Beine, alles in allem eine Augenweide. An der selben Telefonzelle lümmelt neben ihr ein Jüngling in gefährlicher Schräglage, doch lässig-gekonnt anzusehen - nackter, muskulöser Oberkörper, nackte Beine, barfuß, in der Mitte gerade mal ein tiefergelegter Bermudashorts. Wie der die Kleine dabei anhimmelt, das ist schon unverschämt, und das ganze Bild atmet so viel Sommer, Sonne, Leichtigkeit - das ist kaum mehr auszuhalten. Mit dem Teleobjektiv wäre es ein Leichtes, die stimmungsvolle Szene einzufangen, die beiden würden es gar nicht bemerken, aber ... Abbildung 5: Blick hinauf zum noch fernen Vilaflor Wir müssen weiter, durcheilen die noch relativ flachen sechs Kilometer bis Grenadilla und kreuzen auf uns schon vertrauten Wegen durch diesen Ort. Hella erinnert mich dabei lachend an eine Katze, die hier einmal brav am Straßenrand wartete, um dann zwischen zwei Wagen gravitätisch auf einem Zebrastreifen, ja, ganz brav auf einem Zebrastreifen die Straße zu überqueren - ein selten kluges Tier. Am Ortsende beginnt dann die eigentliche Auffahrt in die Cañadas. Auf einer Entfernung von weniger als 15 Kilometern Luftlinie gilt es nun etwa 2000 Höhenmeter zu überwinden. Uns stehen also allerhand enge Kehren und extreme Steigungen bevor, aber auch herrliche Ausblicke aufs Meer hinab und die Beobachtung, mit zunehmender Höhe, ständig wechselnder Pflanzengesellschaften. Wir verlassen Grenadilla und sind schnell auf einer Bergstraße, die unsere Exkursion für sich alleine schon wert wäre. Seit man vor ein paar Jahren eine neue, breite Straße vom Flughafen Sofia über Arona hinauf nach Vilaflor gebaut hat, wird dieses Sträßchen hier zwar arg vernachlässigt - es ist inzwischen eine richtige Holperstrecke geworden -, dafür gibt es aber auch nur mehr sehr wenig Verkehr, und man kann die wunderschöne Landschaft ganz ungestört genießen. In engen Schleifen windet sich der Fahrweg am Berg hoch. Die Bebauung rundum lichtet sich schnell, hört bald ganz auf, und man fährt - für Teneriffa fast schon ungewöhnlich - durch eine geradezu menschenleere Landschaft mit einer urwüchsigen, wilden Trockenvegetation. Abbildung 6: Die Auffahrt nach Vilaflor unter den Eukalyptusbäumen Uralte Eukalyptusbäume säumen den Weg. Überall wuchern Büsche, die wir zum Teil gar nicht kennen, ein verfilztes, oft mannshoches Gewirr. Andere sind uns dagegen wohlbekannt, wie die holzigen Jubas, die fleischigen Kleinien, die riesigen Ampfer oder die stacheligen Opuntien. Die Kakteen hängen voller Früchte, doch bei so mancher Pflanze kann man auch noch die reizvollen, gelben Blüten sehen. An vielen Stellen wurde die Straße geradezu in den steilen Hang hineingefräst, und dann treten beeindruckende Basaltstrukturen zu Tage. Wendet man sich dagegen zurück, überblickt man die ganze weite Fläche dieses ungebändigten Berghangs und wie er weiter unten in flacheres Gelände übergeht. Erst dort unten dann, auf diesem flachen Streifen zum Meer hin, beginnt die Bebauung und die intensive Bewirtschaftung. Doch gemach, auch diese Ordnung wird sich gleich noch einmal ändern. Abbildung 7: Der Blick hinunter zum Meer Schon deutlich über tausend Höhenmetern tritt der Eukalyptusbestand mit seinem verfilzten, buschigen Unterholz zurück und beginnt der Kanarischen Kiefer zu weichen. Ganz unerwartet passieren wir jetzt auch das Schild am Ortseingang von Vilaflor, und fahren an den ersten Häuser vobei, der eigentliche Ort liegt aber noch hoch über uns am Hang. Und noch etwas ändert sich hier oben: Im Gebiet der Gemeide wird auf terrassierten Feldern wieder eine intensive Landwirtschaft betrieben. Wir sehen vor allem Kartoffeln, zum Teil im schönsten Weiß erblüht, und auch so allerhand Gemüse. Daneben gibt es sogar Wein, liebevoll an den Hängen oder auf kleinen, von Mäuerchen umgebenen Feldern gezogen. Was mag das wohl für ein Tröpfchen sein - Vilaflor ist schließlich in mehr als 1400 Metern Höhe über dem Meeresspiegel die am höchsten gelegene Gemeinde ganz Spaniens. Abbildung 8: Wein und Opuntien um Vilaflor Wie genießem wir doch diese sonnige Fahrt auf dem einsamen, kaum mehr genutzten Sträßchen hinauf in die luftigen Höhen des Zentralmassives! Immer wieder halte ich am Sraßenrand, und wir strolchen in der Macchie-Vegetation oder zwischen den terrassierten Feldern umher, bewundern einzelne Pflanzen - ein riesiger Ampfer hat es uns da besonders angetan - fotografieren oder bestaunen die schönen Ausblicke hinab zum Meer. Aber was sage ich da? Ganz so einsam sind wir ja gar nicht. Schon kurz hinter Grenadilla überholen wir zwei Radrennfahrer, die diese Paßstraße offensichtlich zu Trainingszwecken benutzen. Unsere Wege kreuzen sich dann allerdings immer wieder, und das kommt ganz einfach so: Die Knaben strampeln stetig nach oben, wobei ihre rasend schnellen Tretbewegungen in einem geradezu krotesken Gegensatz zur Langsamkeit ihres Vorankommens stehen - das liegt wohl an den modernen Schaltungen mit den extremen Übersetzungen. Immer wenn wir nun einen unserer vielen Stopps einlegen, ziehen die Knaben mit hochroten Gesichtern, schnaufend und schwitzend an uns vorbei, um kurz danach erneut überholt zu werden. Letztlich werden wir fast gleichzeitig in Vilaflor ankommen. Übrigens, als sie wieder einmal so an uns vorüberkriechen - wir sitzen gerade gemütlich auf der Kühlerhaube, und ich schmauche ein Zigarettchen -, fragt Hella allen Ernstes »wozu tragen die eigentlich so windschnittige Helme, Schneckenhäuschen wären bei dieser Geschwindigkeit doch viel angemessener?« Jaja, der Spott der Dame ist manchmal ätzend! Zwischendurch sind wir dann auch immer wieder ganz alleine auf der Straße. Ich zuckele gerade gemütlich so vor mich hin, als plötzlich ein heller, aufgeregter Schrei an meiner Seite ertönt: »Halt! - da drüben, ein Natternkopf - zurück, zurück!« Ich bin ganz perplex, stoppe sofort und rolle folgsam rückwärts ... ja, und dann sehe auch ich die einmalige Pracht. Ein Feldweg leitet rechts den Hang hinauf, und nur ein paar Meter von der Straße entfernt reckt tatsächlich ein Natternkopf seine mit unzähligen knallroten Blüten übersäte Kerze fast zwei Meter hoch in den blauen Himmel. Der Anblick ist überwältigend. Man würde diese Pflanze hier niemals erwarten, kommt sie doch ausschließlich und endemisch in den Cañadas vor, heißt im Spanischen »Taginaste rojo« und trägt, wegen ihrer einmaligen Schönheit, den Ehrentitel »der Stolz Teneriffas«. Abbildung 9: Der Natternkopf am Wegesrand Wir fotografieren uns gegenseitig mit der riesigen Pflanze, und ich lege mich sogar mit dem Rücken auf den Boden, um die riesige Blüte effektvoll vor dem dunklen Blau des Himmels ins Bild zu setzten. Erst nach einer ganzen Weile können wir uns losreißen, und es geht weiter bergan. Und obwohl wir uns - wie schon gesagt - bereits innerhalb der Ortsgrenzen von Vilaflor befinden, geht es noch lange weiter über freies Land, durch die Wein- und Kartoffelfelder, wobei uns vor allem auch die üppige, wilde Vegetation der Straßenränder begeistert. Besonders der Kalifornische Mohn wuchert mancherorts so dicht, daß auf diesen Randstreifen und den Hügel dahinter sein leuchtendes Gelbrot alle anderen Farben überdeckt. Dazu sollte man erwähnen, es gibt sogenannte Naturschützer, die wollen dieses hübsche Pflänzchen wieder ausrotten, nur weil es hier auf Teneriffa nicht endemisch ist. Aber wo ist Natur ohne Wandel, Verdrängung, Umgestaltung - das wird wohl kaum mehr gelingen, und das finden wir auch gut so! Abbildung 10: Kalifornischer Mohn im Gegenlicht In einem sanften Bogen führt die Bergstraße dann endlich auch durch den eigentlichen Ort Vilaflor. Ein paar weiße Häuser stehen um einen weiten Platz. Den sollte man wohl eher eine großzügig angelegte Straßenkreuzung nennen, denn hier trifft die neue Straße aus Arona auf das alte Sträßchen, das wir eben heraufgekommen sind. Doch wir trauen unseren Augen kaum - was gibt es da herrliches zu sehen: In mehreren Beeten hat man eine Vielzahl der roten Natternköpfe angepflanzt, die in allen Stadien ihrer Entwicklung, vom noch grünen Winzling bis hin zur ausgewachsenen, über mannshohen Kerze, in den blauen Himmel streben. Daher stammt also der Prachtbursche, den wir unterwegs so ausgiebig bewundert haben; er ist wahrscheinlich von hier ausgebüxt. Und noch etwas will uns sehr gut gefallen: Direkt an der Straßenkreuzung liegt ein Café mit einladender Terrasse, wo man im strahlenden Sonnenschein unter bunten Schirmen rasten und sich erfrischen kann. Sogar ein großzügig bemessener Parkplatz ist vorhanden, auf den ich natürlich sofort kurve. Abbildung 11: Das Teide Flor an der Weggabel in Vilaflor Bevor wir nun Platz nehmen, erspähen meine Augen wieder einmal eine Szene, die mein Fotografenherz jubeln läßt. Inmitten blühender Natternköpfe steht eine Bank, und auf der sitzen einige alte Männer und dösen in der Sonne. Das Bild strahlt so viel Frieden und südländische Gelassenheit aus - das muß ich einfach haben. Ich pirsche mich heimlich heran und wähle vorsorglich schon eine lange Brennweite. Aber bevor ich noch zum Schuß komme, schwänzelt auf der anderen Straßenseite ein hübsches, junges Ding im leichten Sommerkleidchen vorbei ... und aus ist es mit der Gemütlichkeit. Alle Blicke folgen den aufregenden Bewegungen, und einer der Männer springt sogar auf und verdirbt mir damit die ganze Komposition. Nun ja, ich kann den Standort und die Brennweite nicht mehr schnell genug wechseln, um auch noch den Anlaß der Unruhe mit aufs Bild zu bekommen, drücke trotzdem ab und binde das Bildchen hier ein - der Leser weiß ja nun, worauf die alten Knaben so fasziniert starren. Abbildung 12: Die alten Knaben auf der Bank Im Lokal, es heißt übrigens »Teide Flor«, werden wir dann von einer anderen hübschen, jungen Spanierin sehr freundlich bedient, der nun meine Blicke unnötig lange folgen - wie Hella ebenso unnötig, dafür um so spöttischer bemerkt. Aber wie auch immer - heute scheint einfach alles zu stimmen. Die fesche Dame serviert uns Espresso und Eistüten. Und während wir uns zurücklehnen und unsere Blicke genüßlich ins Tal hinab schweifen lassen, strampeln die beiden 'Radrenner' vorbei. Sie haben offensichtlich genug, wählen die Straße hinunter nach Arona und entschwinden damit endgültig aus unseren Augen. Doch schon deutet sich eine neue Reisebegleitung an. Nach der angenehmen Erfrischung bummeln wir noch ein wenig um das Lokal und sehen da vier geparkte, schwere Motorräder herumstehen. Während ich noch das schwere, in leuchtenden Metallicfarben lackierte Gerät bewundere, erscheinen die Herren Besitzer, vier junge Burschen, und nach dem üblichen Ankleide- und Startzeremoniell von Motorradpulks entschwinden sie in Richtung Teide. Wir folgen ihnen und werden den Vieren noch des öfteren begegnen. Ab Vilaflor ist die Straße weiter hinauf in die Cañadas jetzt bestens ausgebaut. Kamen wir anno 2000 hier noch in zunehmend immer dichtere Wolkenfelder, so herrscht heute der strahlendste Sonnenschein. Damals mußte ich im Nebel sogar das Licht einschalten, jetzt können wir unsere Umgebung in aller Klarheit bewundern. Wir sind endgültig in der Kiefernwaldzone angekommen. Uralte Kiefern säumen unseren Weg. Elisabeth hatte uns bereits auf diese ganz besonders schönen Bäume aufmerksam gemacht und dabei nicht übertrieben. Wie hoch recken doch diese Baumriesen ihre mächtigen Kronen in den Himmel. Aber es gibt noch mehr zu sehen. Auch die neue, gut ausgebaute Straße mußte man an vielen Stellen in den steilen Hang hineingraben oder gar -sprengen. Hohe Felswände und tiefe Abgründe grenzen oft dicht an den Straßenrand. Wir haben auch noch selten so beeindruckende Basaltstrukturen gesehen ... achteckige Pfeiler ragen dicht an dicht wie die Orgelpfeifen viele Meter nach oben, und da gibt es auch riesige Blöcke, herausragend, überhängend, oft eng in einander verschachtelt ... manchmal muß man geradezu fürchten, sie könnten jederzeit herunterfallen. Es ist eine fantastische Fahrt, und wir genießen jeden einzelnen Meter in vollen Zügen. Abbildung 13: Basaltstrukturen - aufgenommen über Arafo Einmal schere ich aus dem Kiefernwald auf eine mit Kies bedeckte Fläche am linken Fahrbandrand aus, in der Hoffnung auf einen letzten Blick tief hinunter zum Meer. Da gibt es aber nur einen Abbruch, und darunter ein anderes Kiesfeld mit Wald, und als wir da unten und durch sind, wiederholt sich dieser Anblick ein weiteres Mal. Die schöne Aussicht erhaschen wir also nicht mehr, dafür können wir heute die riesigen Kiefern einmal ganz aus der Nähe und im strahlenden Sonnenschein bewundern. Der Weg zum geparkten Wagen zurück ist steil und mühsam, und als ich dann schnaufend wieder am Steuer sitze, drehen die Räder beim Anfahren durch. Nur ganz langsam und sehr vorsichtig kann ich unseren fahrbaren Untersatz schließlich doch auf die eigentliche Fahrbahn zurückmanövrieren. Abbildung 14: Kiefer am Rande des Nationalparks Nur ein paar hundert Meter weiter treffen wir wieder auf die Motorradfahrer. Sie haben ihre schweren Maschinen am Waldrand abgestellt, sitzen auf Steinen im Halbkreis, scheinen etwas zu trinken und zu plaudern. Aber da fehlt doch einer. Hella entdeckt ihn schnell im Hintergrund. Er streift durch den Wald, bückt sich manchmal und scheint etwas zu suchen. Hellas Meinung, der Knabe sei am 'Blümchenpflücken', kann ich mich bei diesen rauhen Gesellen nur schwer anschließen. Aber vielleicht ist doch etwas dran, denn als wir ihnen ein Stück weiter oben, schon ganz nahe am Kraterrand, wieder begegnen, sind drei von den vieren mit dieser undefinierbaren Suche beschäftigt. Nur einer bewacht die Motorräder und schmaucht ein Zigarettchen. Die Vegetation ist hier oben auch tatsächlich wunderschön, und auch wir beide halten des öfteren und sehen uns am Straßenrand, auf den Hügeln und unter den zum Teil schroffen Felsen dahinter immer wieder um. Von Vilaflor kommend, muß man ganz hoch hinauf, über den Kraterrand hinweg und danach auf einer in die Kraterwand geschmiegten Straße hinunter ins Kraterbecken fahren. Man hat herrliche Blicke hinüber zum »Pico Viejo«, jenseits der pechschwarzen Lavaströme seines letzten Ausbruchs. An der »Boca di Tauce« trifft unsere Straße aus Vilaflor auf die Straße aus Santiago, um dann weiter in den Einsturzkrater, die Cañadas, hineinzuführen. An dieser Straßengabel öffnet sich uns jetzt auch der Blick auf den zwar jüngeren, aber noch viel größeren Bruder des Viejo, auf seine Majestät »El Teide«. Die beiden Vulkane wachsen aus der weitläufigen Ebene der Cañadas hoch in den Himmel. Diese Ebene, ein sogenannter Einsturzkrater, liegt mehr als 2000 Meter über dem Meeresspiegel, hat einen Durchmesser von fast zehn Kilometern, und denkt man sich die zerrissenen, bis zu 2700 Meter Höhe aufgewölbten Ränder hoch, kann man sich nur allzu gut vorstellen, welch mächtiger Vulkan da in Urzeiten einmal in die Luft geflogen sein muß, um einen solch riesiges Loch zu hinterlassen. Abbildung 15: Karte der Las Cañadas Aber der Vulkanismus ist damit noch lange nicht zur Ruhe gekommen. Der Pico Viejo ist schon wieder gut 1100 Metern über die 2000 Meter des Kraterbodens hinausgewachsen, der Teide sogar über 1700. Und damit ist dieser Teide, mit seiner Gesamthöhe von 3718 Metern über dem Meer, der höchste Berg Spaniens. Anno 1399 ist er vermutlich zum letzten Mal ausgebrochen. Als Kolumbus 1492 unter Teneriffa vorbeisegelte, sah er eine gewaltige Explosion - vermutlich der Viejo, und Alexander von Humboldt konnte 1798 einen weiteren Ausbruch dieses Vulkans erleben. Unsere Fantasie reicht völlig aus, uns die nächste, vielleicht gewaltigste aller Explosionen vorzustellen - aber wann mag das geschehen? Jetzt gleich ... in tausend Jahren? - eine müßige Frage. Hier an der Boca de Tauce treffen wir zum letzten mal auf unsere Motorradrotte. Es gibt da einen kleinen Mirador - so heißen in Spanien besonders schöne Aussichtspunkte - mit ummauertem Parkplatz. Darauf stehen die vier Maschinen fein säuberlich nebeneinander, während es sich ihre Besitzer auf dem Mäuerchen bequem gemacht haben. Welch schöner Vordergrund für ein Bild von dieser überwältigenden Naturkulisse. Aber das wird gar nicht so einfach: Eine kleine Japanerin tanzt mir ständig vor der Nase und im Motiv herum; die junge Dame will ihre Begleitung auf meiner Seite der Straße fotografieren - vielleicht komme ich sogar mit auf ihr Foto. Ich jedenfalls wappne mich mit Geduld, und drücke erst auf den Auslöser, als die Sicht wieder frei wird ... diesmal will ich mir keine Unruhe von einer Frau in die ruhige Komposition tragen lassen! Und als ich dann abdrücke, da reckt zufällig einer der Motorradritter spontan beide Arme in den Himmel. Welche Geste! Freude über die gut überstandene, schwierige Auffahrt und Referenz an die erhabene Schönheit dieses grandiosen Ausblicks? Abbildung 16: Die Mototrradfahrer vor der Kulisse des Teide Auf der Weiterfahrt wägen wir dann - wie schon so oft - die Vor- und Nachteile von Reisen mit dem Motorrad oder dem Auto gegeneinander ab. Gewiss ist man auf so einem Motorrad der Natur noch ein gutes Stückchen näher, spürt den Fahrwind, die Bewegung, das Vorankommen ganz unmittelbar und kann noch viele weiterführendere, einsamere, verwegenere Sträßchen benutzen, als wir es schon tun. Dafür bedarf es aber einer besonderen Montur, und die will - zumindest teilweise - bei jedem Stopp ab-, beziehungsweise wieder angelegt werden. Wir dagegen sind immer gleich lässig gekleidet und stellen einfach, wenn's mal ganz dick kommt, im Wagen die Heizung an. Da ist man schnell mal draußen - für ein Bierchen, einen Café oder ein Foto - und manchmal noch schneller wieder drin! Jaja, ein Dach über dem Kopf, gegen Sonne und Regen, das ist etwas Feines. Wie oft haben wir uns doch schon köstlich über die Motorradler amüsiert, wenn sie unter Brücken vor Unwettern Schutz suchen mußten, während wir noch flott vorankamen. Da ist's dann Schluß mit der 'Freiheit auf zwei Rädern'. Vielleicht ... wenn wir dreißig Jahre jünger wären ... nun ja, aber so gemütlich unterhalten wie eben jetzt, das könnten wir uns auch dann auf keinen Fall! Beim folgenden bitten wir den Leser um ein wenig Nachsicht, denn was nun kommt, mag so manchem kindisch erscheinen, wir aber haben einen Heidenspaß daran: Direkt unter den »Roques«, einer markanten, schroffen Felsformation, und dem unmittelbar dahinter in den Himmel strebenden Teide gibt es wieder einen ummauerten Mirador. Wir halten heute hier eigentlich vor allem, weil ausnahmsweise mal weit und breit kein anderes Auto herumsteht. Ich balanciere auf dem Mäuerchen hin und her - nur so zum Spaß -, und Hella sieht sich in der spärlichen Trockenvegetation unmittelbar dahinter ein wenig um. Dabei fallen ihr die vielen Eidechsen unter und zwischen den Teide-Ginsterbüschen auf. Die sollte man auch einmal groß ins Bild setzen, aber vorher muß man sie wohl irgendwie erst mal anlocken. Ich krame unter der Heckklappe des Wagens herum und finde wirklich einige, dick mit Schokolade überzogen Waffelriegel - so etwas naschen wir manchmal, wenn gerade keine Kneipe in der Nähe ist. Ob die Eidechsen das auch mögen? Würfelzuckergroße Bröckchen werden zurechtgemacht, erst mal eines davon auf den Steinplatten hinter der Mauer deponiert, und dann lauern wir gespannt, bäuchlings auf der Mauer liegend, und ich die Kamera im Anschlag, was nun passiert. Abbildung 17: Eidechse mit Schokowaffel Es dauert kaum eine Minute, und dann kommt schon ein mittelgroßes Eidechschen angekrabbelt. Das Tier beißt in den Brocken, aber da saust aus dem Schatten der Mauer schon ein zweites, deutlich größeres hervor, reißt dem kleineren den Köder aus dem Maul und verschwindet unter den Ginsterbüschen. Das geht alles so blitzschnell, daß ich nicht zum Schuß komme. Dieses Spielchen wiederholen wir jetzt natürlich noch ein paar Mal ... Brocken immer an die gleiche Stelle ... die Eidechsen belauern sich ... eine versucht's, eine andere ist schneller ... und unsere Marschverpflegung entschwindet langsam aber sicher unter dem Teide-Ginster. Wir haben ein geradezu kindliches Vergnügen an dieser Fütterung, und mir gelingen auch tatsächlich einige nette Bilder. Aber das beste kommt zum Schluß: Auf dem heißen Stein ist natürlich einiges von dem Überzug der Waffeln geschmolzen, und an der Fütterungsstelle bleibt letztlich ein großer Schokoladefleck zurück. Als es dann keinen Nachschub mehr gibt, kommt auch kein Krabbeltier mehr - die raufen wahrscheinlich unter dem Ginster um die letzten Brocken weiter -, bis auf eines, ein ganz kleines: Ein hübsches, leuchtend grün gefärbtes Eidechschen kommt angeschlichen, beäugt den Fleck und fängt dann an, mit seinem winzigen Zünglein die Schokolade aufzulecken. Schade, das kann man nicht fotografieren, da bedürfte es schon einer Macroausrüstung. Die habe ich aber leider nicht dabei, man muß es uns einfach glauben. So etwas haben wir noch nie gesehen - hoffentlich bekommt es dem Tierchen! Nun haben aber auch wir Hunger bekommen. Wir reißen uns von den Eidechsen los, fahren ein Stück weiter und parken am »Parador«, dem Luxushotel, mitten im Einsturzkrater. In der Franco-Ära errichtete man an den schönsten Plätzen ganz Spaniens besonders komfortable Hotels, die sogenannten »Paradores Nacionales de Turismo«, und eines davon steht hier oben, am schönsten Platz der Cañadas. Früher haben wir im Vorbeifahren gerne mal an der Hotelbar einen 'café solo' getrunken, inzwischen hat man im Hotel einen Selbstbedienungs-Imbiß eingerichtet, und da verpflegen wir uns heute - weniger stilvoll als früher, dafür aber immer noch genauso teuer! Vor dem Lokal gibt es jetzt eine Terrasse, und hier zu sitzen, den vorzüglichen Marzipankuchen zu essen, Kaffee zu schlürfen und in den Anblick des alles überragenden Teide zu versinken, versöhnt immer wieder mit der touristische Entartung dieser Lokalität. Abbildung 18: Das Parador in den Cañadas Es ist der einzige Ort auf ganz Teneriffa, an dem wir in all den Jahren noch nie etwas anderes als strahlenden Sonnenschein erlebt haben - wir saßen hier schon unter blauem Himmel, wenn es nur wenige hundert Meter weiter hagelte! Zur Linken hin steht, vor dem Hintergrund der hohen Berge des Kraterrandes, ein kleines Kapellchen. Direkt vor der Terrasse ziehen sich die schroffen Felsen der Roques hin, und dahinter steigt der Teide 1700 Meter weiter in den Himmel. Zur rechten breitet sich die Ebene der Cañadas aus, mit dem weit über mannshohen Ginster - riesige, olivgrüne Kugeln -, den gelben Kissen der 'Teide-Schäfchen' und der blauen Katzenminze. Auch in dieser Richtung, ein wenig weiter entfernt, begrenzt das Randgebirge den Blick, mit seinen erstarrten Lavafeldern und -strömen in leuchtenden Farben vom Rot über die unterschiedlichsten Brauntöne bis hin zum tiefsten Schwarz. Hier muß man einfach verweilen. Wir lehnen uns zurück, strecken die Beine weit von uns und blicken ganz einfach hinauf zur Spitze des Teides und lassen unsere Blicke über seine leicht nach außen gewölbten Flanken schweifen. Da gibt es nicht mehr viel zu sagen - alleine der Anblick dieses mächtigen Vulkans ist jede Reise nach Teneriffa wert! Abbildung 19: Der Teide mit den Roques im Vordergrund Übrigens, was ich gerade über das schönen Wetter am Parador erzählt habe, bestätigt sich auch heute wieder aufs schönste: Wir sitzen hier noch lange im strahlenden Sonnenschein, auf der Weiterfahrt aber ändert sich das Wetter schnell, wenn auch nicht so dramatisch wie vor wenigen Tagen, als wir in einen heftigen Hagelsturm gerieten, und die Straße plötzlich weiß von großen Hagelkörnern war. Vom Parador aus fährt man zunächst einige Kilometer unter der mächtigen Südostflanke des Teide entlang. Von hier aus geht die Seilbahn hinauf bis dicht unter den Gipfel, und eine lange Schlange von Autos steht wieder einmal auf der im Bogen aufwärts führenden Straße bis hin zur Talstation. Die lassen wir heute einfach links liegen und fahren weiter in Richtung Portillo, zum östlichen Ausgang des Kraterrundes. Die Straße durchschneidet mächtige Lavafelder, zum Teide hin sogar richtige Berge, zum Kratergrund hin ein zerklüftetes Gewirr von bizarren Felsbrocken, Trümmerfeldern und Schluchten. Die erstarrte Lava leuchtet geradezu in den schon genannten Farben, und in einem weiten Bereich sind die Felsen von glänzendem Obsidian überzogen. Doch zurück zum Wetter: Aus dem Kratergrund zu unserer Rechten steigen bald durch die Senken, Furchen und Spalten weißliche Nebelschwaden herauf. Von einem hohen Schuttkegel ragt nur noch die Spitze aus dem Dunst, und je näher wir dem Kraterausgang kommen, desto nebeliger wird es auch auf der Straße. Bei Portillo sind wir von dieser Nebelsuppe dann endlich völlig eingeschlossen und wissen, daß uns eine 'trübe' Abfahrt bevorsteht. Die wabernden Wolken steigen von der Nordküste herauf und beginnen von hier aus die Cañadas zu überfluten. Wir sehen gerade noch, wie eine solche Wolke an der Flanke des Berges über der Straße hinüber zur Sternwarte Izaña hinankriecht. Bald wird auch hier oben alles von dieser weißen Pracht eingehüllt sein. Wir aber tauchen jetzt nach links, hinab auf die Straße ins Orotava-Tal und hinein in die wallenden Wolkenschleier. Abbildung 20: Nebel aus dem Orotava-Tal überflutet die Cañadas Man könnte nun meinen, daß solche Abfahrten durch dichten Nebel, ohne irgendwelche Ausblicke, mit Sichtweiten von manchmal nur wenigen Metern, völlig reizlos seien - für den Fahrer anstrengend, für den Beifahrer langweilig, und vielleicht insgesamt auch nicht ganz ungefährlich. Zumindest für uns muß ich das verneinen. Es gilt zwar jetzt die 2000 Höhenmeter auch hier wieder auf weniger als 15 Kilometern Luftlinie zu überwinden, und das ebenfalls auf einer sehr kurvenreichen Straße. Diese ist aber bestens ausgebaut, und der Verkehr ist bei solchen Wetterlagen relativ gering - zumindest bis hinunter nach Orotava. Wir kennen inzwischen die verschiedenen Straßen im Zentralmassiv Teneriffas wie unsere Westentasche, und damit natürlich auch diese hier, hinunter ins Orotava-Tal. Selbst bei dichtestem Nebel kann ich mich an der weißen Linie in der Straßenmitte orientieren, und die gefährlichen Kurven kenne ich im voraus und fahre entsprechend vorsichtig. Unangenehm sind höchstens manchmal die leichtsinnigen Drängler, die ich jedoch - wo immer möglich - gerne überholen lasse. Abbildung 21: Der Kiefernwald im Nebel So wird es denn eine gemütliche Abfahrt, ich lassen den Wagen meist motorgebremst rollen, und wir erfreuen uns an dem wenigen, was aus der Nähe am Straßenrand doch alles zu sehen ist: Finstere Abgründe zur Linken, schroffe Felsen zur Rechten - und umgekehrt -, eine vor Nässe triefende, üppige Vegetation, mächtige Kiefern, deren Kronen nach oben im Nebel verschwimmen ... der Nebelwald wird für uns zum Märchenwald, und so genießen wir geradezu diese romantische Fahrt. Aber da die Schilderung all dieser, für uns so vielfältigen und reizvollen Details für den Leser sicher eher ermüdend wäre, will ich hier nur von einer wirklich ganz markanten Stelle dieser Strecke etwas ausführlicher berichten, der berühmten Basalt-Rose über Orotava, der »Piedra la Rosa«. Nach etwa einem Drittel des Weges aus den Cañadas hinunter nach Orotava, bei km 22.5, gibt es direkt an der Straße eine ganz besondere Laune der Natur zu bewundern. Jenseits einer kleinen Schlucht blickt man auf einen linsenförmigen Lavastrom, der zum Betrachter hin wie abgeschnitten erscheint. An der Schnittstelle sind typisch achteckige Basaltsäulen zum Teil radial um ein längliches Zentrum angeordnet, aus dem kürzere Säulen und Brocken senkrecht herausragen. Es entsteht so der faszinierende Eindruck einer steinernen Blüte von über fünf Meter Durchmesser. Dieses beeindruckende Naturwunder ist leider leicht zu übersehen, da es in einer Kurve, von der Straße ein wenig zurückversetzt liegt, und weil man den Parkplatz für die Besichtigung wegen des steilen Geländes etwas oberhalb der Schlucht anlegen mußte. Es lohnt sich also, um die Kilometersteine 20 bis 25 herum, ein wenig langsamer zu fahren und Ausschau zu halten. Wir parken natürlich auch heute und laufen durch den dichten Nebel hinunter zur Schlucht. Kein Mensch ist außer uns weit und breit zu sehen, und weiße Wolkenfetzen ziehen aus dem Talgrund empor und verdecken zum Teil den Blick auf die so seltsam geformte, erstarrte Lava. Hinter der wallenden Nebelwand wirkt das Gebilde heute eher wie ein überdimensionales Insekt, denn wie eine Blume - uns ist fast ein wenig unheimlich zu Mute. Und weil ich diesen bewegten Eindruck mit der Kamera nicht festhalten kann, binde ich für den Leser ein wohlgelungenes Foto ein, das ich vor wenigen Tagen und bei strahlendem Sonnenschein aufgenommen habe. Abbildung 22: Die Basaltrose über Orotava Als wir dann weiterfahren, erleben wir einen erneuten Wetterumschwung. Wir sind ja nun wieder auf der Nordseite der Insel, und heute morgen hat es da noch heftig geregnet - man erinnere sich. Inzwischen lacht auch hier die Sonne, nur noch einige Schäfchenwolken tummeln sich am Himmel, und die Temperatur ist auf angenehme 23°C gestiegen. Ja, so macht der jetzt fällige Besuch im Café Melita doch gleich doppelt so viel Spaß. Ich nehme die letzten Kurven der Abfahrt voller Schwung, brause mit leicht überhöhter Geschwindigkeit auf der Autobahn nach Tacoronte, dann geht's flott auf der Küstenstraße am Meer entlang, und in Tejina schließt sich der Kreis unseres heutigen Ausflugs. Das geliebte Café Melita, jaja, darüber muß ich kurz ein paar Worte verlieren: Bajamar und Punta del Hidalgo sind die beiden letzten Orte an der Küstenstraße. Dahinter brechen die steilen Bergflanken des Anaga-Gebirges direkt und schroff zum Atlantik hin ab. Schon zwischen diesen beiden Orten verläuft die Küstenstraße in eine solche Flanke geschmiegt, um kurz hinter Hidalgo, schon hoch über dem Wasser, zu enden. Und ziemlich genau auf halbem Weg zwischen den Orten hat man besagtes Café noch vor die Straße auf eine steile Klippe über dem Meer gebaut, eingeklemmt zwischen Fels und Wasser. Gerahmte Urkunden an den Wänden verkünden stolz von deutschen Meisterwürden des Konditorhandwerks. Die Wirtsleute haben dieses Wissen längst inniglich mit der Backkunst der Kanaren verbunden und bieten ihren Gästen täglich eine Vielzahl köstlichster Kuchen und Torten. Viele Kaffeespezialitäten, vom 'Deutschen Kaffee' bis hin zum Espresso, eine Theke mit selbstgemachter Eiscreme und eine bestbestückte Bar internationaler Spirituosen vervollständigen das Angebot. In diesem Tempel der süßen Genüsse pflegen wir unser - heute etwas verspätetes - Mittagessen einzunehmen. Eine besondere Komposition hat sich da nach langem Probieren zum Favoriten gemausert: Jeder drei Eiskugeln - Schokolade, Malaga und Pistazie - mit reichlich französischem Likör übergossen. Letzteren wechseln wir täglich, und man ist damit hier wahrlich nicht kleinlich. Heute zu Beispiel füllt uns »Señorita Melita«, so nennen wir unsere freundliche Bedienung, einen großen Cognac-Schwenker zu gut einem Drittel mit feinstem Bénédictine, dann ist die Flasche leer. Sie ist damit aber nicht zufrieden, holt eine neue und füllt das große Glas weiter, bis auf gut die halbe Höhe. Bei so viel Großzügikeit schnuppern und nippen wir natürlich auch gerne mal an dieser edlen Flüssigkeit - ob man über Bénédictine wohl gar zum Schnüffler werden kann(?) -, und doch bleibt uns immer auch noch ein Rest als Würze für den Nachtisch: Jeder von uns beiden darf mal, von Tag zu Tag wechselnd, ein Stück aus dem reichhaltigen Tortenangebot auswählen, das uns dann mit zwei Gäbelchen zum abschließenden Espresso gereicht wird. Wir haben inzwischen fast alle Torten verkostet, eine besser als die andere! Aber ... es sind nicht nur die süßen Sachen, die uns so viel Freude machen ... es ist einfach die gesamte Atmosphäre im Melita, alle Sinne kommen da auf ihre Kosten: Auch heute sitzen wir wieder auf der Terrasse, strecken die Beine weit von uns, löffeln versonnen am Eis und naschen am Kuchen, plaudern über den schönen Ausflug, lauschen dem munteren Vogelgezwitscher aus den Volieren eines Nachbargrundstücks, sehen einem Pärchen von Grasmücken zu, das seine piepsenden Jungen im bunt wuchernden Buschwerk der Terrassenumrandung großzieht, beobachten huschende Eidechsen und taumelnde Schmetterlinge, blicken die mächtige Steilwand vor uns hinauf, bis hin zu dem markanten Felsentor über Bajamar oder lassen unsere Blicke tief hinunter zum Strand mit den anrollenden Brechern des Atlantik schweifen. Das ist ein langer Satz geworden - ich könnte ganze Seiten füllen. Abbildung 23: Auf der Terrasse des Melita Doch genug der Schwärmerei, machen wir den Rest kürzer. Jetzt geht's erst mal nach Hause, und wir geben uns einer der schönsten Formen der Muße hin, einem langen Nickerchen am Nachmittag. Ein Espresso an der Bar des Atlantis macht uns wieder munter. Dabei will Elisabeth, die Chefin des Hauses, genau wissen, was wir heute wieder einmal so alles getrieben haben. Sodann gelüstet uns nach ein wenig Bewegung, die wir uns mit einem langen Spaziergang am Lavastrand unter Hidalgo und im Hafen von Bajamar verschaffen. Wie schnell doch die Zeit darüber vergeht, es wird Abend, und schon streben wir dem letzten Höhepunkt des Tages entgegen, dem Abendessen in unserem Stammlokal. Abbildung 24: Im Dacil, unserem Stammlokal Diese gastliche Stätte ist nach der legendären, ach so schönen Tochter des letzte Königs der Guanchen benannt und heißt »Dacil« - welch wohltönender Name. Der Wirt, ein gebürtiger Bajamarer, hat sein Handwerk vom Lehrling bis zum Hotelchef in langen 19 Jahren auf Sylt gelernt, dort eine rassige Portugiesin geheiratet und ist in vielen Küchen Europas zu Hause - entsprechend vielfältig ist seine Speisekarte. Wir lassen uns heute von seinem quicklebendigen und durchaus auch sehenswerten Töchterchen einen »Kanarischen Kaninchenbraten« servieren. Und mit dieser kulinarischen Köstlichkeit im Sinn will ich diesen ganz normalen Tag auf Teneriffa endgültig ausklingen lassen. Impressum Angaben nach dem TDG / MDStV Anbieter i.S.d. TDG/MDStV: Dr. Baldur Markert Puschkinstraße 30, D-90475 Nürnberg, Tel.: +49 911 830015, Email: B.Markert@odn.de Verantwortlicher i.S.d. § 6 Abs. 2 MDStV: Dr. Baldur Markert Puschkinstraße 30, D-90475 Nürnberg, Tel.: +49 911 830015, Email: B.Markert@odn.de Das Copyright für sämtliche Bilder und Texte dieser Seiten liegt bei Baldur und Hella Markert. 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