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Ein Autorenehepaar möchte
Ihnen seine Bücher vorstellen **************** Baldur Markert, 1940 in
Unterfranken geboren, studierte in München Psychologie und promovierte in Konstanz. Er
ist Mitautor psychologischer Fachbücher und verschiedener Beiträge in Fachzeitschriften.
In den vorliegenden Reiseberichten übernimmt er die Rolle des Erzählers. Hella Markert,
1941 in Berlin geboren, studierte Botanik und Pharmazie. Beide Autoren haben sich bereits
früh dem Reisen verschrieben. Während Hella Markert vornehmlich die Alpen durchstreifte,
zog es Baldur Markert schon in jungen Jahren in weite Fernen - bis hin nach Australien und
in die Südsee. Längst sind nun beide gemeinsam unterwegs und widmen sich mit Vorliebe
der schriftlichen und fotografischen Dokumentation vergangener wie aktueller Reisen.
Reisen sind Glanzlichter im Leben - weg von der Routine des Alltags, hinaus in die weite
Welt, in fremde Gefilde, zu fremden Menschen, Neues und Unbekanntes entdecken - ja, auch
wir reisen nur allzu gerne! Von solchen Reisen erzählen unsere Bücher. Mit ihnen wollen
wir den Leser unterhalten und - zumindest in Gedanken - mit auf Reisen nehmen. Vielleicht
helfen ihm dabei dann auch die sorgfältig zusammengetragenen Informationen, Land und
Leute in der Ferne ein wenig besser zu verstehen. Wer sich für ganze Bücher
interessiert, der mag wohl auch eine weitere Bildschirmseite lesen? Wohlan! Über den vier
Bildchen stehen hübsche Schlagworte, wie sie nun einmal auf jeder Bildschirmseite nötig
sind, um die Aufmerksamkeit des Besuchers einzufangen und in die gewünschte Richtung zu
lenken. Aber natürlich sollte man das Thema »Reisen« nicht nur mit ein paar einfachen
(Werbe-)Phrasen abtun, und so bitten wir den Besucher dieser Seite, uns noch ein paar
Zeilen weiter zu folgen. Wir wollen dabei auch erläutern, was der Leser von unseren
Büchern erwarten kann. Zwei unterschiedliche Motive werden bei Reisen gerne einander
gegenübergestellt: Bildung und Erholung. Die »Bildungsreise« oder »Studienreise«
beinhaltet wohl stets eine gute Vorbereitung, das planvolle Abarbeiten von Sehenswertem
und die Orientierung an Fachliteratur und Reiseführern ... »Erholungsreise« dagegen
meint faulenzen, sich treiben lassen, gutes Essen, Trinken und Geselligkeit, eben die
sprichwörtlich baumelnde Seele ... Beides wird oft als kaum vereinbar dargestellt. Wir
sind da ein wenig anderer Meinung. Wie können wir also unsere ganz persönliche Art zu
reisen beschreiben? Am Anfang steht da eigentlich immer ein konkretes Ziel, das wir
kennenlernen oder auch nur einfach wiedersehen wollen - zum Beispiel eine Landschaft, eine
Region oder eine Stadt. Darauf stimmen wir uns dann locker mit allerhand passender
Lektüre und fleißigem Kartenstudium ein und genießen schon die Vorfreude auf unser
Reiseziel in vollen Zügen. Unterwegs möchte man dann natürlich dem schönen Augenblick
auch ein wenig Dauer verleihen, was wir durch emsiges Fotografieren und sorgfältige
Tagebuchaufzeichnungen versuchen. Nun ja, und aus der durchaus auch sehr vergnüglichen
Nachbereitung - Ausarbeitung der Bilder und Texte - entwickeln sich dann unsere Bücher.
Und so verläuft meist die eigentliche Reise: Vor Ort genießen wir jeweils die
Annehmlichkeiten einer gepflegten Hotellerie und Gastronomie in vollen Zügen. So
erzählen viele Seiten unserer Bücher auch in genüßlicher Breite von den Freuden des
Müßiggangs, des Flanierens und Bummelns, von Sonne, Strand und Wärme, von gutem Essen
und Trinken. Doch werden nicht auch das bequemste Hotel oder der sonnigste Strand auf die
Dauer langweilig? Dann ziehen wir los - früher oder später, zu Land, zu Wasser oder
durch die Luft - und sehen uns Land und Leute an. Wo liegen dabei unsere Interessen, was
kann der Leser da von uns erwarten? Nein, eine kurze, schnelle Antwort auf diese Frage
verweigern wir heftig! Spannen wir lieber einen großen Bogen auf ... vom ersten Blümchen
im Frühling über hohe Berge und weite Tälern, hin zur eleganten Flaniermeile, zu
stolzen Domen und prunkvollen Schlössern und wieder zurück zum einsamen, winzigen
Kapellchen am Wegesrand im Herbstnebel ... die unendliche Vielfalt der Menschen, ihre
Geschichte und kleinen Geschichtchen nicht zu vergessen. Noch eine wichtige Bemerkung: Das
Mittel unserer Mobilität ist im wesentlichen - mit wenigen Ausnahmen - das Auto, entweder
das eigene, oder in weiterer Ferne ein Leihwagen. Nur damit erreichen wir den gewünschten
Aktionsradius, eine gewisse Unabhängigkeit von Fahrplänen und natürlich auch vom
Wetter. Damit fahren wir die meisten unserer Ziele an, um dann in urbaner Umgebung zu
bummeln oder uns in der Natur zu ergehen. Man muß das erwähnen, weil das Auto immerhin
in den letzten Jahrzehnten durch allerhand Mißbrauch ein wenig in Verruf geraten ist. Wir
selbst nutzen grundsätzlich nur vorhandene Infrastrukturen, im Gelände sind wir
selbstverständlich per pedes unterwegs. Doch dieses Thema »Autoreise« diskutieren wir
des öfteren ausführlicher in unseren Texten. Fassen wir abschließend zusammen: Wir
bemühen uns in unseren Büchern um »Landschaftsbilder«, die möglichst viele
Dimensionen einschließen, zum Beispiel ländliche, urbane, kulturelle, naturkundliche,
historische, anekdotische ... Unsere Bücher sollen Reiseführer nicht ersetzten, aber
ergänzen, denn wir bemühen uns auch um eine ganz persönliche Wertung, also um eine
emotionale Tönung. Und vor allem - wir wollen unsere Freude am Reisen vermitteln, dieses
Raus-aus-dem-Alltag und dieses lustvolle Streben, hinaus in die wunderschöne weite Welt!
Tage am Gardasee Das leichte Leben gleich jenseits der Berge
-------------------------------------------------------------------------------- Aus dem
Vorwort: Über die Liebe und anderer schöne Gewohnheiten. Wenn die Erinnerungen an
vergangene Reisen verblassen, sollte man anfangen, neue Pläne zu schmieden - was wäre
das Leben ohne Träume? Doch die Wahl des nächsten Reiseziels ist wie der Griff ins
Bücherregal: Viele Bücher haben wir von Anfang bis Ende geradezu verschlungen, ihre
Lektüre wie ein Abenteuer erlebt und sie schließlich hochbefriedigt ins Regal
zurückgestellt. Sie haben uns blendend unterhalten und oft auch belehrt, geweckt wurde
aber vor allem die Lust auf mehr, auf Neues, das noch Unbekannte. Daneben gibt es eine
ganz andere Lektüre. Es sind unsere wenigen Lieblingsbücher, und die haben wir nicht nur
einmal, sondern immer wieder gelesen. Ich glaube, es sind genau diese Bücher, die unser
individuelles Lebensgefühl mitgeformt haben, die ganz persönliche Art, unsere Umwelt
wahrzunehmen, zu bewerten und in ihr zu agieren. Man liebt und braucht solche Bücher,
helfen sie uns doch, in die Zufälligkeiten der Lebensumstände eine gewisse persönliche
Konstanz zu bringen. Wie mit den Büchern ist es auch mit den Reisezielen. Von Fernweh und
Neugierde getrieben, haben wir schon so manches Reiseabenteuer erlebt, und doch locken
danach stets neue Ziele. Aber es gibt auch Orte, zu denen es uns immer wieder hinzieht,
deren Besuch uns zur lieben Gewohnheit geworden ist. Da gibt es Menschen, unter denen wir
uns wohlfühlen, deren Lebensstil uns geprägt hat, und die Landschaft, das Klima, die
Natur kommen unserem Wesen entgegen und wecken angenehmste Gefühle. Dort suchen wir nicht
das Erlebnis ständig neuer Reize, sondern einfach eine Beruhigung der Seele,
Ausgeglichenheit, Besinnung. Solche Orte können zu einer zweiten Heimat werden, zu einer
Heimat ohne die Belastungen des Alltags. Der Gardasee ist für uns ein solches
Reiseziel... Wer schon einen Blick ins Inhaltsverzeichnis geworfen hat, wird bemerkt
haben, daß er kein einfaches Reisetagebuch vor sich hat. Die ursprünglichen Annalen
wurden hier nach Orten und Themen geordnet, viele informative Abschweifungen sind
eingewebt und auch die Erinnerungen an frühere Reisen wurden nicht vergessen. Und so
war's auch gedacht - wir wollten unseren geliebten Gardasee so darstellen, wie er nach all
den Jahren in unseren Köpfen Gestalt angenommen hat: leben und reisen zwischen Bergen und
Wasser, unbeschwert und voller ganz persönlicher Erlebnisse. Da durften einige
ungewöhliche Seitenpfade, die eine oder andere verträumt-ironische Randbemerkung oder so
manch egozentrisch geratener, assoziativer Ausflug nicht fehlen. Und doch wünschten wir
uns auch eine überschaubare Ordnung und sachliche Inhalte. Sie mögen dem Leser helfen,
sich zurechtzufinden, denn die meist stetigen, zuweilen jedoch recht stürmischen
Gardaseewinde können jeden ein wenig anders um oder über den See treiben.
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-------------------------------------------------------------------------------- Aus dem
Inhalt: Über die Liebe und anderer schöne Gewohnheiten Arco - Basislager im Norden Die
Villa Italia Morgens schon in die Bar? Espresso oder 'caffe', das ist hier die Frage ...
Zwei Italienerinnen Ein Bummel durch ein Städtchen Der Burgberg von Arco Die Grafen von
Arco Geheimnisvolle Burg Kleiner Exkurs in Geographie Das Klima und andere gute Argumente
für eine Kur Stärkung für Leib und Seele Pasta - das Besondere in der italienischen
Küche Sugo - viel mehr als Saft oder Sauce Ein Rezept für kulinarische 'Freidenker'
Prosciutto Der Kater Calimero und andere nette Nachbarschaft Einkaufsbummel zwischen Markt
und Supermarkt Von großen Männern und bornierten Obern Nicolo D'Arco Giovanni Segantini
Wozu Sport? - Gesundheit, Hoffart oder Unterhaltung? Anzügliche Meditationen über den
Sport Sport in Italien Ein schöner Ort namens Laghel di sopra Vom Schwof über Twist zur
Disco Im Botanischen Garten und ein Treffen mit Dürer Riva - die zweite Heimat Der
Adlerhorst Noch ein Bummel durch ein Städtchen Gelati - Schlemmerei oder
Grundnahrungsmittel? La Rocca - die Wasserburg Die Ursprünge Rivas und ein wenig
Geschichte Das Beständige - Zuordnung zu einer Region Das Spielerische - Riva zu Zeiten
der Scaliger Das Abenteuerliche - Mailänder und Venezianer Das Neue - Umwege zu einer
dauerhaften Ordnung? Heimat ist auch, wo Lebenswege sich kreuzen 'La Casa Nofretete' -
Herr Gutermann 'Una famiglia italiana' 'La mentality' - typisch italienisch Die Wiege der
Eßkultur Die Sangesfreude Der Fremdenverkehr - ein umstrittenes Gewerbe Apropos Alkohol
Grenzenloses Sommervergnügen Auftakt - die lange Uferpromenade Steigerung - der
Badestrand Höhepunkt - die Domäne der Surfer Ausklang - die Berge über dem Treiben
Zugabe - die Ruhe am Abend Ein erster Überblick - und dann verlassen wir unser Nest Von
der Poebene in die Berge Die Entwicklung einer Landschaft Vogelperspektive - Flug in
luftiger Höhe Klima, Flora und Fauna Auf den Höhen über der Busa Das Sarca-Tal - Wege
ins Hochgebirge Im Osten - an der Flanke des Monte Stivo nach Nago Im Westen - auf
Serpentinen zum Lago di Tenno Cascata del Varone - ein Naturschauspiel Verkehrswege und
Reiserouten Segler, Dampfer und eine Eisenbahn Verkehrsboote und Tragflächenflitzer Vom
Trampelpfad zur Prachtstraße Die Uferstraße im Westen - Gardesana Occidentale
Touristenrummel, steile Bergflanken, hohe Täler Lago di Ledro - Limone - Pieve di
Tremosine Tignale - Madonna di Monte Castello - Campione Riviera Bresciana, italienische
Geschichte(n) Gargnano - Toscolano-Maderno - Gardone 'Il Vittoriale degli Italiani' -
Salò Im Süden, auf den Spuren der Römer Das Valténesi - Desenzano - Sirmione Die
Uferstraße im Osten - Gardesana Orientale Auf Goethes Spuren Torbole - Malcesine An der
Riviera degli Olivi Torri del Benacco - San Vigilio Heute und Gestern, Weinfelder und
Olivenhaine Garda - Ein Friedhof in Costermano Bardolino - 'Il Vino' - Lazise - Peschiera
Macht am Gardasee - Die Skaliger Gezähmte Natur am Südende des Sees Valéggio - 'Il
Giardino Sigurta' Zum Abschied: von Andenken und Mitbringseln Literatur
-------------------------------------------------------------------------------- © Baldur
und Hella Markert, Nürnberg, 2000 ISBN: 3-8311-2124-9 Bezugsquellen: der klassische
Buchhandel oder der Internet-Buchhandel Dieses Buch erzählt von einer Reise auf die
Peloponnes. Unser Basislager beziehen wir in Githio, dem antiken Kriegshafen von Sparta am
Lakonischen Golf. Vor dort aus reisen wir nach Olympia, Nemea, Korinth, Epidauros, auf die
Höhen des Taigetos, in die Niederungen der Eurotasebene, nach Monemvassia, ganz tief
hinunter nach Mani und immer wieder nach Sparta. Landschaften und Ausgrabungsstätten
werden beschrieben, wobei unsere besondere Liebe vor allem den reizvollen antiken Mythen
gilt, die sich darum ranken. Doch auch die modernere Geschichte kommt nicht zu kurz. Das
Buch ist fast fertig. Es wird wohl ungefähr in der Mitte des Jahres 2004 erscheinen. Hier
stellen wir fürs erste eine Kostprobe vor - unseren Besuch im Museum zu Olympia. Wir
freuen uns über jeden Besucher dieser Seiten, der daran interessiert ist, den folgenden
Text auszudrucken, um ihn in Ruhe und augenschonend zu lesen. Das übliche Copyright auf
Texte und Bilder behalten wir uns selbstverständlich vor. Ein kurzer Hinweis für den
Ausdruck: Der Text befindet sich bereits auf dem Bildschirm vor Ihnen, und Sie müssen nur
noch mit der linken Maustaste auf das Druckersymbol in der Kopfzeile Ihres Explorers
klicken. Das Bild und diese Zeilen werden dann zwar beim Ausdruck auf der rechten Seite
etwas beschnitten, wir haben aber - nach einigem Herumprobieren - den Text der folgenden
Geschichte so weit zur Mitte hin verschoben, daß er gut lesbar ausgedruckt werden sollte.
Rechnen Sie bitte mit ca. 9 Seiten - und dann viel Vergnügen beim Lesen!
-------------------------------------------------------------------------------- Baldur
und Hella Markert, Nürnberg, 2003 Das Museum in Olympia Wie steht es nun um unsere
Kondition? Eigentlich nicht schlecht, ich bin schon nach einer halben Stunde wieder
glockenwach und kann auch Hella sofort zu einem aufmunternden 'Kafetakis' an der Hotelbar
überreden. Danach sind wir dann schnell unterwegs, gilt es doch heute Nachmittag einige
der berühmtesten Kunstwerke der ganzen Antike zu bewundern: im modernen Museum am
Kladeos. Der Weg dorthin und der Parkplatz davor sind die gleichen wie für unseren Besuch
der Altis heute morgen, nur müssen wir uns jetzt nicht nach rechts zu deren Eingang,
sondern andersherum, das heißt gen Norden wenden. Unter den schattenspendenden Bäumen
erreicht man so schnell am anderen Ende des Parkplatzes das moderne Museum. Das ist ein
schlichter, rechteckiger Zweckbau, mit großzügiger Eingangshalle, Ausstellungssälen
rings um einen großen Mittelsaal und zwei kleinen, aber feinen Anbauten. Ein Rundgang
bietet sich also geradezu an, man kann sich hier wirklich kaum verlaufen. Gleich in der
Eingangshalle gibt es eine Information mit einem reichlichen Angebot an
unterschiedlichsten Publikationen - auch in deutscher Sprache. Man könnte sich auch von
dort aus führen lassen, aber man kennt ja inzwischen unsere Vorbehalte gegen Leithammel.
So kaufen wir uns lieber als Ergänzung der mitgebrachten Führer zwei reich bebilderte
Bücher (Andronicos und Yalouris et alii), dazu einen besonders genauen Plan des Museums,
und dann ziehen wir auf eigene Faust los. Ja, und ab jetzt gilt natürlich wieder das
gleiche, was ich schon vor unserem Altis-Spaziergang betont habe: Wir wollen und können
hier keine systematische Beschreibung des Museums und seiner Exponate abliefern, wir
werden uns aus der Überfülle vielmehr ganz gezielt unsere ganz persönlichen Rosinen
herauspicken, bestaunen und dazu unsere ebenso ganz persönlichen Eindrücke wiedergeben.
Und so geht es jetzt auch gleich zielstrebig rechts herum und weit nach hinten zum
östlichen kleinen Anbau. Hier hat »Der Hermes mit dem Dionysosknaben« von Praxiteles
(330 v.Chr.) einen würdigen Platz gefunden. Das Standbild ist so berühmt, man braucht es
wohl wirklich nicht zu beschreiben. Und doch ist der Eindruck überwältigend, wenn man
dann unter dem mächtigen Sockel steht und zu der 2,13 Meter großen Statue emporblickt
... man kommt sich richtig klein vor. Wie sich der weiße, parische Marmor vom Rot der
zart getünchten Wände abhebt und im Licht der indirekten Beleuchtung funkelt! Und welche
Worte hat man doch schon alle gefunden, um diesen Anblick zu beschreiben! Da ist von der
»lieblichen Drehung« die Rede, mit der sich der Gott an den Baumstumpf lehnt oder von
seinem »verträumten und feuchten Blick«. Ich will mich da nicht auch noch versuchen und
berichte lieber von der weniger bekannten Geschichte, die das Bildwerk erzählt: Der
kleine Dionysos entstammte einem Seitensprung des Zeus mit der Semele. Um ihn vor dem Zorn
der eifersüchtigen Hera zu schützen, bringt ihn hier Hermes gerade zu den Nymphen
Böotiens. Verteilten sich auf dem Herweg die Besucher noch angenehm in der
Weitläufigkeit der Säle des Museums, so drängt sich hier unter dem Hermes zufällig
gerade eine Reisegruppe zusammen. Direkt vor mir hält die Anführerin einen lautstarken
Vortrag über das Standbild in englischer Sprache, und wir partizipieren natürlich wieder
einmal daran. Ihre Ausführungen sind gar nicht so schlecht, und zudem ist die Dame recht
attraktiv. Sie hat ihre blonden Haare in einer sich nach oben verjüngenden Spirale am
Hinterkopf gebündelt, so daß ihr ein neckischer Büschel am Hinterhaupt und mir direkt
vor der Nase herumwedelt. Das lenkt ein wenig von ihren Worten ab, aber dann werde ich
plötzlich doch hellhörig: Der Hermes sei eine der ersten echten Vollplastiken, das
heißt, von allen Seiten gleich ansehnlich. Richtig, und man kann hier drin ja auch
wirklich um ihn herumgehen - warum stehen wir dann alle auf nur einer Seite? Ich löse
mich sofort aus der Gruppe, eile um die Statue herum, und kann in aller Ruhe und
ungestört zwei reizvolle, recht ungewöhnliche Bilder von ihrer Kehrseite machen. Das war
höchste Zeit, kaum hat die Vortragende ausgesprochen - oder ist es mein Vorbild? - laufen
alle nach hinten, um sich auch diese stramme Rückenpartie anzusehen. So kommt es, daß
ich hier, im Gegensatz zu allen mir bekannten Führern, auch einmal die Rückseite einer
der wohl berühmtesten antiken Plastiken zeigen kann. Der Hermes des Praxiteles von hinten
Wir aber ziehen weiter, zur zweiten klassischen Plastik, gleich um die Ecke, im anderen
Anbau, zum Norden hin: die »Nike des Paionios« (421 v.Chr.). Der Bildhauer schuf hier
ein ganz einmaliges Werk. Die überlebensgroße Figur aus weißem Marmor stand ehemals auf
dem schon erwähnten, neun Meter hohen Sockel vor der Ostfront des Zeustempels und schien
auf die Erde herniederzuschweben. Die Siegesgöttin war leicht nach vorne geneigt, und
mächtige, ausgebreitete Flügel und ein weit wallender Umhang wogen diese
Vorwärtsneigung harmonisch aus. Der Anblick muß den Betrachter am Boden tief beeindruckt
haben. Und ich muß jetzt mit noch tieferem Bedauern feststellen, die auf uns
überkommenen Reste, die man hier vor einem türkisblauen Hintergrund zusammengesetzt hat,
können diesen Eindruck kaum mehr vermitteln. Die Flügel, der Umhang, beide Arme fehlen -
und am schlimmsten, das Gesicht ist zerstört. Der Kopf, nur noch ein rundlicher Stein,
ist mit Hilfe einer schlichten Eisenstange auf dem Körper befestigt. Da ist es viel
leichter, die geborstenen Säulen des Zeustempels hochzudenken, als in diesen Torso die
Anmut hineinzusehen, wie wir sie in der Rekonstruktion bei Andronicos gefunden habe, die
meiner Beschreibung zugrunde liegt. Nur wenige Meter weiter, im Saal vor dem Anbau, stehen
wir dann vor einer ebenfalls sehr bekannten, diesmal allerdings tönernen Figurengruppe:
»Der Raub des Ganymedes durch den Zeus« (480-445 v.Chr.). Der Gott ist in einer weit
ausschreitenden Bewegung dargestellt, und sowohl er als auch der Knabe auf seinem Arm
zeigen einen geradezu verklärten Gesichtsausdruck. Zeus war nämlich in Ganymedes
verliebt, entführte ihn in den Olymp und machte ihn zu seinem Mundschenk und Pais, was
übrigens seine Gattin Hera gar nicht so gerne sah. Und damit sind wir bei einem
faszinierenden Kapitel der Kultur des alten Hellas, der Paiderastía, der Knabenliebe. Was
für uns heute ein Verbrechen, war den antiken Griechen ein hohes Gut, galt doch die
Knabenliebe als ein wesentlicher Bestandteil der Erziehung männlicher Jugend.
Weitergehende Ausführungen dazu würden den Rahmen dieser Erzählung sprengen; ich
erwähne das auch nur, weil wir von diesem Kunstwerk wieder einmal daran erinnert werden,
wie lückenhaft doch das uns von der Schule vermitteltes Bild der antiken Kultur ist. Dem
Leser, der mehr zu diesem Thema erfahren möchte, empfehle ich das sechste Kapitel in
Joachim Fernaus Buch oder die sehr ausführliche und reich bebilderte Studie »Ehe,
Hetärentum und Knabenliebe im antiken Griechenland« von Carola Reinsberg. Uns aber hält
nun nichts mehr - wir betreten endlich auch den zentralen Saal des Museums und widmen uns
intensiv dem berühmten Skulpturenschmuck des Zeustempels. Ich will kurz vorausnehmen, was
uns hier erwartet. Der Gesamteindruck eines griechischen Tempels wird bekanntlich vom
Kontrast zwischen den senkrecht in die Höhe strebenden Säulen und den waagerecht darauf
lastenden Architraven bestimmt, die ein relativ flaches Giebeldach tragen. Aus dieser
Ordnung ergeben sich auch die wesentlichen Schmuckelemente: Das Gebälk des Daches über
den eigentlichen Architraven war bei den hölzernen Tempeln des 7.Jh. noch
terrakottaverkleidet, wobei dreifach geschlitzte Tryglyphen die tragenden Balken über den
Säulen verdeckten, und die, mit mythologischen Szenen verzierten Metopen die Flächen
dazwischen füllten. Beim Zeustempel, einer der späteren Steinkonstruktionen aus der
Mitte des 5.Jh., wurden die Metopen zu Steinplatten, außen relativ schmucklos, innen, an
der Cella, zu farbig bemalten Hochreliefs. Darüber, in den Giebelfelder, den Tympana, an
der Vorder- und Rückseite des Tempels, fand sich ein reichhaltiger, thematisch
gestalteter Figurenschmuck. Im Mittelsaal des Museums hat man nun an den Längsseiten
jeweils die Figurengruppen des Ost- und Westgiebels wiederaufgebaut, während die Metopen
des Frieses der Cella an den kürzeren Seiten dieses rechteckigen Saals ausgestellt sind.
Wir wenden uns zunächst den Figuren des Ostgiebels zu. In diesem östlichen Tympanon, das
heißt, direkt über dem Eingang zum Tempel, war die Vorbereitung zum Wagenrennen zwischen
Pelops und Oinomaos dargestellt. Dieses mythische Rennen war vermutlich der Ursprung der
Olympischen Spiele, und Pelops selbst wurde damit Urvater unzähliger Heroen der antiken
Mythologie - eines ganzen Geschlechtes -, so daß ich diese Geschichte unbedingt
ausführlicher erzählen muß. Das nehme ich mir für heute abend vor, jetzt sehen wir uns
erst einmal an, was man nach zweieinhalb Jahrtausenden von der künstlerischen Gestaltung
dieses bedeutsamen Ereignisses ausgegraben hat. Zum Vergleich liegt uns ein eben
erstandenes Faltblatt mit der Rekonstruktion vor. Doch das, was wirklich übrig blieb, ist
gar arg enttäuschend. Dem allmächtigen Zeus in der Mitte fehlt der Kopf, Pelops ist im
Gesicht und an den Beinen verstümmelt, am besten erhalten sind noch Oinomaos und
besonders seine Gattin Sterope. Auch die Quadriga der beiden und überhaupt die ganze
rechte Seite des Tympanon haben unter den langen Zeitläuften noch am wenigsten gelitten.
Doch im ganzen gesehen, fällt es mehr als schwer, die ursprüngliche Pracht in das
dramatische Geschehen hineinzusehen. Wenden wir uns deshalb zur anderen Seite - und welche
Überraschung - schon der erste Eindruck ist ein ganz anderer. Im Westgiebel ist die
Schlacht zwischen den Lapithen, ihrem König Peirithoos und seinem Gastfreund Theseus
einerseits und den Kentauren anderseits dargestellt. Man hatte die Pferdemenschen zur
Hochzeit geladen, sie betranken sich, vergriffen sich an den Frauen der Gastgeber, und es
kam zum Kampf. Wie oft wurde doch schon die dramatische Dynamik dieses Kampfes in den
Figuren des westlichen Tympanon gerühmt - und sie kommt in diesen wenigen Fragmenten vor
uns auch wirklich ganz erstaunlich zum Ausdruck. Das ist ein wildes Getümmel: Der König
der Kentauren Eurytion ergreift die Braut Deidameia, die sich heftig wehrt, ein anderer
Kentaur ringt mit einer Lapithin, und die zum Rande hin schon gestürzten Gestalten sind
kämpfend eng ineinander verschlungen. Hier drängt es sich eigentlich auf, ein wenig mehr
über diese seltsamen Gestalten der griechischen Mythologie, eben die Kentauren, und
überhaupt von der damit zusammenhängenden Bedeutung des Pferdes für die frühen
Griechen zu berichten. Ich fürchte aber, unsere einfache Reiseerzählung ist dafür nicht
der rechte Ort, und so kann ich wieder einmal nur auf ein Buch verweisen - diesmal auf
Marianne Nichols, die das Thema ausführlich behandelt hat (S.66 ff.). Wir aber sind
eigentlich von etwas ganz anderem fasziniert: Da steht er nun endlich vor uns, der
berühmte Apollo, besterhalten, im Mittelpunkt des Kampfgeschehens - und er blickt
souverän auf die wildbewegten Gestalten hernieder. Schon lange vor der Reise haben wir
uns auf eben diese berühmte Skulptur gefreut und nun stehen wir endlich ehrfürchtig
darunter. Ja, ein wenig ehrfürchtig, denn für mich ist dieser Apollo des sogenannten
'Strengen Stils', der beginnenden Klassik um 460 v.Chr., längst zum erlesenen Sinnbild
für die ganze griechische Götterwelt geworden, und davon konnte ich inzwischen auch
Hella überzeugen. Hier ist alles stimmig - der ruhige Gesichtsausdruck, die straffe
Gestalt, die beherrschte Haltung, die sichere Gestik. Ein Gott steht vor uns - und der
ordnet nicht an, nein, er ordnet! »Apollon ist hier die Personifikation von Ordnung und
Geist über Begierde und Chaos, ...« (Brian de Jongh). Apollo aus dem Westgiebel des
Zeustempels Wir laufen jetzt mehrfach in den Anbau mit dem Hermes hinüber und wieder
zurück und vergleichen unsere Eindrücke. Gerade mal ein Jahrhundert liegt zwischen
diesen beiden Skulpturen, und doch erscheinen sie uns wie aus verschiedenen Welten. Neben
Apollo, dem Gott, kommt mir Hermes jetzt geradezu wie ein hübscher, frecher Lümmel vor.
Ich meine letzteres nicht etwa abwertend, sondern will damit nur - vielleicht ein wenig
überspitzt - den beeindruckenden Kontrast betonen. Ein Kontrast, fast wie zwischen einer
wuchtigen romanischen Kirche und einer verspielten Rokokokapelle. Es dauert eine ganze
Weile, bis wir uns dann endlich auch den Metopen an den Schmalseiten des Saales zuwenden.
Sie erzählen von den Heldentaten des Herakles. Drei Originale dieser Metopen sind
übrigens seit 150 Jahren im Louvre, hier konnte man davon nur mehr Abgüsse ausstellen.
Und nach dieser Besichtigung durchstreifen wir ganz unsystematisch auch noch die anderen
Säle des Museums. Vielleicht sollte ich dabei etwas zum Thema Fotografieren berichten:
Ich verzichte anfänglich, wie ich das von Museumsbesuchen her gewohnt bin, auf die
Verwendung eines Blitzgerätes, bemerke aber, daß es um mich herum immer wieder munter
blitzt. Da halte ich mich auch nicht mehr zurück, werde aber bald von einer jungen
'Aufsichtsdame' mit erhobenem Zeigefinger angesprochen: »No flashes!« Man wünscht das
hier also auch nicht, und man sollte sich daran halten. Übrigens - die Aufnahmen mit auf
Stühlen, Säulenstümpfen oder Vitrinen abgestützter Kamera sind sowieso viel besser
geworden als die geblitzten. Irgendwann landen wir auch im Saal mit den Funden aus
geometrischen und archaischen Zeiten - meist kleinere Stücke. Schon recht fußlahm lehnen
wir beide an einer der vielen Glasvitrinen, und ich erzähle Hella, daß es hier irgendwo
im Raum unter all den kleinen Kunstwerken auch zwei Stiere im Joch geben muß, die mir als
besonders schön in einem Kunstführer aufgefallen waren. Madame lacht, hebt den
Zeigefinger, und was für ein Zufall! In der Vitrine, auf die wir uns lümmeln, und
wirklich unmittelbar vor uns, da steht das Objekt meiner Schwärmerei, das bronzerne
Stiergespann, gerade etwa zehn mal zehn Zentimeter messend. Danach hätten wir unter den
unzähligen Exponaten des Saales ohne diesen glücklichen Zufall lange suchen müssen.
Erwähnen sollte man in diesem Saal aber unbedingt auch ein prachtvolles, stark
stilisiertes Pferdchen aus Bronze, das freistehend auf einem eigenen Sockel ausgestellt
ist. Diese Plastik ist eines der größeren Fundstücke der geometrischen Sammlung und
mißt circa zwanzig Zentimeter in der Höhe. Sie mag als ein Beispiel dafür dienen, wie
man unter Verzicht auf fast alle Details, nur durch treffende Form und Haltung, das
Typische eines Objektes geradezu perfekt darstellen kann. Am Ende unseres Besuches sitzen
wir müde vor den Giebelverzierungen des Heratempels und vergleichen die Fundstücke mit
den Rekonstruktionszeichnungen daneben. Etwas geht mir dabei durch den Sinn: All das war
ja einmal farbig, richtig bunt bemalt - auch die bewunderten Tympana des Zeustempels. In
einem Dokumentarfilm habe ich einmal gesehen, wir Archäologen der Münchner Glyptothek
einen der Ägineten, einen knienden Bogenschützen, auch farblich rekonstruierten. Der
Anblick war fast schockierend, widersprach völlig unseren Sehgewohnheiten. Nein, und
nochmals nein, das Hochdenken der Säulenstümpfe zu einem unversehrten Tempel ist schon
schwer genug. Da will ich nicht auch noch die ursprüngliche Farbe hineindenken ...
bewahren wir uns doch lieber die herrliche Vorstellung vom strahlenden Weiß des Marmors.
Ganz richtig ist dieses Bild jedoch nicht! Doch was ist schon richtig - an unserer
Vorstellung von der Wirklichkeit des antiken Hellas? Nun aber Schluß mit solchen ebenso
tiefschürfenden wie müßigen Überlegungen zur fernen Vergangenheit, genießen wir
lieber noch ein wenig die Abendsonne im Freien, und all die Farben, die sie eben jetzt in
den lichten Wald vor dem Museum zaubert. Zuvor umkreisen wir in der Eingangshalle das
Modell des antiken Geländes, das wir heute so ausgiebig durchstreift haben. Ja, und dann
lassen wir diese Erlebnisse auf einer Bank im Freien unter den Bäumen noch einmal in
Gedanken an uns vorüberziehen, bevor wir endlich den Wagen besteigen und zum Hotel
zurückfahren. Das war es dann aber auch für heute - wir sind ausgesprochen fertig. Die
Füßchen sind heißgelaufen, bleierne Müdigkeit steigt über die Waden in immer höhere
Regionen, und ich habe mir am linken großen Zehen zu allem Übel auch noch eine dicke
Blase angelaufen. So essen wir heute abend hier im Hotel, stellen dabei aber schnell fest,
daß wir dies gestern besser auch schon getan hätten. Die hoteleigene Taverne ist im
Garten hinter dem Schwimmbad untergebracht. Man sitzt im Freien unter Olivenbäumen,
zwischen üppigem Buschwerk, inmitten eines bunten Blumenmeeres und umfächelt von einer
kühlen Abendbrise. In einem Küchenhäuschen, mit offenem Grill davor, werkelt ein
Weißgeschürzter mit hoher Kochmütze, die eine schwarze Lockenpracht nur mühsam
bändigt. Eine hübsche Griechin bedient uns. Die junge Dame ist ein wenig mollig geraten,
dies aber sehr wohlproportioniert, und spricht ein völlig akzentfreies Deutsch. Auf meine
Frage hin meint sie: »Ich bin in Deutschland aufgewachsen, und da will ich später auch
wieder hin.« Wenn man sich daraufhin in dieser herrlichen Umgebung hier auch nur ein
wenig umsieht, fragt man sich allerdings - warum? Sie serviert uns zwei köstliche,
gegrillte Schweinekoteletts, dazu Tomatensalat und Zaziki. So gut haben wir bisher in
Griechenland noch nicht gespeist. Mit weit unter den Tisch gestreckten, müden Beinen
lassen wir dann bei einem Kafetakis diesen ereignisreichen Tag ausklingen. Und Olympia
krönt uns diesen Tag und setzt am Ende unseres Besuchs ein letztes, ganz besonderes
Glanzlicht: An einem dunklen, bleigrauen Abendhimmel versinkt die Sonne als glutroter Ball
ganz sachte hinter den fernen Bergen. Der Anblick ist so einmalig schön, daß im Lokal
die Gespräche verstummen, und auch wir genießen schweigend das prächtige
Naturschauspiel. Dann sind wir wieder auf unserem Zimmer und freuen uns aufs Bettchen.
Bevor ich mich nun aber schlafen lege, will ich schnell noch, wie versprochen, die
Geschichte vom König Pelops, dem Begründer der Olympischen Spiele, erzählen - quasi als
eine Gutenachtgeschichte: Pelops, der Sohn des Tantalos Die Sage um Pelops führt uns weit
zurück, bis in die Anfänge helladischer Zeiten, ganz in die Nähe der Ursprünge aller
griechischen Mythen. Damals wandelten noch Götter unter Menschen - und umgekehrt -,
allerdings nicht immer so ganz ohne Konflikte, wie sich gleich zeigen wird. Tantalos, Sohn
des Zeus und der Niobe, der mächtige König Lydiens in Kleinasien (Ovid), ließ seinen
eigenen Sohn Pelops »schlachten und zurichten« (Gustav Schwab) und servierte ihn den
Göttern zum Mahle, nur so, einfach um deren Allwissenheit zu prüfen. Pindar bestreitet
dies, aber die Geschichte ist so hübsch makaber - ein Archetypus menschlicher Hybris -,
daß wir sie einfach glauben wollen. Nein, das Rezept ist leider nicht überliefert. Aber
alle Götter - mit Ausnahme der Demeter, die gedankenverloren an einem Schulterblatt
knabberte - bemerkten natürlich den Frevel und bestraften ihren Gastgeber mit den
bekannten Tantalos-Qualen. Sein Sohn Pelops wurde von der Parze Klotho in alter Pracht
wieder hergestellt und das lädierte Schulterblatt durch ein elfenbeinernes ersetzt. Fürs
erste entwickelte er sich zu einem frommen Menschen, der die Götter verständlicherweise
dankbar ehrte. Er sollte sich später wieder ändern, aber das muß ich hier ja nicht
breittreten. Zunächst ward Pelops König der phrygischen Reiche in Kleinasien, wurde aber
von seinen Nachbarn, den Trojanern, vertrieben und landete als Flüchtling auf der
Peloponnes, die damals natürlich noch anders geheißen haben muß. Somit war er in
Griechenland eigentlich nur ein Zugereister. Bald verliebte er sich hier in die schöne
Hippodamia, eine Königstochter aus Elis. Ein düsteres Orakel lastete aber auf deren
Vater Oinomaos und prophezeite, er würde noch vor der Hochzeit seiner Tochter sterben. Um
dem zu entgehen, veranstaltete der Grausame mit allen Freiern lebensgefährliche
Wagenrennen und hatte dabei schon dreizehn verliebte Jünglinge umgebracht - er hatte
besondere Rosse, »geschwinder als der Nordwind«. Pelops gewann mit Hilfe seines
Schutzgottes Poseidon und eines üblen Tricks das Rennen: Das Töchterchen Hippodamia war
längst in Pelops verliebt, machte ihrerseits den Wagenlenker ihres Vaters, Myrtilos,
kirre, der dessen hölzerne Radzapfen durch wächserne ersetzte. So kam der Herr Papa -
wie prophezeit - ums Leben, und Pelops gewann seine Hippodamia. Als Myrtilos seinen Lohn,
eben diese Hippodamia, einforderte, warf man ihn kurzerhand ins Meer. Im Sterben
verfluchte er die beiden, was noch erhebliche Folgen haben sollte - darüber berichte ich
aus Mykene. Zunächst aber wurde Pelops ein mächtiger König auf jener Halbinsel, die er
später nach sich selbst benennen sollte. Doch seine besondere Bedeutung und sein Ruhm
gründen auch im folgenden: Pelops hat mit lobenswertem Fleiß und enormer Fruchtbarkeit
in der griechischen Mythologie sehr viele genetischen Spuren hinterlassen. So zählen zum
Beispiel auch Herakles, Theseus und die Atreus-Söhne Agamemnon und Menelaos zu seinen
Nachkommen. Bei den Halbgöttern muß man ihn natürlich in den mütterlichen Linien
suchen, was ziemlich mühselig und auch verwirrend sein kann. Im Kleinen Pauly fand ich
dann noch eine mehr historische Bemerkung: »Doch scheint Pelops eine argiv. Gestalt (aus
Argos) zu sein, die von Auswanderern nach Kleinasien mitgenommen und dort angesiedelt
wurde. Sein Name weist ihn als Eponym des verschollenen Stammes der Pelopes aus, nach
denen die einwandernden Dorier ihre neue Heimat benannten.« Marianne Nichols sieht im
Pelops-Mythos sogar einen der Hinweise darauf, daß auch in helladischen Zeiten noch
mehrfach orientalische Führergestalten in Griechenland Fuß fassen konnten. Jaja, wir
sollten eben neben unseren indoeuropäischen auch diese orientalischen Wurzeln nicht
vergessen! Tage in den Alpen Allgäu - Großglockner - Dolomiten
-------------------------------------------------------------------------------- Inhalt:
Was macht den Alltag so alltäglich - warum in die Ferne schweifen? Im Allgäu Ein Anreise
voll der guten Hoffnungen Aus grünem Tal zu schneebedeckten Gipfeln Enttäuschung am
Vormittag - Vergnügen am Nachmittag Das Unwetter im Gebirge und eine abenteuerliche Fahrt
Die kleinen Freuden im Dauerregen Das trockene Ende einer feuchten Reise Intermezzo I Am
Großglockner Eine Reise in den Sonnenschein Glocknerfahrt zur Wetterscheide Das Hochtor
und die Scheitelstrecke Die Kaiser-Franz-Josefs-Höhe Auf die Edelweiß-Spitze und ins
Mölltal Der Tauernkönig oder die Pracht des Großglockners Umzug von den Hohen Tauern in
die Dolomiten Bewegte achtundvierzig Stunden Aufstieg im Sonnenschein Absturz in eine
böse Nacht Odyssee zum Zahnarzt Schon wieder auf dem Heimweg Intermezzo II In den
Dolomiten Die klassische Route - über den Brenner ins Pustertal Rund um den Monte
Cristallo Auf der Großen Dolomitenstraße Das Pragser Tal im Regen Eine ungewöhnliche
Fahrt - am Ostrand der Dolomiten Schlechtes Wetter und doch vier Pässe Abschied von den
Drei Zinnen Nach Hause in den Winterschlaf Literatur
--------------------------------------------------------------------------------
-------------------------------------------------------------------------------- Was macht
den Alltag so alltäglich - warum in die Ferne schweifen? Der Mai ist gekommen, und uns
zieht's wieder mal mächtig aufs Land hinaus. Eigentlich ist das nichts Besonderes und
kaum mehr erwähnenswert, doch gibt es auch diesmal Gründe zu nennen, die unserer Abreise
ein klein wenig den Charakter einer Flucht verleihen. Verkneifen wir uns - wenn auch nur
mühsam -, auf den vergangenen Winter zu schimpfen, unsere Antipathie gegen Kälte,
Schnee, Eis und ähnliche Widerwärtigkeiten ist schließlich allseits bekannt. Nein, ein
ganz anderes Ereignis hat unseren Zorn erregt und muß hier unbedingt erwähnt werden.
Damit leiten wir unsere Erzählung auch gleich mit heftigem Geschimpfe auf den Alltag ein
und schaffen damit einen augenfälligen Kontrast zu den Annehmlichkeiten des Reisens, was
dieses in um so schönerem Licht erscheinen läßt. Wohl an: In der Hauptstraße unseres
Wohnvororts wird die Kanalisation modernisiert, und die Straße vor unserem Haus dient
derzeit als Umleitung. Dadurch erfahren wir ebenso lautstark wie leidvoll, was man alles
auf der Straße in einen kleinen Vorort hinein- und natürlich auch wieder herauskarren
kann. Eine Aufzählung füllte Seiten und wäre ermüdend, ein Beispiel kann ich mir aber
nicht verkneifen: So ist alleine unser kleiner Friedhof am Rande der Stadt die Ursache
eines heftigen und der Ruhe des Ortes gar nicht angemessenen Verkehrs. In nur einer Stunde
habe ich beim Morgenkaffee drei Blumenlastautos - zwei Zehntonner und einen fünfachsigen
Vierzigtonner aus Holland - gezählt, alle drei gleich zweimal, hin und zurück. Bei so
viel Aufwand für nur einen Friedhof, kann man leicht ermessen, wieviel Lärm und Gestank
die Versorgung des bescheidenen Geschäftslebens unseres kleinen Vororts verursacht. Aber
da ist ja nicht nur der Verkehr, der lärmt und stinkt: Die Mode umweltfreundlicher
Gartengestaltung der frühen neunziger Jahre ist längst wieder passe. Bäume werden
munter gefällt, Sträucher auf ein Minimum beschnitten, und der englische Rasen feiert
fröhliche Urstände. Wenn einer unserer Nachbarn auch nur ein Gänseblümchen entdeckt,
wirft er seinen schweren Rasenmäher an und fegt donnernd über die unschuldige Pflanze.
Zwei alte Männer haben vor kurzem das Baum- uns Buschwerk eines ganzen Straßenzugs in
nur einer Woche zu Spänen zerschreddert - man konnte ihnen die Freude bei dieser Arbeit
geradezu ansehen. Ach ja, noch etwas: Da gibt es sogar zischende Geräte, die einen
Hochdruck-Wasserstrahl ausstoßen, mit dem man Zäune, Türen, Gehwege und so weiter
sterilisieren kann. Die Erfindungen eines PS-starken Wühlmaus(er)bohrers oder eines
zivilen Flammenwerfers gegen Glatteis stehen allerdings noch aus. Sie werden wohl nicht
mehr lange auf sich warten lassen. In der Summe kann man das wohl kaum mehr als das
geschäftige Werkeln fleißiger Vorortbewohner bezeichnen, da rumoren wohl eher - für uns
- einfach Narren. Obelix würde treffend bemerken: "Die spinnen, die Städter."
Aber Schluß mit dem Geschimpfe - man weiß jetzt immerhin um die Unbilde, vor denen wir
so gerne aus der Stadt fliehen. Nur noch eine kurze, abschließende Bemerkung: Unser
kleiner Vorgarten ist eine winzige Insel wuchernder Natur inmitten akuratester
Aufgeräumtheit, was sich längst bei allen Vögeln im Süden Nürnbergs herumgesprochen
hat - sie besuchen uns zuhauf. Uns gelüstet jetzt im Frühjahr jedoch nach mehr an solch
halbwegs unvergewaltigter Natur. Uns treibt es hinaus aus dem städtischen Gewusel,
einfach aufs Land, wo es weniger hektisch und sicher gemütlicher zugeht. Und wir wollen
diesmal wirklich hoch hinaus. Die Großglockener Hochalpenstraße ist unser Ziel, und da
geht's alleine mit dem Auto bereits in Höhen von weit über zweieinhalbtausend Meter.
Warum aber gerade diese hochalpine Panoramastraße? Natürlich reizt uns die enorme Höhe,
es gibt schließlich nur noch zwei Paßstraßen in den Alpen, die ein paar Meter weiter
hinauf führen, das Stilfser Joch (2757 Meter) und den Col-de-l'Iseran (2770 Meter). Den
entscheidenden Impuls für diese Reisepläne gab jedoch ein Buch, die spannende Erzählung
von der Planung und dem Bau dieser Straße von Georg Rigele. Zum ersten Mal wurde uns bei
dieser Lektüre bewußt, welche Fülle an technischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt
politischen Problemen sich vor einem solchen Projekt auftun. Und doch sind es meist nur
einige wenige Menschen - oft ganz unterschiedlichen Naturells - die letztlich hinter ihrer
Überwindung und der Verwirklichung stehen. Die spannende Lektüre hat uns gefesselt und
neugierig gemacht, und wir wollen das Bauwerk - Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen -
auch mal vor Ort in all seiner Pracht bewundern und seinen Schöpfern Franz Wallack und
Franz Rehrl unsere Referenz erweisen. Nun haben wir aber einen besonders schneereichen
Winter hinter uns, und in diesen Höhen wird das weiße, kalte und glatte Zeugs noch bis
lange ins Frühjahr hinein herumliegen - bäh! Auf eine Internet-Anfrage hin hat man uns
aus Heiligenblut geraten, eine solche Reise nicht vor Ende Juni anzutreten. Bis dahin
dauert's uns aber viel zu lange. Wir stehen bereits seit April in den Startlöchern und
können jetzt unsere Frühlingsgefühle und die daraus erwachsende Ungeduld nicht mehr
länger zügeln. Schieben wir doch einfach eine Spritztour ins Voralpenland ein - dorthin
wo es nicht ganz so hoch ist -, genießen das alpine Frühlingserwachen und üben so schon
mal ein wenig für unser eigentliches Ziel. Deshalb soll diesmal unsere Erzählung gleich
von zwei Reisen berichten, und letztlich werden - wie das Leben so spielt - sogar drei
daraus. Manchmal können eben auch widrige Umstände höchst angenehme, wenn auch
ungeahnte Folgen haben, der geneigte Leser möge sich überraschen lassen. Alle drei
Reisen haben eigentlich außer dem gemeinsamen Ziel, den Alpen, recht wenig miteinander zu
tun haben. Und dennoch gehören sie zusammen wie Drillinge. Wir haben immer nur das eine
Motiv, weg von städtischen Alltag und seinem Getriebe, hin zu mehr ländlicher Stille und
hinaus in die schöne Natur. Es ist die Sehnsucht nach bunten Frühlingsblumen auf Wiesen
und Matten, friedlich grasenden Kühen, weiten Feldern und dunklen Wäldern ... und die
pure Lust auf genüßlich schweifende Blicke hinunter in ferne Täler oder hinauf zu hohen
Gipfeln ... Über unsere genaueren Pläne bezüglich des Großglockners - und was danach
noch folgte - berichte ich in kurzen Kapiteln zwischen den Reisen. Vorbereitungen für das
Alpenvorland gibt es eigentlich keine. Wer uns kennt, wird schon wissen wo's da hin geht -
natürlich ins Allgäu. Wir warten gerade mal die Eisheiligen ab, fragen telefonisch in
einem uns wohlbekannten Hotel an, ob die Kühe auch schon auf der Weide sind, und
versichern uns eines Zimmers - und dann kann's losgehen.
-------------------------------------------------------------------------------- © Baldur
und Hella Markert, Nürnberg, 2000 ISBN: 3-8311-1232-0 Bezugsquellen: der klassische
Buchhandel oder der Internet-Buchhandel In diesem Buch erzählen wir von unseren Reisen
auf Teneriffa und zu den Nachbarinseln Gomera, La Palma und El Hierro. Viele dieser
Geschichten sind schon geschrieben, und auch die wichtigsten informativen Exkurse
existieren bereits - zu den Menschen, zur Geschichte, über Flora und Fauna und den
allgegenwärtigen Vulkanismus. Bis sich daraus aber die wünschenswerte Ordnung eines
lesbaren Buches formt, wird wohl noch ein Weilchen vergehen. Als Appetitanreger und auch
als Beispiel für unsere Art zu reisen, stellen wir hier erst mal eines der fertigen
Kapitel vor. Es sind nur wenige Bilder eingebunden, um die Ladezeit möglichst kurz zu
halten. Wir freuen uns über jeden Besucher dieser Seiten, der daran interessiert ist, den
folgenden Text auszudrucken, um ihn in Ruhe und augenschonend zu lesen. Das übliche
Copyright auf Texte und Bilder behalten wir uns selbstverständlich vor. Ein kurzer
Hinweis für den Ausdruck: Der Text befindet sich bereits auf dem Bildschirm vor Ihnen,
und Sie müssen nur noch mit der linken Maustaste auf das Druckersymbol in der Kopfzeile
Ihres Explorers klicken. Das Bild und diese Zeilen werden dann zwar beim Ausdruck auf der
rechten Seite etwas beschnitten, wir haben aber - nach einigem Herumprobieren - den Text
der folgenden Geschichte so weit zur Mitte hin verschoben, daß er gut lesbar ausgedruckt
werden sollte. Rechnen Sie bitte mit ca. 16 Seiten - und dann viel Vergnügen beim Lesen!
-------------------------------------------------------------------------------- Baldur
und Hella Markert, Teneriffa, 5. Mai 2002 Punta del Hidalgo: Atlantis Park Hotel »Oh
Island in the Sun« - über Vilaflor in die Cañadas Dicke Wolkenpakete am Himmel, es
tröpfelt sogar ein wenig, wir beeilen uns auf dem Weg zum Frühstück durchs Freie in den
Speisesaal - und was erwartet uns da? Aus dem Lautsprecher tönt »Oh Island in the Sun
...«, von Harry Belafonte hingebungsvoll gesungen. Das gibt natürlich Anlaß für so
allerhand beißenden Spott, und doch nistet sich der Song bei Hella als Ohrwurm ein, und
sie trällert ihn weiter vor sich hin, bis ... aber davon erzähle ich gleich. Für heute
haben wir feste Pläne: Wetter hin, Wetter her, wir werden in die Cañadas hinauffahren,
und zwar auf dem wunderschönen Weg über Vilaflor, den wir vom Ende unseres Aufenthaltes
anno 2000 her noch in allerbester Erinnerung haben. Und da kopiere ich mir doch gleich den
entsprechenden Abschnitt aus dem 2000er Tagebuch hier herüber, vielleicht kann ich davon
einiges gebrauchen - es macht inzwischen Spaß, uns selbst zu zitieren, wer hat, der hat.
Wie damals fahren wir über El Socorro hinauf zur Autobahn Norte, über die Conexión zur
Autobahn Sur und dann im Süden der Insel am Meer entlang bis zur richtigen Ausfahrt. Aber
so weit sind wir noch nicht. Vor Portezuelo begegnen uns mehrere Lastwagen, die Kühe,
Ochsen oder Stiere geladen haben; man fährt die Tiere zur Nordküste. Was die wohl damit
vorhaben? Vielleicht ist heute der »Tag der Tenerifener Kuh«, oder so was ähnliches.
Man wird Elisabeth fragen müssen, die Chefin des Atlantis Park Hotels. Und da man auf der
Insel richtige Kühe doch recht selten sieht, nutze ich einfach diese Gelegenheit und
binde hier auch mal ein Bild mit Rindviechern ein - erst vor wenigen Tagen aufgenommen.
Abbildung 2: Zwischen Guamasa und El Socorro: Zwei Kühe vor einem Heuwagen Der Regen hat
sich übrigens verstärkt, und auf der Autobahn geraten wir dann in dichten Nebel, bei
jämmerlichen 12°C Außentemperatur. Doch Hella trällert noch immer das Liedchen vom
sonnigen Eiland vor sich hin, und ich greife den Faden auf und ulke, daß sie nur abwarten
soll, da unten, im Süden, da werden wir so richtig in die Sonne kommen, ob sie denn auch
die Sonnenmilch nicht vergessen habe. Sie fühlt sich aufgezogen, und auch ich bin vom
diesjährigen Wetter so frustriert, daß meine Worte wohl eher so eine Art von Galgenhumor
sind. Aber was passiert? Es geschehen noch Zeichen und Wunder, eine riesige Überraschung
harret unser! Wir scheren auf die Conexión hinüber, fahren zum Meer hinunter, erreichen
die Autopista Sur und sind plötzlich wirklich im strahlendsten Sonnenschein. Eigentlich
ist das nicht nur Sonnenschein, nein, es ist das Feinste vom Feinen, was Wetter überhaupt
bieten kann. Die Luft ist klar wie selten, beste Fernsichten, kein Wölkchen mehr am
Himmel, und die Berge des Zentralmassives zeichnen sich messerscharf gegen einen
dunkelblauen Himmel ab. Und dort oben, winzig klein und noch in weiter, weiter Ferne, da
leuchten die weißen Türme und Kuppeln des Observatoriums in der Sonne - dahinauf wollen
wir heute, auf langen, langen Umwegen. Wenn wir uns allerdings zurückwenden, können wir
die wabernden Wolkenmassen noch über dem Rücken zwischen Tacoronte und La Laguna sehen,
und diese Wolkenmassen bedingen eine seltsame Kuriosität: So gibt es wirklich kein
Wölkchen mehr direkt über uns, und doch muß ich jetzt noch ein paar Minuten den
Scheibenwischer eingeschaltet lassen, denn der Wind jagt uns einen zarten Schleier von
Tröpfchen hinterher. Aber auch dieser Spuk ist bald vorbei. Es ist ein herrliches Fahren:
kaum Verkehr auf der Autobahn, die Temperatur ist auf 25°C gestiegen, die Landschaft
liegt in einem gleißenden Licht, links der schwarzblaue Atlantik, rechts das Grün und
Braun der Berge. Ich bin in einer wahren Hochstimmung, ja, so haben wir immer von
Teneriffa geträumt - Wärme und Licht, all das, was uns einen langen Winter so gefehlt
hat. Nun brause ich endlich wieder einmal durch diese Halbwüste, bewundere die Barancos,
düstere Schluchten, die Hügel, Schuttkegel und Berge in all den Farben, wie sie nur ein
zorniger Vulkan ausstoßen kann und die Vegetation darauf, die Wolfsmilchgewächse und all
die anderen Überlebenskünstler. Meine Gedanken schweifen ab, erinnert das nicht ein
wenig an Kalifornien - Trockenheit, gleißende Sonne, wohlige Wärme bis tief unter die
Haut -, dort wo wir uns im letzten Jahr wieder einmal herumgetrieben haben? Und welch ein
Zufall - aus den Lautsprechern ertönt justament vom Band »I bend to California ... lie
down my body in the ocean ...« und ähnliches. Was ist das doch für ein herrliches
Gefühl, ich mache meiner Hochstimmung Luft und singe lauthals mit, als Hellas Stimme ganz
lässig von der Seite her tönt: »Ei,ei - Du hast wieder mal Deinen Kick!?!« Mag ja
sein, aber wann hatte ich diese herrlich leichte Stimmung, dieses Hochgefühl wohl zum
letzten Mal? Das scheint wirklich ein ganzes Jahr her zu sein! Aber halt, finden wir aus
dem Höhenflug der Gefühle wieder zum aktuellen Geschehen zurück, und ich sollte hier
wohl auch ein wenig von der uns so angenehm anregenden Landschaft erzählen. Wohl an denn
- die sogenannte Südküste Teneriffas ist eigentlich eine Südostküste, die sich in
einem sanften Bogen von der Hauptstadt Santa Cruz bis hinunter zur Südspitze der Insel
mit dem Leuchturm »Faro de la Rasca« hinzieht. Unmittelbar am Meer gibt es einen
breiten, relativ flachen Küstenstreifen, auf dem die Südautobahn Santa Cruz im Norden
mit dem Flughafen »Sofia« und den Touristenzentren um Los Cristianos im Süden
verbindet. Jenseits des Küstenstreifens, weiter landeinwärts, leitet ein fünf bis zehn
Kilometer breiter Streifen mehr oder weniger steilen Geländes in das eigentliche
Zentralmassiv der Insel über. Auf halber Höhe dieser, den hohen Berge vorgelagerten
Hänge verläuft die alte Küstenstraße ungefähr parallel zur Autobahn und verbindt eine
ganze Reihe eben dort gelegener, hübscher Städtchen von Arafo, Güimar über Arico bis
Grenadilla. Wir aber brausen jetzt ganz unten, auf der »Pista Sur« - Länge etwa 70
Kilometer - gen Süden und haben dabei die allerschönsten Ausblicke. Links unter uns das
weite, tiefblaue Meer, rechts die Hänge und dahinter die hohen Berge in einer Vielfalt
von braunen und grünen Farbtönen, dazwischen immer wieder die weißen Sprenkel der
Häuser einzelner Ortschaften. Küstenstreifen und viele Hanglagen werden bewirtschaftet -
Gärten, Felder, zum Teil mit hellen Planen vor dem Austrocknen geschützt. Dazwischen
ziehen wilde Schluchten, eben die 'barancos', zum Meer, die von den seltenen, aber um so
heftigeren Sturzfluten in den Fels gegraben wurden. Und dann gibt es auch immer wieder
kleinere und größere Vulkankegel zu sehen, düster, schwarz und kahl, von der
unheimlichen Aktivität dieser Vulkaninsel zeugend. Die Autobahn mußte man an vielen
Stellen in den Untergrund geradezu hineinschneiden, und auch die so entstandenen
Einschnitte im Gelände zeugen von dieser Aktivität - mächtige Basaltstrukturen,
pechschwarze Felsbrocken, achtkantige Säulen, oft wie die Pfeifen einer Orgel zu dicken
Bündeln vereint. Der Boden ist eben nicht, wie zum Beispiel in den Alpen, durch
Sedimentierung am Grund eines Urzeitmeeres entstanden, sondern wurde von der erstarrenden
Lava der Vulkanausbrüche geformt. Aber es gibt auch viele Stellen, die eine deutliche
Schichtung erkennen lassen, und die erinnern schon ein wenig an Sedimentablagerungen. Und
doch ist es wiederum nur vulkanisches Material, sozusagen der 'Staub' der Vulkane, der bei
den verschiedenen Vulkanausbrüchen zu Boden gerieselt ist und diese mächtigen, deutlich
unterscheidbaren Schichten gebildet hat. Abbildung 3: Blick von der Straße über Arafo
hinab zur Südküste Leider finden sich an dieser Autobahn keine Parkplätze, und ich will
die Piste heute auch nicht verlassen. So binde ich hier eben ein Foto ein, das wir einmal
von der Straße über Arafo aus gemacht haben. Auf dem blauen Küstenstreifen im
Hintergrund, da brausen wir jetzt gerade so hochgemut dahin. Inzwischen nähern wir uns
der Ausfahrt »San Isidor - Granadilla - El Medano«. Hier müssen wir jetzt die Autobahn
verlassen. Weiter geht es zunächst durch San Isidor. Der Ort ist auf einem sanft
ansteigenden Hügel erbaut, und seine Hauptstraße verläuft kerzengerade auf das von uns
angepeilte Zentralmassiv zu. Rechts und links die Häuserzeilen mit vielen Geschäften,
den Cafés, den Restaurants mit den einladenden Tischchen auf dem Gehsteig ... dazwischen
die breite, leicht bergan führende Straße mit einer üppigen Vegetation an den Rändern
und auf dem Streifen zwischen den beiden Fahrbahnen ... überall flanierende Fußgänger,
Moped- und Motorradfahrer in voller, lautstarker Aktion und natürlich Autos aller
Größen ... einfach Betrieb, Verkehr, wuseliges Gedränge und doch ohne jede Hektik - all
das mutet uns so angenehm spanisch an. Und dann traue ich meinen Augen kaum, zwischen den
hohen Kanarischen Palmen und den vielen bunt blühenden Büschen um uns her entdecke ich
auch hohe Bäumchen der »Coccoloba uvifera«, also der Seetraube. Diese Pflanze haben wir
erstmals in Punta del Hidalgo und dann auch anderswo als kleinen Strauch entdeckt, und
niemand, nicht einmal Elisabeth, die sonst so schlaue Chefin des Atlantis, konnte diesen
Strauch bestimmen. Ich, ja ich, der Laie, nicht Hella oder Elisabeth, die Botanikusse,
habe ihn dann bei Bramwell gefunden und im Hotel damit mächtig angegeben - das war
vielleicht ein Triumph. Nun sehen wir richtige Coccoloba-Bäumchen, prachtvolle Gewächse,
zum Teil schon weit über vier Meter hoch, und verstehen, warum man diese dekorative
Pflanze auf Teneriffa jetzt auch immer häufiger in Gärten und Parks heranzieht.
Abbildung 4: Coccoloba uvifera, eine Seetraube - an der Punta del Hidalgo aufgenommen
Überhaupt ist die ganze Atmosphäre hier in diesem kleinen Ort von einem
wohlig-südlichen Flair durchdrungen - die strahlende Sonne, die Wärme, die flachen
weißen Häuser am Straßenrand, diese üppig wuchernde Vegetation dazwischen, das bunte
Treiben -, wir werden richtiggehend angesteckt. Ja, und dann sehe ich eine Szene, die mein
Fotografenherz höher schlagen läßt. Ich versuche sofort zu parken, aber man kennt das
ja, keine Haltemöglichkeit auf der Fahrbahn, von hinten werde ich weitergedrängt, die
nächste Querstraße nach rechts zu einem Parkplatz in Sichtweite ist wegen Bauarbeiten
gesperrt, es gibt auch keine Möglichkeit zu wenden, und dann ist das alles schon wieder
zu spät. So will ich denn versuchen, die Szene wenigstens zu beschreiben, kann aber
versprechen, alles weitere Interessante dieser Exkursion werde ich wirklich im Bild
festhalten und vorzeigen. Nur jetzt muß sich der Leser erst mal nur mit meinen Worten
begnügen: An einer offenen Telefonzelle steht eine Mädchen und telefoniert mit dem
Rücken zu mir - neckischer, blonder Pferdeschwanz, luftige Bluse, ein knallrotes, kurzes
Höschen, lange, sehr lange, bildhübsche Beine, alles in allem eine Augenweide. An der
selben Telefonzelle lümmelt neben ihr ein Jüngling in gefährlicher Schräglage, doch
lässig-gekonnt anzusehen - nackter, muskulöser Oberkörper, nackte Beine, barfuß, in
der Mitte gerade mal ein tiefergelegter Bermudashorts. Wie der die Kleine dabei anhimmelt,
das ist schon unverschämt, und das ganze Bild atmet so viel Sommer, Sonne, Leichtigkeit -
das ist kaum mehr auszuhalten. Mit dem Teleobjektiv wäre es ein Leichtes, die
stimmungsvolle Szene einzufangen, die beiden würden es gar nicht bemerken, aber ...
Abbildung 5: Blick hinauf zum noch fernen Vilaflor Wir müssen weiter, durcheilen die noch
relativ flachen sechs Kilometer bis Grenadilla und kreuzen auf uns schon vertrauten Wegen
durch diesen Ort. Hella erinnert mich dabei lachend an eine Katze, die hier einmal brav am
Straßenrand wartete, um dann zwischen zwei Wagen gravitätisch auf einem Zebrastreifen,
ja, ganz brav auf einem Zebrastreifen die Straße zu überqueren - ein selten kluges Tier.
Am Ortsende beginnt dann die eigentliche Auffahrt in die Cañadas. Auf einer Entfernung
von weniger als 15 Kilometern Luftlinie gilt es nun etwa 2000 Höhenmeter zu überwinden.
Uns stehen also allerhand enge Kehren und extreme Steigungen bevor, aber auch herrliche
Ausblicke aufs Meer hinab und die Beobachtung, mit zunehmender Höhe, ständig wechselnder
Pflanzengesellschaften. Wir verlassen Grenadilla und sind schnell auf einer Bergstraße,
die unsere Exkursion für sich alleine schon wert wäre. Seit man vor ein paar Jahren eine
neue, breite Straße vom Flughafen Sofia über Arona hinauf nach Vilaflor gebaut hat, wird
dieses Sträßchen hier zwar arg vernachlässigt - es ist inzwischen eine richtige
Holperstrecke geworden -, dafür gibt es aber auch nur mehr sehr wenig Verkehr, und man
kann die wunderschöne Landschaft ganz ungestört genießen. In engen Schleifen windet
sich der Fahrweg am Berg hoch. Die Bebauung rundum lichtet sich schnell, hört bald ganz
auf, und man fährt - für Teneriffa fast schon ungewöhnlich - durch eine geradezu
menschenleere Landschaft mit einer urwüchsigen, wilden Trockenvegetation. Abbildung 6:
Die Auffahrt nach Vilaflor unter den Eukalyptusbäumen Uralte Eukalyptusbäume säumen den
Weg. Überall wuchern Büsche, die wir zum Teil gar nicht kennen, ein verfilztes, oft
mannshoches Gewirr. Andere sind uns dagegen wohlbekannt, wie die holzigen Jubas, die
fleischigen Kleinien, die riesigen Ampfer oder die stacheligen Opuntien. Die Kakteen
hängen voller Früchte, doch bei so mancher Pflanze kann man auch noch die reizvollen,
gelben Blüten sehen. An vielen Stellen wurde die Straße geradezu in den steilen Hang
hineingefräst, und dann treten beeindruckende Basaltstrukturen zu Tage. Wendet man sich
dagegen zurück, überblickt man die ganze weite Fläche dieses ungebändigten Berghangs
und wie er weiter unten in flacheres Gelände übergeht. Erst dort unten dann, auf diesem
flachen Streifen zum Meer hin, beginnt die Bebauung und die intensive Bewirtschaftung.
Doch gemach, auch diese Ordnung wird sich gleich noch einmal ändern. Abbildung 7: Der
Blick hinunter zum Meer Schon deutlich über tausend Höhenmetern tritt der
Eukalyptusbestand mit seinem verfilzten, buschigen Unterholz zurück und beginnt der
Kanarischen Kiefer zu weichen. Ganz unerwartet passieren wir jetzt auch das Schild am
Ortseingang von Vilaflor, und fahren an den ersten Häuser vobei, der eigentliche Ort
liegt aber noch hoch über uns am Hang. Und noch etwas ändert sich hier oben: Im Gebiet
der Gemeide wird auf terrassierten Feldern wieder eine intensive Landwirtschaft betrieben.
Wir sehen vor allem Kartoffeln, zum Teil im schönsten Weiß erblüht, und auch so
allerhand Gemüse. Daneben gibt es sogar Wein, liebevoll an den Hängen oder auf kleinen,
von Mäuerchen umgebenen Feldern gezogen. Was mag das wohl für ein Tröpfchen sein -
Vilaflor ist schließlich in mehr als 1400 Metern Höhe über dem Meeresspiegel die am
höchsten gelegene Gemeinde ganz Spaniens. Abbildung 8: Wein und Opuntien um Vilaflor Wie
genießem wir doch diese sonnige Fahrt auf dem einsamen, kaum mehr genutzten Sträßchen
hinauf in die luftigen Höhen des Zentralmassives! Immer wieder halte ich am Sraßenrand,
und wir strolchen in der Macchie-Vegetation oder zwischen den terrassierten Feldern umher,
bewundern einzelne Pflanzen - ein riesiger Ampfer hat es uns da besonders angetan -
fotografieren oder bestaunen die schönen Ausblicke hinab zum Meer. Aber was sage ich da?
Ganz so einsam sind wir ja gar nicht. Schon kurz hinter Grenadilla überholen wir zwei
Radrennfahrer, die diese Paßstraße offensichtlich zu Trainingszwecken benutzen. Unsere
Wege kreuzen sich dann allerdings immer wieder, und das kommt ganz einfach so: Die Knaben
strampeln stetig nach oben, wobei ihre rasend schnellen Tretbewegungen in einem geradezu
krotesken Gegensatz zur Langsamkeit ihres Vorankommens stehen - das liegt wohl an den
modernen Schaltungen mit den extremen Übersetzungen. Immer wenn wir nun einen unserer
vielen Stopps einlegen, ziehen die Knaben mit hochroten Gesichtern, schnaufend und
schwitzend an uns vorbei, um kurz danach erneut überholt zu werden. Letztlich werden wir
fast gleichzeitig in Vilaflor ankommen. Übrigens, als sie wieder einmal so an uns
vorüberkriechen - wir sitzen gerade gemütlich auf der Kühlerhaube, und ich schmauche
ein Zigarettchen -, fragt Hella allen Ernstes »wozu tragen die eigentlich so
windschnittige Helme, Schneckenhäuschen wären bei dieser Geschwindigkeit doch viel
angemessener?« Jaja, der Spott der Dame ist manchmal ätzend! Zwischendurch sind wir dann
auch immer wieder ganz alleine auf der Straße. Ich zuckele gerade gemütlich so vor mich
hin, als plötzlich ein heller, aufgeregter Schrei an meiner Seite ertönt: »Halt! - da
drüben, ein Natternkopf - zurück, zurück!« Ich bin ganz perplex, stoppe sofort und
rolle folgsam rückwärts ... ja, und dann sehe auch ich die einmalige Pracht. Ein Feldweg
leitet rechts den Hang hinauf, und nur ein paar Meter von der Straße entfernt reckt
tatsächlich ein Natternkopf seine mit unzähligen knallroten Blüten übersäte Kerze
fast zwei Meter hoch in den blauen Himmel. Der Anblick ist überwältigend. Man würde
diese Pflanze hier niemals erwarten, kommt sie doch ausschließlich und endemisch in den
Cañadas vor, heißt im Spanischen »Taginaste rojo« und trägt, wegen ihrer einmaligen
Schönheit, den Ehrentitel »der Stolz Teneriffas«. Abbildung 9: Der Natternkopf am
Wegesrand Wir fotografieren uns gegenseitig mit der riesigen Pflanze, und ich lege mich
sogar mit dem Rücken auf den Boden, um die riesige Blüte effektvoll vor dem dunklen Blau
des Himmels ins Bild zu setzten. Erst nach einer ganzen Weile können wir uns losreißen,
und es geht weiter bergan. Und obwohl wir uns - wie schon gesagt - bereits innerhalb der
Ortsgrenzen von Vilaflor befinden, geht es noch lange weiter über freies Land, durch die
Wein- und Kartoffelfelder, wobei uns vor allem auch die üppige, wilde Vegetation der
Straßenränder begeistert. Besonders der Kalifornische Mohn wuchert mancherorts so dicht,
daß auf diesen Randstreifen und den Hügel dahinter sein leuchtendes Gelbrot alle anderen
Farben überdeckt. Dazu sollte man erwähnen, es gibt sogenannte Naturschützer, die
wollen dieses hübsche Pflänzchen wieder ausrotten, nur weil es hier auf Teneriffa nicht
endemisch ist. Aber wo ist Natur ohne Wandel, Verdrängung, Umgestaltung - das wird wohl
kaum mehr gelingen, und das finden wir auch gut so! Abbildung 10: Kalifornischer Mohn im
Gegenlicht In einem sanften Bogen führt die Bergstraße dann endlich auch durch den
eigentlichen Ort Vilaflor. Ein paar weiße Häuser stehen um einen weiten Platz. Den
sollte man wohl eher eine großzügig angelegte Straßenkreuzung nennen, denn hier trifft
die neue Straße aus Arona auf das alte Sträßchen, das wir eben heraufgekommen sind.
Doch wir trauen unseren Augen kaum - was gibt es da herrliches zu sehen: In mehreren
Beeten hat man eine Vielzahl der roten Natternköpfe angepflanzt, die in allen Stadien
ihrer Entwicklung, vom noch grünen Winzling bis hin zur ausgewachsenen, über mannshohen
Kerze, in den blauen Himmel streben. Daher stammt also der Prachtbursche, den wir
unterwegs so ausgiebig bewundert haben; er ist wahrscheinlich von hier ausgebüxt. Und
noch etwas will uns sehr gut gefallen: Direkt an der Straßenkreuzung liegt ein Café mit
einladender Terrasse, wo man im strahlenden Sonnenschein unter bunten Schirmen rasten und
sich erfrischen kann. Sogar ein großzügig bemessener Parkplatz ist vorhanden, auf den
ich natürlich sofort kurve. Abbildung 11: Das Teide Flor an der Weggabel in Vilaflor
Bevor wir nun Platz nehmen, erspähen meine Augen wieder einmal eine Szene, die mein
Fotografenherz jubeln läßt. Inmitten blühender Natternköpfe steht eine Bank, und auf
der sitzen einige alte Männer und dösen in der Sonne. Das Bild strahlt so viel Frieden
und südländische Gelassenheit aus - das muß ich einfach haben. Ich pirsche mich
heimlich heran und wähle vorsorglich schon eine lange Brennweite. Aber bevor ich noch zum
Schuß komme, schwänzelt auf der anderen Straßenseite ein hübsches, junges Ding im
leichten Sommerkleidchen vorbei ... und aus ist es mit der Gemütlichkeit. Alle Blicke
folgen den aufregenden Bewegungen, und einer der Männer springt sogar auf und verdirbt
mir damit die ganze Komposition. Nun ja, ich kann den Standort und die Brennweite nicht
mehr schnell genug wechseln, um auch noch den Anlaß der Unruhe mit aufs Bild zu bekommen,
drücke trotzdem ab und binde das Bildchen hier ein - der Leser weiß ja nun, worauf die
alten Knaben so fasziniert starren. Abbildung 12: Die alten Knaben auf der Bank Im Lokal,
es heißt übrigens »Teide Flor«, werden wir dann von einer anderen hübschen, jungen
Spanierin sehr freundlich bedient, der nun meine Blicke unnötig lange folgen - wie Hella
ebenso unnötig, dafür um so spöttischer bemerkt. Aber wie auch immer - heute scheint
einfach alles zu stimmen. Die fesche Dame serviert uns Espresso und Eistüten. Und
während wir uns zurücklehnen und unsere Blicke genüßlich ins Tal hinab schweifen
lassen, strampeln die beiden 'Radrenner' vorbei. Sie haben offensichtlich genug, wählen
die Straße hinunter nach Arona und entschwinden damit endgültig aus unseren Augen. Doch
schon deutet sich eine neue Reisebegleitung an. Nach der angenehmen Erfrischung bummeln
wir noch ein wenig um das Lokal und sehen da vier geparkte, schwere Motorräder
herumstehen. Während ich noch das schwere, in leuchtenden Metallicfarben lackierte Gerät
bewundere, erscheinen die Herren Besitzer, vier junge Burschen, und nach dem üblichen
Ankleide- und Startzeremoniell von Motorradpulks entschwinden sie in Richtung Teide. Wir
folgen ihnen und werden den Vieren noch des öfteren begegnen. Ab Vilaflor ist die Straße
weiter hinauf in die Cañadas jetzt bestens ausgebaut. Kamen wir anno 2000 hier noch in
zunehmend immer dichtere Wolkenfelder, so herrscht heute der strahlendste Sonnenschein.
Damals mußte ich im Nebel sogar das Licht einschalten, jetzt können wir unsere Umgebung
in aller Klarheit bewundern. Wir sind endgültig in der Kiefernwaldzone angekommen. Uralte
Kiefern säumen unseren Weg. Elisabeth hatte uns bereits auf diese ganz besonders schönen
Bäume aufmerksam gemacht und dabei nicht übertrieben. Wie hoch recken doch diese
Baumriesen ihre mächtigen Kronen in den Himmel. Aber es gibt noch mehr zu sehen. Auch die
neue, gut ausgebaute Straße mußte man an vielen Stellen in den steilen Hang hineingraben
oder gar -sprengen. Hohe Felswände und tiefe Abgründe grenzen oft dicht an den
Straßenrand. Wir haben auch noch selten so beeindruckende Basaltstrukturen gesehen ...
achteckige Pfeiler ragen dicht an dicht wie die Orgelpfeifen viele Meter nach oben, und da
gibt es auch riesige Blöcke, herausragend, überhängend, oft eng in einander
verschachtelt ... manchmal muß man geradezu fürchten, sie könnten jederzeit
herunterfallen. Es ist eine fantastische Fahrt, und wir genießen jeden einzelnen Meter in
vollen Zügen. Abbildung 13: Basaltstrukturen - aufgenommen über Arafo Einmal schere ich
aus dem Kiefernwald auf eine mit Kies bedeckte Fläche am linken Fahrbandrand aus, in der
Hoffnung auf einen letzten Blick tief hinunter zum Meer. Da gibt es aber nur einen
Abbruch, und darunter ein anderes Kiesfeld mit Wald, und als wir da unten und durch sind,
wiederholt sich dieser Anblick ein weiteres Mal. Die schöne Aussicht erhaschen wir also
nicht mehr, dafür können wir heute die riesigen Kiefern einmal ganz aus der Nähe und im
strahlenden Sonnenschein bewundern. Der Weg zum geparkten Wagen zurück ist steil und
mühsam, und als ich dann schnaufend wieder am Steuer sitze, drehen die Räder beim
Anfahren durch. Nur ganz langsam und sehr vorsichtig kann ich unseren fahrbaren Untersatz
schließlich doch auf die eigentliche Fahrbahn zurückmanövrieren. Abbildung 14: Kiefer
am Rande des Nationalparks Nur ein paar hundert Meter weiter treffen wir wieder auf die
Motorradfahrer. Sie haben ihre schweren Maschinen am Waldrand abgestellt, sitzen auf
Steinen im Halbkreis, scheinen etwas zu trinken und zu plaudern. Aber da fehlt doch einer.
Hella entdeckt ihn schnell im Hintergrund. Er streift durch den Wald, bückt sich manchmal
und scheint etwas zu suchen. Hellas Meinung, der Knabe sei am 'Blümchenpflücken', kann
ich mich bei diesen rauhen Gesellen nur schwer anschließen. Aber vielleicht ist doch
etwas dran, denn als wir ihnen ein Stück weiter oben, schon ganz nahe am Kraterrand,
wieder begegnen, sind drei von den vieren mit dieser undefinierbaren Suche beschäftigt.
Nur einer bewacht die Motorräder und schmaucht ein Zigarettchen. Die Vegetation ist hier
oben auch tatsächlich wunderschön, und auch wir beide halten des öfteren und sehen uns
am Straßenrand, auf den Hügeln und unter den zum Teil schroffen Felsen dahinter immer
wieder um. Von Vilaflor kommend, muß man ganz hoch hinauf, über den Kraterrand hinweg
und danach auf einer in die Kraterwand geschmiegten Straße hinunter ins Kraterbecken
fahren. Man hat herrliche Blicke hinüber zum »Pico Viejo«, jenseits der pechschwarzen
Lavaströme seines letzten Ausbruchs. An der »Boca di Tauce« trifft unsere Straße aus
Vilaflor auf die Straße aus Santiago, um dann weiter in den Einsturzkrater, die Cañadas,
hineinzuführen. An dieser Straßengabel öffnet sich uns jetzt auch der Blick auf den
zwar jüngeren, aber noch viel größeren Bruder des Viejo, auf seine Majestät »El
Teide«. Die beiden Vulkane wachsen aus der weitläufigen Ebene der Cañadas hoch in den
Himmel. Diese Ebene, ein sogenannter Einsturzkrater, liegt mehr als 2000 Meter über dem
Meeresspiegel, hat einen Durchmesser von fast zehn Kilometern, und denkt man sich die
zerrissenen, bis zu 2700 Meter Höhe aufgewölbten Ränder hoch, kann man sich nur allzu
gut vorstellen, welch mächtiger Vulkan da in Urzeiten einmal in die Luft geflogen sein
muß, um einen solch riesiges Loch zu hinterlassen. Abbildung 15: Karte der Las Cañadas
Aber der Vulkanismus ist damit noch lange nicht zur Ruhe gekommen. Der Pico Viejo ist
schon wieder gut 1100 Metern über die 2000 Meter des Kraterbodens hinausgewachsen, der
Teide sogar über 1700. Und damit ist dieser Teide, mit seiner Gesamthöhe von 3718 Metern
über dem Meer, der höchste Berg Spaniens. Anno 1399 ist er vermutlich zum letzten Mal
ausgebrochen. Als Kolumbus 1492 unter Teneriffa vorbeisegelte, sah er eine gewaltige
Explosion - vermutlich der Viejo, und Alexander von Humboldt konnte 1798 einen weiteren
Ausbruch dieses Vulkans erleben. Unsere Fantasie reicht völlig aus, uns die nächste,
vielleicht gewaltigste aller Explosionen vorzustellen - aber wann mag das geschehen? Jetzt
gleich ... in tausend Jahren? - eine müßige Frage. Hier an der Boca de Tauce treffen wir
zum letzten mal auf unsere Motorradrotte. Es gibt da einen kleinen Mirador - so heißen in
Spanien besonders schöne Aussichtspunkte - mit ummauertem Parkplatz. Darauf stehen die
vier Maschinen fein säuberlich nebeneinander, während es sich ihre Besitzer auf dem
Mäuerchen bequem gemacht haben. Welch schöner Vordergrund für ein Bild von dieser
überwältigenden Naturkulisse. Aber das wird gar nicht so einfach: Eine kleine Japanerin
tanzt mir ständig vor der Nase und im Motiv herum; die junge Dame will ihre Begleitung
auf meiner Seite der Straße fotografieren - vielleicht komme ich sogar mit auf ihr Foto.
Ich jedenfalls wappne mich mit Geduld, und drücke erst auf den Auslöser, als die Sicht
wieder frei wird ... diesmal will ich mir keine Unruhe von einer Frau in die ruhige
Komposition tragen lassen! Und als ich dann abdrücke, da reckt zufällig einer der
Motorradritter spontan beide Arme in den Himmel. Welche Geste! Freude über die gut
überstandene, schwierige Auffahrt und Referenz an die erhabene Schönheit dieses
grandiosen Ausblicks? Abbildung 16: Die Mototrradfahrer vor der Kulisse des Teide Auf der
Weiterfahrt wägen wir dann - wie schon so oft - die Vor- und Nachteile von Reisen mit dem
Motorrad oder dem Auto gegeneinander ab. Gewiss ist man auf so einem Motorrad der Natur
noch ein gutes Stückchen näher, spürt den Fahrwind, die Bewegung, das Vorankommen ganz
unmittelbar und kann noch viele weiterführendere, einsamere, verwegenere Sträßchen
benutzen, als wir es schon tun. Dafür bedarf es aber einer besonderen Montur, und die
will - zumindest teilweise - bei jedem Stopp ab-, beziehungsweise wieder angelegt werden.
Wir dagegen sind immer gleich lässig gekleidet und stellen einfach, wenn's mal ganz dick
kommt, im Wagen die Heizung an. Da ist man schnell mal draußen - für ein Bierchen, einen
Café oder ein Foto - und manchmal noch schneller wieder drin! Jaja, ein Dach über dem
Kopf, gegen Sonne und Regen, das ist etwas Feines. Wie oft haben wir uns doch schon
köstlich über die Motorradler amüsiert, wenn sie unter Brücken vor Unwettern Schutz
suchen mußten, während wir noch flott vorankamen. Da ist's dann Schluß mit der
'Freiheit auf zwei Rädern'. Vielleicht ... wenn wir dreißig Jahre jünger wären ... nun
ja, aber so gemütlich unterhalten wie eben jetzt, das könnten wir uns auch dann auf
keinen Fall! Beim folgenden bitten wir den Leser um ein wenig Nachsicht, denn was nun
kommt, mag so manchem kindisch erscheinen, wir aber haben einen Heidenspaß daran: Direkt
unter den »Roques«, einer markanten, schroffen Felsformation, und dem unmittelbar
dahinter in den Himmel strebenden Teide gibt es wieder einen ummauerten Mirador. Wir
halten heute hier eigentlich vor allem, weil ausnahmsweise mal weit und breit kein anderes
Auto herumsteht. Ich balanciere auf dem Mäuerchen hin und her - nur so zum Spaß -, und
Hella sieht sich in der spärlichen Trockenvegetation unmittelbar dahinter ein wenig um.
Dabei fallen ihr die vielen Eidechsen unter und zwischen den Teide-Ginsterbüschen auf.
Die sollte man auch einmal groß ins Bild setzen, aber vorher muß man sie wohl irgendwie
erst mal anlocken. Ich krame unter der Heckklappe des Wagens herum und finde wirklich
einige, dick mit Schokolade überzogen Waffelriegel - so etwas naschen wir manchmal, wenn
gerade keine Kneipe in der Nähe ist. Ob die Eidechsen das auch mögen?
Würfelzuckergroße Bröckchen werden zurechtgemacht, erst mal eines davon auf den
Steinplatten hinter der Mauer deponiert, und dann lauern wir gespannt, bäuchlings auf der
Mauer liegend, und ich die Kamera im Anschlag, was nun passiert. Abbildung 17: Eidechse
mit Schokowaffel Es dauert kaum eine Minute, und dann kommt schon ein mittelgroßes
Eidechschen angekrabbelt. Das Tier beißt in den Brocken, aber da saust aus dem Schatten
der Mauer schon ein zweites, deutlich größeres hervor, reißt dem kleineren den Köder
aus dem Maul und verschwindet unter den Ginsterbüschen. Das geht alles so blitzschnell,
daß ich nicht zum Schuß komme. Dieses Spielchen wiederholen wir jetzt natürlich noch
ein paar Mal ... Brocken immer an die gleiche Stelle ... die Eidechsen belauern sich ...
eine versucht's, eine andere ist schneller ... und unsere Marschverpflegung entschwindet
langsam aber sicher unter dem Teide-Ginster. Wir haben ein geradezu kindliches Vergnügen
an dieser Fütterung, und mir gelingen auch tatsächlich einige nette Bilder. Aber das
beste kommt zum Schluß: Auf dem heißen Stein ist natürlich einiges von dem Überzug der
Waffeln geschmolzen, und an der Fütterungsstelle bleibt letztlich ein großer
Schokoladefleck zurück. Als es dann keinen Nachschub mehr gibt, kommt auch kein
Krabbeltier mehr - die raufen wahrscheinlich unter dem Ginster um die letzten Brocken
weiter -, bis auf eines, ein ganz kleines: Ein hübsches, leuchtend grün gefärbtes
Eidechschen kommt angeschlichen, beäugt den Fleck und fängt dann an, mit seinem winzigen
Zünglein die Schokolade aufzulecken. Schade, das kann man nicht fotografieren, da
bedürfte es schon einer Macroausrüstung. Die habe ich aber leider nicht dabei, man muß
es uns einfach glauben. So etwas haben wir noch nie gesehen - hoffentlich bekommt es dem
Tierchen! Nun haben aber auch wir Hunger bekommen. Wir reißen uns von den Eidechsen los,
fahren ein Stück weiter und parken am »Parador«, dem Luxushotel, mitten im
Einsturzkrater. In der Franco-Ära errichtete man an den schönsten Plätzen ganz Spaniens
besonders komfortable Hotels, die sogenannten »Paradores Nacionales de Turismo«, und
eines davon steht hier oben, am schönsten Platz der Cañadas. Früher haben wir im
Vorbeifahren gerne mal an der Hotelbar einen 'café solo' getrunken, inzwischen hat man im
Hotel einen Selbstbedienungs-Imbiß eingerichtet, und da verpflegen wir uns heute -
weniger stilvoll als früher, dafür aber immer noch genauso teuer! Vor dem Lokal gibt es
jetzt eine Terrasse, und hier zu sitzen, den vorzüglichen Marzipankuchen zu essen, Kaffee
zu schlürfen und in den Anblick des alles überragenden Teide zu versinken, versöhnt
immer wieder mit der touristische Entartung dieser Lokalität. Abbildung 18: Das Parador
in den Cañadas Es ist der einzige Ort auf ganz Teneriffa, an dem wir in all den Jahren
noch nie etwas anderes als strahlenden Sonnenschein erlebt haben - wir saßen hier schon
unter blauem Himmel, wenn es nur wenige hundert Meter weiter hagelte! Zur Linken hin
steht, vor dem Hintergrund der hohen Berge des Kraterrandes, ein kleines Kapellchen.
Direkt vor der Terrasse ziehen sich die schroffen Felsen der Roques hin, und dahinter
steigt der Teide 1700 Meter weiter in den Himmel. Zur rechten breitet sich die Ebene der
Cañadas aus, mit dem weit über mannshohen Ginster - riesige, olivgrüne Kugeln -, den
gelben Kissen der 'Teide-Schäfchen' und der blauen Katzenminze. Auch in dieser Richtung,
ein wenig weiter entfernt, begrenzt das Randgebirge den Blick, mit seinen erstarrten
Lavafeldern und -strömen in leuchtenden Farben vom Rot über die unterschiedlichsten
Brauntöne bis hin zum tiefsten Schwarz. Hier muß man einfach verweilen. Wir lehnen uns
zurück, strecken die Beine weit von uns und blicken ganz einfach hinauf zur Spitze des
Teides und lassen unsere Blicke über seine leicht nach außen gewölbten Flanken
schweifen. Da gibt es nicht mehr viel zu sagen - alleine der Anblick dieses mächtigen
Vulkans ist jede Reise nach Teneriffa wert! Abbildung 19: Der Teide mit den Roques im
Vordergrund Übrigens, was ich gerade über das schönen Wetter am Parador erzählt habe,
bestätigt sich auch heute wieder aufs schönste: Wir sitzen hier noch lange im
strahlenden Sonnenschein, auf der Weiterfahrt aber ändert sich das Wetter schnell, wenn
auch nicht so dramatisch wie vor wenigen Tagen, als wir in einen heftigen Hagelsturm
gerieten, und die Straße plötzlich weiß von großen Hagelkörnern war. Vom Parador aus
fährt man zunächst einige Kilometer unter der mächtigen Südostflanke des Teide
entlang. Von hier aus geht die Seilbahn hinauf bis dicht unter den Gipfel, und eine lange
Schlange von Autos steht wieder einmal auf der im Bogen aufwärts führenden Straße bis
hin zur Talstation. Die lassen wir heute einfach links liegen und fahren weiter in
Richtung Portillo, zum östlichen Ausgang des Kraterrundes. Die Straße durchschneidet
mächtige Lavafelder, zum Teide hin sogar richtige Berge, zum Kratergrund hin ein
zerklüftetes Gewirr von bizarren Felsbrocken, Trümmerfeldern und Schluchten. Die
erstarrte Lava leuchtet geradezu in den schon genannten Farben, und in einem weiten
Bereich sind die Felsen von glänzendem Obsidian überzogen. Doch zurück zum Wetter: Aus
dem Kratergrund zu unserer Rechten steigen bald durch die Senken, Furchen und Spalten
weißliche Nebelschwaden herauf. Von einem hohen Schuttkegel ragt nur noch die Spitze aus
dem Dunst, und je näher wir dem Kraterausgang kommen, desto nebeliger wird es auch auf
der Straße. Bei Portillo sind wir von dieser Nebelsuppe dann endlich völlig
eingeschlossen und wissen, daß uns eine 'trübe' Abfahrt bevorsteht. Die wabernden Wolken
steigen von der Nordküste herauf und beginnen von hier aus die Cañadas zu überfluten.
Wir sehen gerade noch, wie eine solche Wolke an der Flanke des Berges über der Straße
hinüber zur Sternwarte Izaña hinankriecht. Bald wird auch hier oben alles von dieser
weißen Pracht eingehüllt sein. Wir aber tauchen jetzt nach links, hinab auf die Straße
ins Orotava-Tal und hinein in die wallenden Wolkenschleier. Abbildung 20: Nebel aus dem
Orotava-Tal überflutet die Cañadas Man könnte nun meinen, daß solche Abfahrten durch
dichten Nebel, ohne irgendwelche Ausblicke, mit Sichtweiten von manchmal nur wenigen
Metern, völlig reizlos seien - für den Fahrer anstrengend, für den Beifahrer
langweilig, und vielleicht insgesamt auch nicht ganz ungefährlich. Zumindest für uns
muß ich das verneinen. Es gilt zwar jetzt die 2000 Höhenmeter auch hier wieder auf
weniger als 15 Kilometern Luftlinie zu überwinden, und das ebenfalls auf einer sehr
kurvenreichen Straße. Diese ist aber bestens ausgebaut, und der Verkehr ist bei solchen
Wetterlagen relativ gering - zumindest bis hinunter nach Orotava. Wir kennen inzwischen
die verschiedenen Straßen im Zentralmassiv Teneriffas wie unsere Westentasche, und damit
natürlich auch diese hier, hinunter ins Orotava-Tal. Selbst bei dichtestem Nebel kann ich
mich an der weißen Linie in der Straßenmitte orientieren, und die gefährlichen Kurven
kenne ich im voraus und fahre entsprechend vorsichtig. Unangenehm sind höchstens manchmal
die leichtsinnigen Drängler, die ich jedoch - wo immer möglich - gerne überholen lasse.
Abbildung 21: Der Kiefernwald im Nebel So wird es denn eine gemütliche Abfahrt, ich
lassen den Wagen meist motorgebremst rollen, und wir erfreuen uns an dem wenigen, was aus
der Nähe am Straßenrand doch alles zu sehen ist: Finstere Abgründe zur Linken, schroffe
Felsen zur Rechten - und umgekehrt -, eine vor Nässe triefende, üppige Vegetation,
mächtige Kiefern, deren Kronen nach oben im Nebel verschwimmen ... der Nebelwald wird
für uns zum Märchenwald, und so genießen wir geradezu diese romantische Fahrt. Aber da
die Schilderung all dieser, für uns so vielfältigen und reizvollen Details für den
Leser sicher eher ermüdend wäre, will ich hier nur von einer wirklich ganz markanten
Stelle dieser Strecke etwas ausführlicher berichten, der berühmten Basalt-Rose über
Orotava, der »Piedra la Rosa«. Nach etwa einem Drittel des Weges aus den Cañadas
hinunter nach Orotava, bei km 22.5, gibt es direkt an der Straße eine ganz besondere
Laune der Natur zu bewundern. Jenseits einer kleinen Schlucht blickt man auf einen
linsenförmigen Lavastrom, der zum Betrachter hin wie abgeschnitten erscheint. An der
Schnittstelle sind typisch achteckige Basaltsäulen zum Teil radial um ein längliches
Zentrum angeordnet, aus dem kürzere Säulen und Brocken senkrecht herausragen. Es
entsteht so der faszinierende Eindruck einer steinernen Blüte von über fünf Meter
Durchmesser. Dieses beeindruckende Naturwunder ist leider leicht zu übersehen, da es in
einer Kurve, von der Straße ein wenig zurückversetzt liegt, und weil man den Parkplatz
für die Besichtigung wegen des steilen Geländes etwas oberhalb der Schlucht anlegen
mußte. Es lohnt sich also, um die Kilometersteine 20 bis 25 herum, ein wenig langsamer zu
fahren und Ausschau zu halten. Wir parken natürlich auch heute und laufen durch den
dichten Nebel hinunter zur Schlucht. Kein Mensch ist außer uns weit und breit zu sehen,
und weiße Wolkenfetzen ziehen aus dem Talgrund empor und verdecken zum Teil den Blick auf
die so seltsam geformte, erstarrte Lava. Hinter der wallenden Nebelwand wirkt das Gebilde
heute eher wie ein überdimensionales Insekt, denn wie eine Blume - uns ist fast ein wenig
unheimlich zu Mute. Und weil ich diesen bewegten Eindruck mit der Kamera nicht festhalten
kann, binde ich für den Leser ein wohlgelungenes Foto ein, das ich vor wenigen Tagen und
bei strahlendem Sonnenschein aufgenommen habe. Abbildung 22: Die Basaltrose über Orotava
Als wir dann weiterfahren, erleben wir einen erneuten Wetterumschwung. Wir sind ja nun
wieder auf der Nordseite der Insel, und heute morgen hat es da noch heftig geregnet - man
erinnere sich. Inzwischen lacht auch hier die Sonne, nur noch einige Schäfchenwolken
tummeln sich am Himmel, und die Temperatur ist auf angenehme 23°C gestiegen. Ja, so macht
der jetzt fällige Besuch im Café Melita doch gleich doppelt so viel Spaß. Ich nehme die
letzten Kurven der Abfahrt voller Schwung, brause mit leicht überhöhter Geschwindigkeit
auf der Autobahn nach Tacoronte, dann geht's flott auf der Küstenstraße am Meer entlang,
und in Tejina schließt sich der Kreis unseres heutigen Ausflugs. Das geliebte Café
Melita, jaja, darüber muß ich kurz ein paar Worte verlieren: Bajamar und Punta del
Hidalgo sind die beiden letzten Orte an der Küstenstraße. Dahinter brechen die steilen
Bergflanken des Anaga-Gebirges direkt und schroff zum Atlantik hin ab. Schon zwischen
diesen beiden Orten verläuft die Küstenstraße in eine solche Flanke geschmiegt, um kurz
hinter Hidalgo, schon hoch über dem Wasser, zu enden. Und ziemlich genau auf halbem Weg
zwischen den Orten hat man besagtes Café noch vor die Straße auf eine steile Klippe
über dem Meer gebaut, eingeklemmt zwischen Fels und Wasser. Gerahmte Urkunden an den
Wänden verkünden stolz von deutschen Meisterwürden des Konditorhandwerks. Die
Wirtsleute haben dieses Wissen längst inniglich mit der Backkunst der Kanaren verbunden
und bieten ihren Gästen täglich eine Vielzahl köstlichster Kuchen und Torten. Viele
Kaffeespezialitäten, vom 'Deutschen Kaffee' bis hin zum Espresso, eine Theke mit
selbstgemachter Eiscreme und eine bestbestückte Bar internationaler Spirituosen
vervollständigen das Angebot. In diesem Tempel der süßen Genüsse pflegen wir unser -
heute etwas verspätetes - Mittagessen einzunehmen. Eine besondere Komposition hat sich da
nach langem Probieren zum Favoriten gemausert: Jeder drei Eiskugeln - Schokolade, Malaga
und Pistazie - mit reichlich französischem Likör übergossen. Letzteren wechseln wir
täglich, und man ist damit hier wahrlich nicht kleinlich. Heute zu Beispiel füllt uns
»Señorita Melita«, so nennen wir unsere freundliche Bedienung, einen großen
Cognac-Schwenker zu gut einem Drittel mit feinstem Bénédictine, dann ist die Flasche
leer. Sie ist damit aber nicht zufrieden, holt eine neue und füllt das große Glas
weiter, bis auf gut die halbe Höhe. Bei so viel Großzügikeit schnuppern und nippen wir
natürlich auch gerne mal an dieser edlen Flüssigkeit - ob man über Bénédictine wohl
gar zum Schnüffler werden kann(?) -, und doch bleibt uns immer auch noch ein Rest als
Würze für den Nachtisch: Jeder von uns beiden darf mal, von Tag zu Tag wechselnd, ein
Stück aus dem reichhaltigen Tortenangebot auswählen, das uns dann mit zwei Gäbelchen
zum abschließenden Espresso gereicht wird. Wir haben inzwischen fast alle Torten
verkostet, eine besser als die andere! Aber ... es sind nicht nur die süßen Sachen, die
uns so viel Freude machen ... es ist einfach die gesamte Atmosphäre im Melita, alle Sinne
kommen da auf ihre Kosten: Auch heute sitzen wir wieder auf der Terrasse, strecken die
Beine weit von uns, löffeln versonnen am Eis und naschen am Kuchen, plaudern über den
schönen Ausflug, lauschen dem munteren Vogelgezwitscher aus den Volieren eines
Nachbargrundstücks, sehen einem Pärchen von Grasmücken zu, das seine piepsenden Jungen
im bunt wuchernden Buschwerk der Terrassenumrandung großzieht, beobachten huschende
Eidechsen und taumelnde Schmetterlinge, blicken die mächtige Steilwand vor uns hinauf,
bis hin zu dem markanten Felsentor über Bajamar oder lassen unsere Blicke tief hinunter
zum Strand mit den anrollenden Brechern des Atlantik schweifen. Das ist ein langer Satz
geworden - ich könnte ganze Seiten füllen. Abbildung 23: Auf der Terrasse des Melita
Doch genug der Schwärmerei, machen wir den Rest kürzer. Jetzt geht's erst mal nach
Hause, und wir geben uns einer der schönsten Formen der Muße hin, einem langen
Nickerchen am Nachmittag. Ein Espresso an der Bar des Atlantis macht uns wieder munter.
Dabei will Elisabeth, die Chefin des Hauses, genau wissen, was wir heute wieder einmal so
alles getrieben haben. Sodann gelüstet uns nach ein wenig Bewegung, die wir uns mit einem
langen Spaziergang am Lavastrand unter Hidalgo und im Hafen von Bajamar verschaffen. Wie
schnell doch die Zeit darüber vergeht, es wird Abend, und schon streben wir dem letzten
Höhepunkt des Tages entgegen, dem Abendessen in unserem Stammlokal. Abbildung 24: Im
Dacil, unserem Stammlokal Diese gastliche Stätte ist nach der legendären, ach so
schönen Tochter des letzte Königs der Guanchen benannt und heißt »Dacil« - welch
wohltönender Name. Der Wirt, ein gebürtiger Bajamarer, hat sein Handwerk vom Lehrling
bis zum Hotelchef in langen 19 Jahren auf Sylt gelernt, dort eine rassige Portugiesin
geheiratet und ist in vielen Küchen Europas zu Hause - entsprechend vielfältig ist seine
Speisekarte. Wir lassen uns heute von seinem quicklebendigen und durchaus auch
sehenswerten Töchterchen einen »Kanarischen Kaninchenbraten« servieren. Und mit dieser
kulinarischen Köstlichkeit im Sinn will ich diesen ganz normalen Tag auf Teneriffa
endgültig ausklingen lassen. Impressum Angaben nach dem TDG / MDStV Anbieter i.S.d.
TDG/MDStV: Dr. Baldur Markert Puschkinstraße 30, D-90475 Nürnberg, Tel.: +49 911 830015,
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